Die Suchtberatungsstelle im Alten Amtsgericht dient als Anlaufstelle für Menschen, die ihre Abhängigkeit besiegen wollen. Einfach ist das nicht. Auch nicht für die, die ihnen helfen wollen.

Werne

, 14.12.2018, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Seit zwei Jahren arbeitet Daniela Plattfaut (37) in einem kleinen Büro im Alten Amtsgericht Werne. Plattfaut ist Diplom-Sozialarbeiterin – und Ansprechpartnerin für Menschen mit „legalen stoffgebundenen und Verhaltenssüchten“. Einfacher formuliert heißt das: Wer unter einer Alkohol- oder Medikamenten-Abhängigkeit, an Essstörungen, Kauf- oder Spielsucht leidet, der bekommt hier Unterstützung.

In 98 Prozent der Fälle handelt es sich um Alkoholabhängige. Manche kommen regelmäßig in die Sprechstunde. Andere sieht sie vielleicht nur ein einziges Mal. Im Interview spricht sie über die Beziehung zu ihren Klienten, wie es für sie selbst ist, mit dem Schicksal fremder Menschen umzugehen. Sie redet über Erfolg und Misserfolg – und die Fälle, die ihr besonders nahe gehen.

Was haben die Menschen, die zu Ihnen in die Beratung kommen, gemeinsam?

Ich würde nicht sagen, dass sie grundsätzlich etwas gemeinsam haben. Vielmehr hat jeder seine eigene Geschichte. Unser Klientel reicht vom Hartz-IV-Empfänger bis zum gut situierten Bürger. Und auch die Gründe, warum jemand in die Sucht geraten ist, sind ganz unterschiedlich.

Zum Beispiel?

Viele Alkoholsüchtige trinken, um etwas in ihrem Leben besser ertragen zu können – etwa weil sie arbeitslos sind und keine Zukunftsperspektive für sich sehen oder aber weil sie einsam sind. Manche trinken den ganzen Tag, um ihren Pegel beizubehalten, andere exzessiv am Abend oder quartalsweise und sind dann wieder ein paar Wochen abstinent. Manche haben durch ihre Sucht bereits gesundheitliche Probleme, ihre Familie und den Job verloren und sich sozial isoliert, bei anderen merkt das Umfeld noch nicht einmal, dass sie ein Suchtproblem haben. Den klassischen Süchtigen gibt es also nicht. Deswegen ist es wichtig, dass man sich für die Betroffenen viel Zeit nimmt. Dahinter steckt viel Beziehungsarbeit. Ohne die funktioniert die Beratung nicht.

„Es fängt nicht an mit: ‚So jetzt erzählen Sie mir mal Ihr traumatischstes Erlebnis‘.“
Daniela Plattfaut

Wie schwer ist es, den richtigen Zugang zum Seelenleben des Klienten zu bekommen?

Das hängt vom Einzelnen ab. Wenn die Leute freiwillig kommen, ist der Leidensdruck schon sehr groß. Jeder entscheidet aber selbst, wie viel er von sich preisgibt. Und die Beratung fängt auch nicht mit dem Satz an: „So jetzt erzählen Sie mir mal Ihr traumatischstes Erlebnis.“ Das Vertrauen ergibt sich mit der Zeit. Wenn das da ist und man den Grund für die Sucht ausgemacht hat, kann man stationäre oder auch ambulante Therapiemöglichkeiten besprechen und Strategien entwickeln, wie der Betroffene mit dem Suchtdruck umgehen kann, um abstinent zu bleiben.

Und wie wahrscheinlich ist es, dass das alles nach Plan verläuft?

So etwas wie einen vorgegebenen Master-Plan gibt es nicht. Was man jedoch sagen kann: Der Zugang zu Menschen, die nicht von sich aus in die Beratung kommen, sondern geschickt werden – etwa vom Partner, dem Arbeitgeber oder dem Jugendamt – ist schwieriger. Und die Chance, dass sie etwas an ihrem Leben ändern, ist geringer. Das hängt damit zusammen, dass sie nicht aus eigener Überzeugung gehandelt haben. Man muss aber auch diesen Menschen mit Empathie und Akzeptanz begegnen.

Empathie und Distanz: So erlebt eine Sozialarbeiterin (37) die Beratung von Suchtkranken

Der Grat zwischen Empathie und Distanz ist schmal, sagt Plattfaut. Manchmal drifte man auch schon mal ab. © Felix Püschner

Das ist bestimmt nicht immer einfach. Hat man eine Art Helfersyndrom, wenn man sich um Suchtkranke kümmert?

Nein, auf keinen Fall. Das wäre auch nicht gut. Menschen, die ein Helfersyndrom haben, gehen über eigene Grenzen hinaus, nehmen alles Berufliche mit nach Hause, telefonieren privat mit ihren Klienten. Das mache ich nicht. Aber ich habe das Bedürfnis, Menschen zu unterstützen. Im Suchtbereich kann man besonders intensiv mit den Menschen arbeiten. Da gibt es eine starke Beziehungsebene. Man wird für einen kurzen Moment Teil ihres Lebens und kann sie begleiten. Man nimmt Erfolg ganz anders wahr. Aber auch Misserfolg – etwa, wenn jemand rückfällig wird.

