Evangelische Gemeinde Werne verdankt ihre Existenz dem Bergbau

dzAbschied vom Bergbau

Der Bergbau mit seinem großen Arbeitsbedarf sorgte ab Anfang des 20. Jahrhunderts dafür, dass die winzige evangelische Gemeinschaft kräftig anschwoll.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 08.10.2018, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Noch zu Zeiten Napoleons, also zu Beginn des 19. Jahrhunderts, gab es keinen einzigen Protestanten in Werne, dem kleinen Städtchen an der Lippe, dem Grenzfluss zwischen dem ehemaligen Oberstift Münster, überwiegend katholisch, und der Grafschaft Mark, fast ausschließlich evangelisch.

Evangelische Gemeinde Werne verdankt ihre Existenz dem Bergbau

Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts trafen sich die wenigen evangelischen Bürger in Werne in der Gastwirtschaft Rohe, nahe dem Kapuzinerkloster. © Förderverein Stadtmuseum

Urkundlich ist belegt, dass um 1800 Werne neben sieben jüdischen Familien nur Einwohner römisch-katholischer Religion besaß. Erst, als nach den Befreiungskriegen 1813-15 das Münsterland endgültig zu Preußen kam, sollte sich das ändern. Denn nun wurden evangelische Beamte in die katholischen Landesteile, also auch nach Westfalen, gesandt.

1821: 1555 Katholen und 15 Evangelen in Werne

1821 standen 15 evangelische Einwohner 1555 katholischen gegenüber. Von 1836-45 gab es in Werne-Stadt nur eine einzige evangelische Geburt, aber 648 katholisch getaufte Kinder. Die wenigen evangelischen Bürger trafen sich in der Gastwirtschaft Heinrich Rohe nahe dem Kapuzinerkloster zu ihren Gottesdiensten und Versammlungen.

Um 1900, also kurz nach der Abteufe von Schacht I und II der Zeche Werne, lebten 208 evangelische Christen in Werne, die noch keiner anderen Gemeinde der Umgebung zugeordnet waren. Erst in den darauffolgenden Jahren, als immer mehr Bergleute aus Schlesien, Ostpreußen und Vorpommern angeworben wurden und auf der Zeche Werne Arbeit bekamen, wuchs die Zahl der evangelischen Christen stetig an.

Evangelische Gemeinde Werne verdankt ihre Existenz dem Bergbau

Dank einer Grundstücksüberlassung der Gräfin von Kielmannsegge zu Kappenberg konnte 1903 der Bau am heutigen Standort starten. © Förderverein Stadtmuseum

Am 20. Januar 1903 wurde dann ein Kirchenbauverein gegründet und diesem ein Grundstück am Hartenkerl durch Privatvertrag von der Ur-Urenkelin von Freiherr vom Stein übereignet: „Die Frau Witwe Gräfin von Kielmannsegge zu Kappenberg hat der hiesigen evangelischen Gemeinde in unmittelbarer Nähe der Stadt Werne ein Grundstück zur Erbauung einer Kirche geschenkt, und zwar einige Gärten vor dem Neuthor. Jedenfalls wird im nächsten Jahr mit dem Bau begonnen werden können“, so heißt es in der Märkischen Zeitung.

Kirchbau mit Baumaterial der Zeche Werne

Der Kirchenbau kam zügig voran, da er auch zum Teil mit Bausteinen aus der Zeche Werne errichtet wurde, und so konnte er am 17. Mai 1904 feierlich eingeweiht werden. Diese Kirche ist eine der wenigen, deren Altarraum nicht nach Osten zeigt und deren ursprünglicher Eingang nicht zur Stadt gerichtet ist, sondern nach Evenkamp, wo auch die meisten Gemeindeglieder wohnten.

Bibel mit Widmung von Kaiserin Auguste Viktoria

Eine Bibel mit Widmung wurde von Kaiserin Auguste Viktoria der evangelischen Gemeinde Werne geschenkt und ist heute noch in Gebrauch. Nach der Errichtung einer selbstständigen Kirchengemeinde Werne und der Wahl des ersten eigenen Presbyteriums (Leitungsgremium in der evangelischen Kirche ) im Jahre 1925 wurde am 5. Juni 1926 die Übertragung der Kirche und des Grundstückes an die Evangelische Kirchengemeinde Werne genehmigt – die Zahl der evangelischen Christen betrug zu jener Zeit fast 2000, heute sind es an die 7000.

Evangelische Gemeinde Werne verdankt ihre Existenz dem Bergbau

Die heutige Martin Luther Kirche. 1821 wohnten 15 evangelische Christen in Werne. Aktuell sind es rund 7000. © Verena Schafflick (a)

Von 1925 sind bis Anfang des 21. Jahrhundert immer Bergleute in diesem Presbyterium vertreten gewesen - zu Beginn waren es ausschließlich Männer, die ihr Geld fast nur auf der Zeche Werne verdienten. Sie bestimmten, was in der evangelischen Gemeinde geschah, welcher Pfarrer ab 1948 die Leitung der Gemeinde übernahm, wofür die Spenden ausgegeben wurden, wo der Friedhof errichtet und welche Gemeinschaften gegründet wurden und vieles mehr.

Starker Anstieg nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem 2. Weltkrieg stieg die Zahl der Evangelischen in Werne durch den Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen, die ebenfalls fast alle auf der Zeche Werne ihre erste Arbeit fanden, sprunghaft an, sodass die Kirche 1955 erweitert werden musste - 1969 und 1976 erbaute man zwei weitere Gemeindezentren am Ostring und in Stockum.

Ohne den Bergbau und die von oft weither nach Werne eingewanderten Kumpel würde die Evangelische Kirchengemeinde noch heute ein Schattendasein in der Diaspora fristen.

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