Expertin: Schnelle Vernehmung von missbrauchten Kindern

Wenn Kinder missbraucht werden, sind sie für die Justiz wichtige Zeugen. Das darf jedoch nicht zu führen, dass Therapien auf der Strecke bleiben, sagt eine Expertin.

12.11.2019, 13:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nach dem Bekanntwerden des massenhaften Kindesmissbrauchs in NRW fordern Experten die schnelle Vernehmung der Opfer, damit diese möglichst bald therapeutisch versorgt werden können. „Innerhalb von vier Wochen müssen die Vernehmungen abgeschlossen sein“, sagte die Kölner Traumatherapeutin und Leiterin der Beratungsstelle Zartbitter, Ursula Enders, der dpa. Häufig verzögere sich durch die Justiz der Beginn einer Therapie von Missbrauchsopfern, weil deren Aussagen unverfälscht bleiben sollen. „Das wie, als wenn man ein Kind mit inneren Blutungen nach dem Unfall auf der Autobahn liegen ließe“, sagte Enders.

Die Polizei hat in den vergangenen Tagen insgesamt acht Männer festgenommen, die in den meisten Fällen ihre eigenen Kinder oder Stiefkinder missbraucht haben sollen. Fotos und Videos dieser Taten wurden in Chat-Gruppen mit Tausenden Mitgliedern geteilt. Das führe zu einer zusätzlichen Belastung, sagt Enders, die die Landesregierung bereits im Missbrauchsfall Lügde beraten hat. „Wenn Kinder wissen, dass ihre Fotos im Netz waren, können sie das Gefühl haben, dass der Missbrauch niemals endet.“

Die zuständige Kölner Staatsanwaltschaft konnte zunächst nicht sagen, wie schnell die Vernehmungen erfolgen könnten. „Natürlich ist es sinnvoll, das zeitnah zu machen“, sagte Staatsanwalt Ulrich Bremer. Es seien bereits einige der geschädigten Kinder vernommen worden.

Bei schneller therapeutischer Versorgung hätten Kinder gute Chancen, die Missbrauchserfahrungen zu verarbeiten und langfristige Belastungen zu mindern, sagte Enders. Insbesondere bei Kindern, die wie in den aktuellen Fällen von eigenen Eltern missbraucht worden seien, sei professionelle Hilfe besonders schnell notwendig, da die Ressourcen dieser Kinder im persönlichen Umfeld viel geringer seien.

Wie diese Hilfe konkret aussehen sollte, sei von Fall zu Fall unterschiedlich. Bei manchen müsse die ganze Familie Therapiesitzungen bekommen, andere müssten schnellstmöglich in eine andere Wohnung umziehen. „Man kann einem Kind nicht zumuten, in dem Bett zu schlafen, in dem es vergewaltigt worden ist“, sagte Enders. Jugendämter müssten vom Land mit entsprechenden Trauma-Experten ausgestattet werden, die in Gesprächen ermitteln sollten, welche Art der Hilfe ein Missbrauchsopfer benötigt.

Bleibt die notwendige Versorgung aus, kann ein Missbrauch im frühen Kindesalter Experten zufolge das ganze Leben beeinflussen. Depressionen und Essstörungen drohen, im schlimmsten Fall können Opfer selbst zu Tätern werden. Dieses Risiko sei bei Missbrauchsfällen jedoch nur minimal höher als bei anderen Gewaltverbrechen, betonte Enders.

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