Ex-SS-Wachmann im KZ Stutthof: „Ich habe nie Tote gesehen“

Er soll als SS-Wachmann im KZ Stutthof Teil einer Mordmaschinerie gewesen sein. Doch in seinen Aussagen leugnet der angeklagte 94-Jährige, vom systematischen Töten gewusst zu haben. Überlebende der KZs nehmen ihm diese Naivität jedoch nicht ab.

20.11.2018, 13:39 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ex-SS-Wachmann im KZ Stutthof: „Ich habe nie Tote gesehen“

Im Prozess gegen einen SS-Wachmann schiebt ein Justizbeamter den Angeklagten mit dem Rollstuhl in den Sitzungssaal. Foto: Guido Kirchner

Im Prozess wegen Beihilfe zum Mord in Hunderten von Fällen im NS-Konzentrationslager Stutthof leugnet der Angeklagte weiterhin, von Vernichtungsstrukturen gewusst zu haben. Nie habe er Tote gesehen, das Wort Krematorium habe er nicht genau gekannt und seinerzeit nie von einer Genickschussanlage gehört, trug der Anwalt des 94-Jährigen am Dienstag vor dem Landgericht Münster vor. Er sei seiner Erinnerung nach als Wachmann dem alten Lager zugeordnet gewesen, in dem keine jüdischen Gefangenen untergebracht gewesen seien.

Dem 94 Jahre alten Mann aus dem Kreis Borken im Münsterland wirft die Staatsanwaltschaft vor, als Wachmann in dem Lager östlich von Danzig mehrere Hundert Morde zwischen 1942 und 1944 ermöglicht zu haben. Nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralen Stelle in Ludwigsburg starben bis Kriegsende 65 000 Menschen im KZ Stutthof und in seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen.

Zwar sei ihm klar gewesen, dass die Behandlung durch die Nazis zum Leid der Gefangenen und zu vielen Toten geführt habe, ließ der Angeklagte am vierten Prozesstag vortragen. Er schränkte aber ein: „Es ist nicht so, dass ich konkrete Vorstellungen von irgendwelchen Vorgängen gehabt habe.“.

Erst gegen Ende seiner Dienstzeit sei ihm klar geworden, dass Häftlinge starben, obwohl man sie mit medizinischer Behandlung oder ausreichend Nahrung vielleicht noch hätte retten können. Er gab außerdem zu Protokoll, nach Kriegsende zunächst mit niemandem über das Erlebte gesprochen zu haben. „Ich war froh, das hinter mir zu haben“, hieß es dazu. Erst 1974 habe er in einem Gerichtsprozess als Zeuge zu dieser Zeit ausgesagt.

Bereits vor der weiteren Aussage des Angeklagten hatte das Internationale Auschwitz Komitee Kritik an den bisherigen Einlassungen des 94-Jährigen geübt. Es werde das Bild eines „zutiefst naiven und hilflosen jungen Knaben“ vermittelt, der dem Geschehen des KZs fassungslos und unbeteiligt gegenüberstehe. „Diese sehr bewusst eingesetzte Haltung der Naivität als Mittel der Rechtfertigung und Verteidigung schiebt die grausame Realität der Opfer von Stutthof weg wie ein lästiges Detail“, teilte dessen Vizepräsident Christoph Heubner mit.

Die Überlebenden appellieren laut Heubner an den Angeklagten, von den vorbereiteten Texten abzuweichen und auf die Fragen der Nebenkläger einzugehen. „Alle Überlebenden der Lager sind nicht an Rache, sie sind an diesen Antworten interessiert“, betonte Heubner weiter.

Zum nächsten Prozesstag am Donnerstag will das Gericht über ein historisches Gutachten entscheiden. Die Verteidigung lehnt den Gutachter Stefan Hördler als befangen ab. Sie kritisierte, dass das Gericht überhaupt einen Historiker zu Rate ziehe, um sich ein Bild vom Geschehen in dem Konzentrationslager zu machen. Vielmehr sei es Aufgabe der Richter, Beweismittel wie alte Dokumente, Fotos und Urkunden zu sichten und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. In einem etwa 120 Seiten starken Gutachten schildert der Historiker und Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora den Massenmord von Stutthof und beleuchtet die Rolle der Wachleute.

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