„Ich kann niemandem seinen Weg vorschreiben.“
Daniela Plattfaut

Traurige Schicksale, zerstörte Leben, Misserfolg – Wie schwer fällt es Ihnen, damit umzugehen, wenn Ihre Klienten Ihnen davon berichten?

Natürlich nehmen mich diese Dinge mit. Aber ich tausche mich mit Kollegen aus und habe ein gesundes Privatleben. Das hilft. Der beste Schutz ist immer, sich klarzumachen, dass keinem damit gedient ist, wenn ich zu sehr mitleide. Und wenn ich weiß, dass der Klient noch ein autonomes Leben führt und noch selbstständig Entscheidungen treffen kann, dann hilft es mir, besser mit der Situation umzugehen. Man lernt so etwas natürlich als Sozialarbeiterin. Klar ist allerdings: Der Grat zwischen Empathie und professioneller Distanz ist manchmal sehr schmal und man driftet auch schon mal davon ab. Aber man findet auch wieder zurück.


Können Sie immer helfen?

Nein. Ich betrachte mich auch nicht gerne als Helferin. Ich kann Impulse geben und Veränderungen anregen. Letztlich müssen die Menschen diese Veränderungen in ihrem Leben aber selbst schaffen. Kein Klient hat etwas gewonnen, wenn ich ihn an die Hand nehme und alles für ihn regle. Dadurch würde ich ihn nur abhängig von mir machen. Ich kann ihn auf seinem Weg unterstützen, Termine vereinbaren, Hilfsangebote vermitteln, gemeinsam mit ihm positive Zukunftsszenarien entwickeln. Ich kann ihm den Weg aber nicht vorschreiben. Wenn man schon von Hilfe sprechen möchte, dann von Hilfe zur Selbsthilfe.

Wie fühlt es sich für Sie an, wenn das funktioniert?

Wenn ich merke, dass ich einen kleinen Teil dazu beitragen konnte, dass jemand wieder ein besseres Leben führen kann – das ist schon ein tolles Gefühl.

„Als Angehöriger ist man auf verlorenem Posten.“
Daniela Plattfaut

Und wenn es nicht gelingt?

Dann muss ich das akzeptieren. Allerdings muss man dabei etwas differenzieren: Es gibt Menschen, die einfach nichts an ihrem Leben ändern wollen. Das ist eine bewusste Entscheidung, die ich akzeptieren kann. Und es gibt Menschen, die beispielsweise nach einem Klinikaufenthalt rückfällig werden, wenn sie in ihr altes Umfeld zurückkehren und keine klare Tagesstruktur mehr haben. Aber das muss nicht so sein. Auch das lässt sich vermeiden, wenn der Klient es will und einsieht, dass er weiter an seinen Problemen arbeiten muss. Dafür gibt es viele verschiedene Unterstützungsangebote; schließlich gibt es noch die Fälle, die mir persönlich immer sehr nahe gehen…

Welche sind das?

Wenn nicht die Suchtkranken, sondern ihre Angehörigen zu mir kommen, weil sie völlig hilflos und verzweifelt sind und nicht mehr weiter wissen. Sie haben die Hoffnung, dass sie von mir eine Strategie bekommen, wie sie dem Suchtkranken helfen können.

Und die gibt es nicht?

Man kann da nicht viel machen. Als Angehöriger ist man auf dem verlorensten aller Posten. Es ist nicht einfach, das einzusehen. Der Betroffene muss von sich aus den Willen aufbringen, in die Beratung zu kommen und etwas gegen seine Sucht zu unternehmen. Das lässt sich nicht erzwingen. Oft leiden die Angehörigen mehr unter der Sucht als der Betroffene selbst. Ansehen zu müssen, wie sich ein Mensch – bildlich gesprochen – dem Abgrund nähert, sein Leben zerstört… Das ist für Angehörige schwer zu ertragen. Und wenn sie dann in die Beratung kommen und hören, dass sie selbst nichts dagegen unternehmen können, dann tut das weh – ihnen und auch mir.

Zum Beratungsangebot: Die Sprechstunden von Daniela Plattfaut sind vormittags nach telefonischer Vereinbarung möglich unter (02389) 78 05 02. Weitere Anlaufstellen, Selbsthilfegruppen und Informationen zum Thema Sucht finden sich unter anderem im Beratungsführer Sucht auf der Homepage des Kreises Unna.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Fußgängerbrücke
Brückenabriss an Münsterstraße als Wochenend-Spektakel: „Besser als Kino.“
Hellweger Anzeiger Kitas in Werne
Zwischen Neubau und Notlösung: Das müssen Werner Eltern zur Kita-Situation wissen
Hellweger Anzeiger Videokolumne Heidewitzka
Geschenke an Heiligabend? Das könnt Ihr schön vergessen – fragt mal nach beim Nikolaus!
Meistgelesen