Seit einem Jahr gibt es die Ehe für alle. Marvin und Silas finden es wichtig, dass sie genauso heiraten dürfen, wie heterosexuelle Paare auch. Denn Diskriminierung erfahren dennoch.

Selm

, 25.10.2018, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Marvin hat versucht, es geheim zu halten. Aber er war so nervös, dass Silas schon ahnt, was los ist, als er zu seiner Frage ansetzt. Die beiden sind an diesem Juli-Abend in der Dämmerung zusammen zum Nordkirchener Schloss gefahren. Nun stehen sie da, auf dem Schlossplatz, in der Nähe des Cafés. Marvin schaut seinen Freund direkt in die Augen und fragt ihn, ob er ihn heiraten will. Geplant hat er das schon seit Wochen.

Klar war: Auf die Knie würde er nicht gehen. „Das kann ja jeder“, sagt er und einen Ring hat er auch noch nicht gekauft. Denn der Ring, der soll schon perfekt sein, findet Marvin. Silas sagt auch ohne Kniefall und Ring sofort Ja.

Hochzeit am 20.02.2020

Marvin (23) und Silas (21) sind seit April diesen Jahres zusammen und, dass sie ziemlich verliebt ineinander sind, das merkt ein Blinder mit Krückstock. Liebevolle Blicke, der Eine beendet den Satz des Anderen, sanftes Streicheln der Hand - Die beiden haben sich gesucht und gefunden. Silas hatte Marvin auf Bildern einer gemeinsamen Freundin gesehen und war sofort hingerissen von ihm. Er bittet um Marvins Kontaktdaten und die beiden schreiben, telefonieren, skypen. Manchmal sogar zehn Stunden lang. Als sie sich das erste Mal sehen - Marvin besucht Silas in seiner Heimatstadt Braunschweig - ist schon so gut wie klar, dass sie zusammenkommen. Sie küssen sich in einem Park in Braunschweig.

Ein Jahr Ehe für alle: Silas und Marvin wollen heiraten - und eine Torte mit Regenbogencreme

Marvin (l.) und Silas aus Selm wollen 2020 heiraten © Sabine Geschwinder

Ende Juni ist Silas nun auch zu Marvin nach Selm gezogen. Marvin arbeitet im Gastrobereich bei der Deutschen Bahn, Silas macht dort gerade ein Praktikum in der Logistik. Im kommenden Jahr beginnt er dort eine Ausbildung. Deswegen wollen die beiden es auch nicht überstürzen mit der Hochzeit. Der 20.02.2020 soll der Tag sein, an dem sie sich das Ja-Wort geben.

Sie hätten sich auch für eine eingetragene Lebenspartnerschaft entschieden, sagen Marvin und Silas. Auch, wenn verpartnern nicht gerade ein schönes Wort sei. Aber eine Ehe, das ist nochmal etwas ganz anderes, als nur eine eingetragene Partnerschaft: „Man kann das tun, was andere auch tun“, sagt Marvin. Silas sagt: „Ich kann mich dann glücklich schätzen, dass ich sagen kann: Mein Mann.“

„Er ist einfach meins. Einfach meine Liebe“, sagt Marvin. „Ich kann mir keinen Tag mehr ohne ihn vorstellen.“ - „Kann ich mir aber auch nicht mehr“, sagt Silas, „bei uns war das Liebe auf den ersten Blick. Vorher habe ich nicht daran geglaubt, doch dann habe ich ihn kennengelernt.“

Der Weg zur Ehe für alle

Am 30. Juni 2017 hatte eine Mehrheit der Bundestagsabgeordneten den Weg für die Ehe für alle freigemacht. Das Gesetz, das die Ehe homosexueller Paare der von heterosexuellen Paaren gleichstellt. 393 Abgeordnete stimmten dafür, 226 waren dagegen, vier enthielten sich. Volker Beck von den Grünen schnitt eine Torte an, Konfetti wirbelte durch den Bundestag und draußen vor dem Brandenburger Tor schwebten Luftballons in Regenbogenfarben.

Das dazugehörige Gesetz gilt seit dem 1. Oktober 2017. Seitdem haben Tausende homosexuelle Paare sich das Ja-Wort gegeben. Eine bundesweite Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei Standesämtern kommt auf eine Summe von mindestens 10.000 Ehen. Viele von ihnen ließen ihre bisherige eingetragene Lebenspartnerschaft in eine Ehe umwandeln. Detaillierte bundesweite Zahlen werden vom Statistischen Bundesamt bisher allerdings nicht erhoben.

In Selm ließen im vergangenen Jahr drei Paare ihre eingetragenen Lebenspartnerschaften in eine Ehe umwandeln. Auch 2018 haben das bisher drei Paare getan, wie die Stadt Selm mitteilt. Hinzu kommt eine neu geschlossene Ehe. Für dieses Jahr stehen noch eine weitere Umwandlung und eine weitere Eheschließung an.

23 Lebenspartnerschaften sind insgesamt beim Standesamt der Stadt Selm vom 1. Januar 2002 bis zum 31. Oktober 2017 eingegangen worden. Im Jahr 2002 war eine eingetragene Partnerschaft nur bei der Bezirksregierung in Arnsberg möglich. Ob nun ein homosexuelles Paar vor ihr steht, oder nicht, dass mache keinen Unterschied sagt Christel Melis, Standesbeamtin aus Selm: „Beide Partner wollen heiraten, geben sich eventuell mit der nun erfolgten Umwandlung der Lebenspartnerschaft in eine Ehe sogar ein nochmaliges Versprechen, also sagen ausdrücklich noch einmal „Ja“ zueinander. Das heißt also: Der Ernst und die Tiefe der Gefühle ist oft deutlich zu spüren“, so Melis.

