Ehemaliger SS-Wachmann: Keine Gefangenen-Transporte gesehen

Keine Kenntnis von Gefangenen-Transporten, keine Erklärung für die Todesfälle im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof: Der wegen hundertfacher Beihilfe zum Mord angeklagte ehemalige SS-Wachmann hat vor dem Landgericht Münster am Donnerstag noch einmal bekräftigt, dass er über die Behandlung und das Schicksal der Gefangenen in dem Vernichtungslager der Nazis nichts gewusst habe. „Über die Struktur innerhalb des Lagers habe ich nicht viel mitbekommen“, hieß es in einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung. „Man sagte mir, welchen Posten ich zu versehen hatte und ich habe Folge geleistet.“

15.11.2018, 14:29 Uhr / Lesedauer: 1 min
Ehemaliger SS-Wachmann: Keine Gefangenen-Transporte gesehen

Im Prozess gegen den SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof, sitzt der Angeklagte hinter einem Mikrofon. Foto: Guido Kirchner/Archiv

Die vielen Todesfälle im Lager habe er zwar bemerkt. Woran die Häftlinge vor allem gestorben sind, könne er aber nicht sagen. „Ich führte es vor allem auf Krankheiten und Seuchen zurück.“ Er wisse aber nicht einmal, wie die Ernährung der Gefangenen ausgesehen habe. Es sei aber offensichtlich gewesen, dass die Lebensumstände „miserabel“ gewesen seien.

Obwohl der heute 94-jährige aus dem münsterländischen Borken im KZ Stutthof als Wachposten eingeteilt gewesen sei, habe er nie Gefangenen-Transporte gesehen, die am Lager bei Danzig angekommen seien. Eine entsprechende Frage der Richter beantwortete der 94-Jährige mit nur drei Worten: „Nein. Nie beobachtet.“

Auch ein Bilderbuch für Wachleute mit dem Titel „Richtig-Falsch“ will der ehemalige SS-Wachmann nicht kennen. Als die Richter ihm eine Kopie vorlegten, beugte sich der 94-Jährige zu seinem Verteidiger und sagte: „Das habe ich nie gesehen.“ In dem Buch ist zum Beispiel abgebildet, dass auf flüchtende Häftlinge sofort geschossen werden soll.

Nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralen Stelle in Ludwigsburg starben bis Kriegsende 65.000 Menschen im KZ Stutthof und in seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen.

Der 1923 in Rumänien geborene Angeklagte selbst will kein Nazi gewesen sein. „Eine Nazi-Ideologie gab es für mich gar nicht“, hieß es seiner Stellungnahme. „In unserem Dorf spielte das eine Rolle, was der Pfarrer sagte.“

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