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Der EC Bergkamen steht in den Play-offs zur Deutschen Meisterschaft. Mit dem US-Girl Alyssa Mae Wohlfeiler haben die „Bärinnen“ auch gute Chancen gegen den ECDC Memmingen.

von Annika Bröker

Bergkamen

, 12.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Mit der Taktiktafel in der Hand steht Alyssa Mae Wohlfeiler in der Bergkamener Eishalle. Umzingelt von den knienden Eishockeyspielerinnen der ersten und zweiten Mannschaft erklärt sie im „California-Slang“ das heutige „Warm-Up“. „Okay ?“, fragt die Amerikanerin am Ende in die Runde, die schweren Helme nicken und kurz drauf fahren 13 Paar Kufen über das gefrorene Wasser.

Alyssa Mae Wohlfeiler ist eine 29-jährige Amerikanerin in den Diensten der ersten Mannschaft des EC Bergkamen und laut der Vorstandsvorsitzenden Ilona Pollmer und Trainer Robert Bruns: „Nicht nur der beste Import, den wir je hatten, sondern momentan auch der beste Import der gesamten Frauen Eishockey-Bundesliga.“

Die Imports, also die verpflichteten ausländischen Spielerinnen – meist aus Nordamerika - sind in der höchsten Liga Deutschlands ein wichtiger Teil der Mannschaften. Es ist fast schon eine Pflicht Imports in seinen Farben aufs Eis zu schicken, um oben mitspielen zu können. Allerdings ist dieses Mittel von der Liga begrenzt: Jeder der acht Vereine, darf maximal zwei Ausländerinnen im Team haben.

Bei den Bärinnen aus Bergkamen belegt einen dieser Plätze die Deutsch-Italienerin Sabina Florian, sodass pro Saison immer nur eine weitere internationale Spielerin verpflichtet werden kann. Und die sollte dann möglichst gut sein, „denn die ganze Organisation, die ein Import mit sich bringt, sollte sich natürlich lohnen“, sagt Trainer Robert Bruns.

„Ich versuche einfach, die beste Version von mir zu sein.“
Alyssa Mae Wohlfeiler, US-Import des EC Bergkamen

Und bei Alyssa Mae Wohlfeiler lohnt es sich augenscheinlich. Sie ist die Top-Scorerin der Bärinnen hat in 26 Partien, 25 Mal den Puck in das gegnerische Tor gehauen. „Ich versuche einfach, die beste Version von mir zu sein“, sagt die 29-Jährige in nüchternem Ton. Cheftrainer Robert Bruns kommt da schon eher ins Schwärmen: „Vom ersten Augenkontakt an, wusste ich, dass sie den Unterschied ausmachen kann“

Doch wie findet eine nordamerikanische Eishockeyspielerin den Weg nach Bergkamen und warum soll sie ihn überhaupt suchen? In Nordamerika ist Eishockey, eine der drei Hauptsportarten des Landes. Natürlich ist die weibliche NWHL nicht so bekannt wie die NHL der Männer, doch die Professionalität, die Aufmerksamkeit, die Zuschauerzahlen - all das ist deutlich höher.

Der Hauptgrund: Viele junge Spielerinnen wollen nach der Universität reisen und die Welt erkunden. Dank ihrer Eishockey-Fähigkeiten können sie ein neues Land oder einen fremden Kontinent entdecken - und nebenher ihre Lieblingssportart auf dem Eis ausüben. „Da liegt der Fokus oft eher auf den Reisen und den Abenteuern und weniger auf dem Eishockey“, weiß Trainer Bruns aus Erfahrung. Die letzten fünf Jahre in Folge hat der Bergkamener EC Talente unter anderem aus Schweden, Norwegen und Kanada für eine Saison „importiert“. Der Kontakt entstand meistens über Portale im Internet, die sich auf die Vermittlung von Sportlerinnen spezialisiert haben.

Ein US-Girl macht beim EC Bergkamen den Unterschied aus

Jubel beim EC Bergkamen: Alyssa Mae Wohlfeiler steuerte bisher 25 Treffer zu den Spielen bei. © awa

Doch bei Alyssa Wohlfeiler ist alles etwas anders gelaufen. Schon der erste Kontakt war eher Zufall, als gezielt. Nach einem Abschluss an der „Northeastern University“, eine der besten Unis für junge amerikanische Eishockeyspielerinnen, mehreren Jahren und Titelgewinnen in der höchsten kanadischen, schweizerischen und amerikanischen Liga, landete sie Anfang Januar 2018 beim schwedischen Verein aus Jönköping „HV7I“.

