Elterntaxis sind inzwischen ein großes Problem. Auch an der Ludgerischule in der Selmer Altstadt. Bei Blechschäden bleibt es dabei nicht immer.

Selm

, 29.11.2019, 18:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist 7.33 Uhr am Donnerstag als die Mutter mit ihrem Auto kurz vor der Ludgerischule Halt macht. Sie steigt aus, öffnet die Hintertür des Fahrzeugs und lässt ihren Sohn aussteigen. Sie reicht ihm das Schulbrot, er bekommt einen Abschiedskuss und eine innige Umarmung.

Dann macht er sich auf den Weg zur Schule. Es vergehen nur ein paar Sekunden, bis die Mutter ihn zurückruft. „Deine Tasche“, ruft sie ihm zu. Er hatte die Sporttasche auf dem Rücksitz liegen lassen. Seine Mutter reicht sie ihm und steigt dann wenig später ins Auto, um wieder abzufahren. Der Junge macht sich auf den Schulweg, der nur noch wenige Schritte umfasst.

Eine schwierige Situation

So genannte Elterntaxis, also Eltern, die ihre Kinder wie Taxiunternehmen bis kurz vor ihren Bestimmungsort - in diesem Fall die Schule - bringen, sind inzwischen absolut keine Ausnahme mehr.

Zum Start des Schuljahres 2019/20 sprach der TÜV Nord davon, dass jedes vierte bis fünfte Grundschulkind mit dem Auto von den Eltern zur Schule gebracht werde. Das Thema betrifft verschiedene Selmer Schulen.

Andrea Dabrowski, die Konrektorin der Ludgerischule, hält Elterntaxis auch an der Ludgerischule für ein großes Problem. „Eltern fahren ihre Kinder bis vor die Haustür und sagen ‚ich halt ja nur kurz’“, sagt Dabrowski. „Wenn ich die Eltern darauf anspreche werden sie teilweise sehr unfreundlich.“

Schwierige Verkehrssituation in der Altstadt

Gerade morgens sei die Situation besonders angespannt. „Es gibt hier ja nur wenig Parkplätze“, sagt Dabrowski, selbst für die Lehrer seien nicht genug vorhanden. Durch die Umleitungssituation an der Straße Auf der Geist und den Glitzerwald ist die Verkehrssituation in der Altstadt aktuell noch schwieriger. Sebastian und Celina, die an diesem Morgen als Schülerlotsen für die Ludgerischule im Einsatz sind, haben ordentlich zu tun.

Die vielen Autos im Blick halten, die Schulbusse, die sich mit den Autos durch die engen Straßen schlängeln, die Schüler, die die Straße überqueren möchten. Zu Elterntaxis fällt dem 17-Jährigen nur ein Wort ein: „stressig.“ Die 16-jährige Celina meint, es sei immerhin etwas besser geworden. Dass jemand unmittelbar auf dem Schulhof halte, komme nicht mehr so häufig vor.

Schüler angefahren

Konrektorin Andrea Dabrowski weiß von Blechschäden an den Elternautos zu berichten, weil sie die Schranke am Schulhof gerammt haben. Besonders krass war aber ein Fall aus dem Sommer: Dabei sei ein Schüler auf dem Fahrrad von einem Elterntaxi touchiert worden.

Dem Schüler sei zum Glück nichts Schlimmeres passiert, sagt Dabrowski. Aber selbst dieser Vorfall habe die Eltern nicht zum Ändern ihres Verhaltens bewegt: „Selbst dann gab es beim Gespräch darüber keine Einsicht“, sagt Dabrowski. Ich muss ja mein Kind sicher zur Schule bringen, war die Argumentation der Eltern. „Da ist sich jeder selbst der Nächste“, kritisiert die Konrektorin.