Die Blicke der Anderen

Marvin und Silas freuen sich, wenn sie anerkennende Blicke bekommen, wenn sie in der Stadt unterwegs sind und Händchen halten. Manchmal sind es aber auch angewiderte Blicke, die ihnen andere Menschen zuwerfen. „Das ist traurig“, sagt Marvin. Es gebe so viele alberne Schwulen-Klischees und Ängste. Zum Beispiel die Anschuldigung, dass die Menschheit durch Homosexuelle aussterben würde. „Aber wir sind eine Minderheit“, sagt Marvin. „Da möchte ich fragen: Wo hast du deine Argumente her?“ Aber diskutieren bringe dann nichts: „Das ist, als würde man gegen eine Wand laufen“, sagt Silas.

Ein Jahr Ehe für alle: Silas und Marvin wollen heiraten - und eine Torte mit Regenbogencreme

Händchen halten in der Öffentlichkeit ist für Silas und Marvin eine Selbstverständlichkeit. Leider ernten sie von ihren Mitmenschen nicht immer nette Blicke. © Sabine Geschwinder

Ob sich durch die Ehe für alle etwas an der Akzeptanz von homosexuellen Paaren in der öffentlichen Wahrnehmung geändert hat, das kann Markus Ulrich, Pressesprecher beim Lesben- und Schwulenverband (LBSV) in Berlin, nicht sagen. Jedenfalls nicht mit Zahlen. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hatte vor einem Jahr unter anderem gezeigt, dass 27,5 Prozent der Befragten es unangenehm finden, wenn sich zwei Frauen in der Öffentlichkeit küssen. Bei Männern sind es sogar 38,4 Prozent. Bei heterosexuellen Paaren sind es nur 10 Prozent. Danach gab es keine vergleichbaren Studien.

„Was man aber sehr wohl sagen kann“, so Ulrich, ist folgendes: „Diskriminierung muss man vor sich selbst legitimieren.“ Das heißt, wenn der Staat die Beziehung von Homosexuellen legitimiert, müsse man sich entweder einen neuen Grund suchen, warum man Homosexualität ablehne oder man habe keinen Grund mehr. „Deshalb ist es auch wichtig, dass die Kirchen sich weiter öffnen“, sagt Ulrich. Es sei auch für die Homosexuellen selbst wichtig. „Es ist ein Unterschied, ob ich in einer Gesellschaft aufwachse, die eine Ehe zwischen Homosexuellen einer Ehe Heterosexueller gleichstellt oder nicht.“

Deshalb sei es auch gar keine große Überraschung, dass eine Partei wie die AfD Stimmung gegen Homosexuelle mache. „Das hat auch mit den Emanzipations- und Liberalisierungserfolgen zu tun“, sagt Ulrich. Auf der einen Seite entwickle sich die Gesellschaft weiter. Da sind die, die die Öffnung der Gesellschaft begrüßen und für eine Verbesserung der Welt halten. Auf der anderen Seite gebe es die, die den Wandel realisieren, aber nicht akzeptieren wollen. Die das Gefühl haben, dass ihre gesellschaftliche Ordnung durcheinander gebracht wird. „Deshalb gibt es dann diesen Clash,“ sagt Ulrich.

Torte in Regenbogenfarben und Musik von Ed Sheeran

Obwohl Silas ziemlich schüchtern ist und es überhaupt nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen, ist es für ihn und Marvin selbstverständlich, dass sie ihre Liebe in der Öffentlichkeit zeigen. In Selm seien die Reaktionen auch ganz okay, findet Silas. In Braunschweig, wo es eine große Pegida-Szene gebe, da hätte er schon Angst gehabt, ein paar Schläge zu kassieren, als er und Marvin sich öffentlich geküsst haben. Passiert ist zum Glück nichts. Dass es die Ehe für alle gebe, das steigere aber die Toleranz, findet Silas.

„Wir zeigen unsere Nähe in der Öffentlichkeit“, sagt Silas. „Wenn heterosexuelle Paare das machen, dann machen wir das auch.“


Ein Jahr Ehe für alle: Silas und Marvin wollen heiraten - und eine Torte mit Regenbogencreme

Lieblingsort: Direkt am Wasser, direkt mit Blick auf das Schloss Nordkirchen © Sabine Geschwinder



Bis zu ihrer Hochzeit im Jahr 2020 haben sie noch viel Zeit. Sie wissen noch nicht, auf welchem Standesamt sie heiraten werden, sie haben noch keine Gästeliste geschrieben und keine Treueschwüre. Einige Details stehen aber schon fest: Marvin wird einen Anzug in weiß tragen und Silas einen in mitternachtsblau - schwarz sei so traurig. Auch die Gäste sollen so bunt und fröhlich kommen, wie sie sich am wohlsten fühlen.

Wie die Torte sein muss, steht auch schon fest: „Von innen muss sie den Regenbogen beinhalten“, sagt Marvin. „Und von Innen Marzipan“, komplementiert Silas seinen Satz.

Dazu läuft Ed Sheeran mit „Thinking out Loud“:

„And darling I will be loving you ‚til we’re 70 And baby my heart could still fall as hard at 23“


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