Wie es der Zufall wollte, spielte sie eine Partie gegen die damalige schwedische Mannschaft von Julia Flötgen. Flötgen eigentlich im Tor der Bergkamener Bärinnen, hatte sich eineinhalb Jahre in den Norden, in die „Svenska damhockeyligan“, abgesetzt. Nach dem Spiel schrieb sie Alyssa Mae eine Mail und fragte, ob sie nicht die nächste Saison in Deutschland, bei den Bärinnen aus Bergkamen spielen möchte. Die Kalifornierin bejahte dies, einfach weil sie gern noch eine Saison in Europa dranhängen wollte und nun kurvt sie seit September 2018 mit enormer Pucksicherheit, im schwarz-rot-gelben EC-Trikot, übers Eis. Und macht den Unterschied aus.

Zum einen ist sie mit ihrer Erfahrung und den „tausenden Trainingsstunden mehr“ (so Ilona Pollmer) eine große Hilfe für die jüngeren Spielerinnen, zum anderen geht sie sportlich voran und markiert als Flügelspielerin die wichtigen Tore. „Diese Saison macht mir einfach richtig Spaß“, sagt die 29-Jährige, „ auch das Team ist super, ich wurde hier richtig gut aufgenommen.“

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Eine große Hilfe bei der Integration ist Teamkollegin Claudia Weltermann, mit der sie sich eine Wohnung – leider ohne Waschmaschine - in der Nähe der Eishalle teilt. Doch „Goalie“ Jule Flötgen sprang vom ersten Tag an ein und wäscht seitdem die Sportsachen der Amerikanerin mit. „Da bin ich wirklich dankbar für“, sagt Wohlfeiler und lacht. Auch die fremde Sprache stelle kein Problem für die Mannschaft und sie dar: „Alle Mädels sprechen ein Super-Englisch“.

Trotzdem lernt die kalifornische Sportlerin Deutsch – mit der Video-Plattform Youtube - als kostenlosen Lehrer. Laut der Vorstandsvorsitzenden Ilona Pollmer ist sie damit die erste ausländische Spielerin, die es wirklich versucht und Interesse daran habe unsere komplizierte Sprache zu lernen. „Ich habe es während meiner Saison in der Schweiz nicht gelernt und später bereut“, begründet Wohlfeiler ihre Motivation - und außerdem habe sie sehr viel freie Zeit.

Das Eishockeyspielen nimmt nur ein paar Trainingsstunden und Spielminuten in der Woche ein. Um die Tage zu füllen und auch noch ein wenig Geld zu verdienen, gibt die 29-Jährige Sport an der Willi-Brandt-Gesamtschule Sport-AGs und hilft bei der Hausaufgabenbetreuung. „Das ist ein Agreement, das wir so mit der Stadt Bergkamen haben“, erklärt Ilona Pollmer.

„Ich freue mich wirklich darauf, ab März wieder zuhause zu sein und Zeit mit meinen Nichten und Neffen zu verbringen.“
Alyssa Mae Wohlfeiler, US-Import des EC Bergkamen

Trotzdem liegt der Fokus von Wohlfeiler klar auf Eishockey. Sie geht zusätzlich zum Training ins Fitnessstudio und wenn sie gefragt wird, was sie am meisten von Zuhause vermisst , zählt sie an zweiter Stelle das Schauen der NHL auf. „Ich liebe diesen Sport einfach“, sagt die 29-Jährige und lächelt, „er ist schnell, lässt einen kreativ werden und ist einfach so ein guter Mannschaftssport.“

Doch auch die größte Liebe zum Sport kann die Familie, die ihr am meisten fehlt, nicht ersetzen. „Ich freue mich wirklich darauf ab März wieder zuhause zu sein und Zeit mit meinen Nichten und Neffen zu verbringen“, sagt die Amerikanerin. Wo sie dann nach dem Sommer spielt, weiß sie noch nicht, einzig sicher ist, dass sie auf ihrem Kontinent, näher an der Familie bleiben möchte.

„Aber damit beschäftige ich mich auch noch nicht“, sagt sie, „mein Fokus liegt voll auf dieser Saison, dieser Mannschaft“, und dem großen Ziel: dem Gewinnen der Eishockey-Bundesliga. „Alle geben alles und ich merke, dass das gesamte Team langsam anfängt an den Titelgewinn zu glauben.“ Die Bärinnen sind im Moment Vierter, haben zweimal Spitzenreiter Memmingen geschlagen. Und eben gegen Memmingen geht es ja nun in den Play-offs - mit der Amerikanerin, die den Unterschied ausmacht.

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