Dabei gibt es an der Ludgerischule bereits seit 2016 Hol- und Bringzonen. Die Kinder können sogar Sternchen dafür bekommen, wenn sie, beziehungsweise ihre Eltern, diese nutzen. Die Sternchen kommen dann der ganzen Klasse zugute. Wenn eine bestimmte Anzahl gesammelt wurde, gibt es dann zum Beispiel Spielestunden in der Schule.

In den Klassen werde der sichere Schulweg geübt, bei den Elternabenden werden die Hol- und Bringzonen thematisiert und im einheitlichen Hausaufgabenheft der Schule, dem Ludgeriplaner, seien die Flächen auch ausgewiesen. „Wenn jemand sagt, er weiß nicht, wo die Zonen sind, kann das nicht sein“, sagt Dabrowski. „Genutzt werden sie schon“, sagt sie, „aber viel zu wenig.“

Elterntaxis in Selm: „Jeder ist sich selbst der Nächste“ an der Ludgerischule

Dieses Schild deutet auf die Hol- und Bringzone an der Straße "Zur alten Windmühle" in der Nähe der Ludgerischule hin. © Nele Falke (A)

Warnung vor Elterntaxis

Inzwischen gibt es genug Fachleute, die vor den Gefahren von Elterntaxis warnen.

„Paradoxerweise sind die letzten hundert Meter Schulweg wegen der Elterntaxis inzwischen besonders gefährlich“, heißt es zum Beispiel in der Meldung vom TÜV Nord zum Schulstart.

Zu der Ansicht, dass Elterntaxis die Gefahr für Schulkinder erhöhen kommt auch eine Studie des ADAC aus 2018. Zudem warnt sie davor, dass die Selbstständigkeit der Kinder eingeschränkt würde, wenn sie nicht lernen, selbst den Schulweg zu gehen.

Man könne sein Kind auch sicher zur Schule bringen, wenn man es nicht direkt vor der Tür absetze, versichert Andrea Dabrowski. „Es finden sich zum Beispiel immer Kinder, die zusammengehen.“

Ruhig mal an die frische Luft

Auch an diesem Morgen gibt es reichlich Kinder, die in größeren Gruppen auf dem Schulhof eintreffen und Eltern, die ihre Kinder zu Fuß gebracht haben. Sandra Kersting wohnt beispielsweise an der Badestraße. Ihr sechsjährige Tochter geht regelmäßig mit einer Freundin zur Schule, die Eltern wechseln sich mit dem Bringen ab. „Die paar Meter kann man auch zu Fuß gehen“, findet die Mutter. Sie schreckt das Verkehrschaos am Morgen eher ab.

Elterntaxis in Selm: „Jeder ist sich selbst der Nächste“ an der Ludgerischule

Nicht alle werden mit dem Auto bis vor die Tür gebracht. Viele gehen auch in Gruppen. © Sabine Geschwinder

So sieht es auch Martina Byk, die ihre Kinder, 6 und 8 Jahre alt, zur Schule gebracht hat. „Ich habe immer Angst, dass man uns hier anfährt.“ Bei gutem Wetter fährt sie mit den Kindern gern Fahrrad. Da es an diesem Tag geregnet hat, ist auch sie mit dem Auto gekommen. Allerdings steht das Auto in größerer Entfernung.

„Hier ist doch alles total eng“, sagt sie. Man finde auch weiter entfernt einen Parkplatz. Notfalls beim Edeka, dann könne man das auch noch mit Brötchenholen verbinden. „Die Kinder sollen ruhig mal an die frische Luft kommen“, findet die Mutter.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Adventsmarkt
Video aus Cappenberg: So schön war es auf dem „kleinen“ Cappenberger Weihnachtsmarkt
Hellweger Anzeiger Overbergschule
„Wer ist ein Held?“: Schüler präsentieren besonderes Projekt in der Overbergschule
Hellweger Anzeiger Cappenberger Weihnachtsmarkt
Weihnachtsmarkt in Cappenberg: Kurzfristig umgeplantes Musikprogramm begeistert Besucher