„Ich kann das nicht totschweigen“ - Mutter erzählt vom Leben nach Totgeburt ihrer Tochter

dzReden über Sternenkinder

Patricia Frankes Baby kam tot auf die Welt. Die Geburt war aber nicht das Schlimmste für die Selmerin. Sie kämpft darum, den Weg zurück aus ihrem tiefen Tal zu finden - und gegen Ablehnung.

Selm

, 08.10.2019, 11:40 Uhr / Lesedauer: 4 min

Leona hat 40 Wochen im Bauch ihrer Mutter verbracht. Dreieinhalb Kilo hat sie bei der Geburt gewogen. So, wie viele andere Babys, die gesund auf die Welt kommen auch. Leona ist aber nicht gesund auf die Welt gekommen. Bei ihrer Geburt war sie tot.

Da war ihre Tochter schon tot

Im Juli sollte Leona auf die Welt kommen. Bei einem Arzttermin am 5. Juli war noch alles in Ordnung, sagt ihre Mutter Patricia Franke (23). Als sie am Tag darauf aufwacht, ist es das aber nicht mehr. „Ich habe gemerkt, dass irgendwas nicht in Ordnung ist“, sagt die Selmerin und ihre Stimme klingt brüchig. Darüber zu reden, fällt ihr schwer.

Im Krankenhaus erfährt Patrica Franke, dass sich die Nabelschnur des Babys zweimal um den Hals gewickelt hat. Da war ihre Tochter schon tot. Die Selmerin muss ganz viele Entscheidungen auf einmal treffen. Will sie das Baby jetzt auf die Welt bringen? Will sie erst einmal nach Hause gehen? Will sie das Baby nach der Geburt sehen? Wie sieht es mit der Beerdigung aus?

Patricia Franke bringt ihre Tochter noch an diesem Tag zur Welt. Sie presst, während sie eine andere Frau, die gerade ein Baby zur Welt bringt, schreien hört. Kurz darauf vernimmt sie auch Babyschreie. Sie weiß, dass sie diese Schreie von ihrem Kind nicht hören wird. Und irgendwie hofft sie es trotz besseren Wissens doch.

Wenig später hält sie ihr totes Mädchen in den Armen und fühlt sich für einen Moment glücklich. Als sie ihre Tochter abgeben muss, weint sie bitterlich. Noch am selben Tag muss sie wieder nach Hause. Kommt in ihr Schlafzimmer, wo die Wiege steht. Alles ist vorbereitet für ein Leben mit dem zweiten Baby. Aber das Leben mit dem zweiten Baby gibt es nicht. Sie und ihr Partner sind bereits Eltern einer dreijährigen Tochter.

„Ich kann das nicht länger totschweigen“

Patricia Franke versucht zunächst positiv zu sein. Doch als dann kurz darauf auch noch ihre Großmutter stirbt, die ihr sehr nahesteht, fällt sie in ein tiefes Loch. Ein Loch, in dem sie sich auch aktuell befindet. „Momentan stehe ich nur noch für meine Tochter auf“, sagt Patricia Franke. Sie meint ihre dreijährige Tochter Amelie.

„Es ist sehr schwierig den Alltag zu meistern“, sagt sie. Es gebe Freunde, die sich von ihr abgewendet hätten, weil sie nicht wüssten, wie sie damit umgehen sollen, dass sie eine Totgeburt hatte. Ihre Mutter sei nicht mal bei Leonas Beerdigung gewesen. Und dann sind da auch noch manche Sprüche, die die 23-Jährige verletzten, wahrscheinlich gut gemeinte:

„Man hört solche Sachen wie, ‚es sollte nicht sein‘, ‚du bist doch noch so jung und kannst wieder ein Baby bekommen. Oder dass der Name des Babys einfach nicht in den Mund genommen wird. Einfach nur ‚sie‘.“ Nicht Leona. „Sie wird einfach totgeschwiegen“, findet Patricia Franke. Das ist auch der Grund, warum sie sich entschieden hat, mit ihrem richtigen Namen in diesem Artikel zu erscheinen. „Ich kann das nicht länger totschweigen“, sagt sie. „Ich muss darüber reden.“

Wie können Freunde und Verwandte helfen, mit einer Fehlgeburt umzugehen?
  • „Ehrlich sein“, rät Corinna Nolte. Wenn man nicht weiß, was man sagen kann, dann sollte man genau das sagen.
  • Hilfe anbieten: „Fragen, was brauchst du gerade“, rät Nolte. Manche Betroffene wollten in Ruhe gelassen werden, andere freuten sich über eine Schulter zum Anlehnen oder ein Angebot für eine Freizeitaktivität.
  • „Besser fragen als Ratschläge geben“, sagt Nolte. Zu sagen, man sei ja noch jung und könne noch Kinder kriegen, nutze nichts. Stattdessen sollte man lieber Empathie und Sensibilität aufbringen.

Ein Brief an das Kind, das nie geboren wurde

Corinna Nolte kann das gut verstehen. Die 31-Jährige hat 2016 ebenfalls ihr Baby verloren. Ihr erstes Baby. Neun Wochen lang war sie schwanger, erlitt dann eine Fehlgeburt. Danach hat sie sich sogar Vorwürfe gemacht. „Obwohl ich wusste, dass es Quatsch war“, sagt die Selmerin. „Es war das absolute Chaos und mein Mann war hilflos. Er wollte helfen, aber er wusste einfach nicht wie.“ Ohnehin werde bei dem Thema Fehlgeburt oft nur an die Frauen gedacht, dabei seien es doch genauso die Männer, die ihr Baby verloren haben.

