Digitalisierung wandelt Geschlechterrollen und Integration

Was bringt die schöne neue Welt? Wird der Digitalisierungszug auch Mädchen für Mathe und IT begeistern? Kann Technik Teilhabe-Chancen von Männern und Frauen, In- und Ausländern sowie Menschen mit und ohne Handicaps ausgleichen? Kommt drauf an, meinen Wissenschaftler.

16.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Die zunehmenden Digitalisierungsprozesse in der Gesellschaft können Geschlechtergerechtigkeit und Integration befördern, bergen aber auch viel sozialen Sprengstoff. Darauf weisen Wissenschaftler und IT-Experten in schriftlichen Stellungnahmen an den Düsseldorfer Landtag hin. Eine Enquete-Kommission des Parlaments wird sich am Montag mit der geschlechter- und integrationspolitischen Dimension der Digitalisierung beschäftigen.

Im Bereich Pflege und Gesundheit sei in den nächsten Jahren - auch verstärkt durch den Fachkräftemangel - eine Aufwertung nicht automatisierbarer Tätigkeiten zu erwarten, prognostiziert die Soziologin Andrea Bührmann. Andrerseits drohe weitere Ausbeutung insbesondere weiblicher Pflegekräftige mit Migrationshintergrund.

„Normalbeschäftigungsverhältnisse“ lösten sich langsam auf, stellt die Direktorin des Göttinger Instituts für Diversitätsforschung fest. Ersetzt würden sie zunehmend „durch ein Dreiecksverhältnis bestehend aus Arbeitnehmer*in, Vermittlungsplattform und Arbeitsgeber*in“. Weltweit werde bereits von etwa 2300 solcher Online-Job-Plattformen ausgegangen, davon etwa 65 in Deutschland.

Dabei habe eine von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichte Studie zutage gefördert: Jeder dritte Befragte, der sein Haupteinkommen über Online-Jobs erzielte, hat sich nicht gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit versichert. Weitere 47 Prozent sorgten nicht für ihre Altersrente. Hier sei einer drohenden Verarmung vorzubauen, warnte die Wissenschaftlerin.

Der digitale Wandel könne in Deutschland bis 2025 etwa 1,5 Millionen Arbeitsplätze kosten, genauso viele könnten aber auch neu entstehen: etwa in der IT-Branche, im Gesundheits- und Dienstleistungssektor. Nach Prognosen des Bundesarbeitsministeriums werde der Gesundheitsbereich bis 2035 die Branche mit den meisten Erwerbstätigen sein. „Im Zuge dieser Entwicklung müssen etwa 300 000 Personen ihr Tätigkeitsfeld verändern“, bilanzierte Bührmann. Deshalb sei gezielte Fortbildung unerlässlich.

Das Institut der deutschen Wirtschaft sieht schon im Elternhaus Handlungsbedarf, damit der Transformationsprozess auch zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führt. Bislang seien bundesweit nur 15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Berufsfeld Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik (MINT) weiblich, hält der Volkswirt Axel Plünnecke fest. NRW liegt mit 13 Prozent am unteren Ende, wie der Wissenschaftler dokumentiert.

Studien zeigten, dass Eltern die mathematischen Fähigkeiten ihrer Töchter schon in der Grundschule negativer beurteilten als Eltern von Söhnen. Durch die ganze folgende Schulzeit ziehe sich im Schnitt eine pessimistischere Selbsteinschätzung von Mädchen bezüglich ihrer Mathe-Kompetenzen - selbst wenn sie gleiche Leistungen bringen wie ihre Schulkameraden.

Wissenschaftler folgerten daraus, „dass die frühen Unterschiede im Selbstbild eine Ursache für den Frauenmangel in MINT-Berufen sein können“. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Berufswahl manifestierten sich auch in Lohnunterschieden, denn Kompetenzen in Informations- und Kommunikationstechnologien würden im Arbeitsmarkt höher honoriert. Daher sei es wichtig, dass Eltern und Schulen bei Mädchen ebenso wie bei Jungen mathematische Fähigkeiten förderten und sie ermutigten, betont Plünnecke.

Trügerisch sei die Annahme, dass Internet-Jobs oder Arbeit von zu Hause aus automatisch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessere, warnt der Wissenschaftler. „Wer internetgestützt räumlich und zeitlich flexibel arbeitet, hat zwar mehr Zeitsouveränität im beruflichen Alltag, erfüllt aber im Gegenzug während der Freizeit beziehungsweise zu Tageszeiten, die üblicherweise für private Aktivitäten reserviert sind, auch signifikant häufiger berufliche Aufgaben.“ Das berge Konfliktpotenzial.

Zudem zeigten Studien, dass Männer die gewonnene Zeitautonomie durch weniger Präsenzpflichten in einem Firmengebäude „in der Regel für noch mehr Erwerbsarbeit nutzen“, während Frauen sie eher in Familie und Privatleben investierten, merkt die Soziologin Bührmann an.

Positive Auswirkungen des digitalen Wandels erwartet der private Digitalisierungsdienstleister LambdaQoppa Enterprise für Migranten und für Behinderte. Menschen mit Einschränkungen, Behinderungen oder Sprachbarrieren könnten von automatischen Übersetzungen, mehrsprachigen Angeboten und digitalen Hilfen aller Art profitieren, heißt es in der Stellungnahme des Startup-Unternehmens. Vom digital erstellten Lebenslauf - oft eine riesige Hürde für Eingewanderte oder Geflüchtete - bis hin zur Arbeit über Sprachbefehle könne der Weg in den Arbeitsmarkt für viele jetzt „Benachteiligte oder Abgehängte“ zielgruppengerecht geebnet werden.

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