Geholfen hat Corinna Nolte auch eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin, die sie danach absolviert hat. Ihre inneren Gefühle hat sie auf Bildern festgehalten und „ich habe angefangen zu erzählen“, sagt sie.

Malen, zunächst ganz still und dann mit anderen ebenfalls Betroffenen sprechen, nur über das, worüber man zu reden bereit ist, darum geht es nun auch bei einem Kurs der Familienbildungsstätte, den Corinna Nolte leitet. „Ich glaube, es hilft, wenn man merkt, dass man mit vielen Frauen im gleichen Boot sitzt“, sagt sie.

„Es wird ein großes Aufreißen von Wunden sein“

Der Kurs „Sterngespräche für Frauen mit fehlgeborenen Kindern“ in der Familienbildungsstätte umfasst insgesamt sechs Termine. „Es ist eine Mischung aus Gespräch und Malen“, sagt Corinna Nolte. Außerdem wird es auch um praktische Fragen gehen, zum Beispiel: Wie gehe ich mit meinem Umfeld um, wie sollte mein Umfeld mit mir umgehen und wie geht der Alltag weiter? Es ist das erste Mal, dass so ein Kurs in Selm angeboten wird. Zunächst ist er nur für Frauen bestimmt. Bei späteren Kursen sei es aber möglich, dass es auch einen Tag gibt, an dem die Partner dazukommen können, erklärt Nolte.

Allerdings, das ist Corinna Nolte wichtig, ersetze der Kurs keine Therapie. „Es wird erstmal ein ganz großes Aufreißen von Wunden sein“, sagt sie. Aber sie hofft, dass sich die Frauen vernetzen, gegenseitig Trost spenden können und das Reden und Malen hilft, um besser mit der Trauer umzugehen.

„Ich kann das nicht totschweigen“ - Mutter erzählt vom Leben nach Totgeburt ihrer Tochter

Heide-Marie Schmidt (links) von der Familienbildungsstätte und Kursleiterin Corinna Nolte hoffen, dass viele betroffene Frauen den Mut finden, an der Veranstaltung teilzunehmen. © Sabine Geschwinder

„Mein Ziel ist es, dass die Frauen dieses Ereignis irgendwann als Teil ihrer Geschichte annehmen“, sagt Corinna Nolte. „Das ist genauso ein Todesfall, wie ein Familienmitglied, das stirbt.“ Das hake man nicht einfach so ab. „Und dass sie sich selbst annehmen und sich nicht die Schuld geben“, sagt die Selmerin.

Viele Eltern sind betroffen

Das Thema fehlgeborene Kinder, auch Sternenkinder genannt, ist eines, das viele Frauen betrifft. 2787 Babys kamen in Deutschland im Jahr 2015 laut Statistischem Bundesamt als Totgeburt zur Welt, im selben Jahr gab es 22.200 Fehlgeburten, die stationär in Krankenhäusern verzeichnet wurden. Die tatsächliche Zahl liegt höher, da nicht jede Fehlgeburt verzeichnet wird.

Als Fehlgeburt gelten Kinder, die vor der 24. Schwangerschaftswoche sterben und unter 500 Gramm wiegen. Kinder, die über 500 Gramm wiegen, nach der 21. Woche geboren werden und kein erkennbares Lebenszeichen zeigen, gelten als Totgeburt.

Seit 2013 können Eltern von Sternenkindern diese auch unabhängig von Schwangerschaftswoche und Gewicht unter 500 Gramm beim Standesamt dokumentieren lassen. Das bedeutet, sie werden als Person anerkannt und können auch beerdigt werden. In Selm können Eltern das seit 2011 ohnehin. Dafür gibt es auf dem Selmer Friedhof den Begräbnisort Pusteblume, wo alle drei Monate eine Gemeinschafts-Beerdigung von Sternenkindern stattfindet.

Umgang mit der Trauer

Corinna Nolte hat auch ein Ritual geholfen, um besser mit dem Verlust ihres ungeborenen Kindes umzugehen. Zehn Monate nach der Fehlgeburt hat sie ihrem Kind einen Brief geschrieben, einen Stein an den Brief gebunden und ihn im Rhein versenkt. „Das war befreiend, weil ich aufgehört habe, mir Vorwürfe zu machen“, sagt sie. Danach war für sie auch Platz, wieder an die Familienplanung zu denken. Dann hat es auch geklappt. Ihre Tochter wird im November zwei Jahre alt.

Patrica Franke steckt noch ganz tief im Trauerprozess. Lange Zeit hatte sie die Wiege für ihre Tochter noch im Schlafzimmer stehen gehabt. Irgendwann hat sie sie in den Keller geräumt. Aber sie hat einen Hoffnungsschimmer, auch wenn der natürlich Leona nie ersetzen kann: „Ich weiß, dass da irgendwann wieder ein Baby drin liegt. Irgendwann.“

Sterngespräche für Frauen mit fehlgeborenen Kindern So heißt der Kurs in der Familienbildungsstätte. Es gibt insgesamt drei Kursveranstaltungen mit jeweils sechs Terminen. Montag, 28. Oktober bis 2. Dezember Montag, 3. Februar bis 16. März und Montag, 20. April bis 25. Mai, jeweils immer montags von 19.30 Uhr bis 21 Uhr Die Kursgebühren betragen 48 Euro, Ermäßigungen für berechtigte Frauen sind möglich. Anmeldung über die Familienbildungsstätte, Ludgeristraße 111, Tel. (02592) 2492130 oder per Mail an fbs-selm@bistum-muenster.de
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