Die Tierärztin und das liebe Narrenvolk: Warum Karneval in Selm Lust auf mehr macht

dzRückblick auf Session

Kind und Karriere lassen ihr eigentlich keine Zeit dafür. Dennoch nimmt Karen Brinkötter sie sich und wird Selmer Karnevalsprinzessin. Ehemann Jörg zieht daraus seine eigenen Konsequenzen.

Selm

, 12.11.2018, 11:31 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ersatzfrau. Das ist eine Bezeichnung, die nicht gerade schmeichelt. Karen Brinkötter hat sie aber gefallen, als sie vor einigen Jahren Daniel Krampe, einem guten Freund, verspricht, genau das sein zu wollen: seine zweite Wahl. Erste Wahl ist eine andere. Sie soll an Krampes Seite am 11.11.2016 den Selmer Karnevalsthron besteigen. Das findet sie gut so. Denn Karneval ist nicht Karen Brinkötters Sache. Nie gewesen. Nicht einmal als Kind. Umso erschrockener ist sie, als die eigentliche Prinzessin kurzfristig abspringt und der Freund sie anruft: „Du erinnerst dich doch an dein Versprechen?“

Doch, sie erinnert sich gut. Als sie es gegeben hatte, war Karen Brinkötter aber noch nicht Mutter eines eineinhalbjährigen Sohnes, Organspenderin auf Abruf und im Begriff, ihr Berufsleben neu zu ordnen. Und mit ihrem Ehemann Jörg war die ganze Sache auch noch nicht ernsthaft besprochen. Egal. Karen Brinkötter sagt zu.

„Sie will schon mal mit dem Kopf durch die Wand“

„So ist sie eben“, sagt Jörg Brinkötter zwei Jahre später. In seiner Stimme klingt aber kein Vorwurf. Ganz im Gegenteil. Wenn der 46-Jährige seine gleichaltrige Frau als „spontan, dickköpfig und auch schon mal mit dem Kopf durch die Wand“ beschreibt, dann schwingt da Bewunderung mit. Karen überrasche ihn immer wieder: ein temperamentvoller Wirbelwind - „und genau das, was mir im Leben gefehlt hatte“.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Wo das Selmer Prinzenpaar arbeitet

Tierliebe Tollitäten: Karen Brinkötter hat eine Tierarztpraxis in Münster-Albachten. Dort arbeitet sie gemeinsam mit Ehemann Jörg. Unter den drei Tierarzthelferinnen ist auch eine Gardetänzerin au Selm.
21.10.2018
/
Leo ist der Hund des Ehepaars Brinkötter. Er ist der einzige In der Familie, der noch nicht mit dem Karneval warm geworden ist, Beim Fototermin wird der Vierbeiner unversehens selbst zum Patienten.© Foto Sylvia vom Hofe
Selmer Tollitäten an ungewohntem Platz: das Selmer Prinzenpaar Karen und Jörg Brinkötter an seinem Arbeitsplatz in der Tierarztpraxis am Tiedbaum in Albachten.© Foto Sylvia vom Hofe
Alte Bekannte für Selmer Karnevalsfans: Diese Tiere haben den Wagen „Arche Noah“ im Rosenmontagszug geschmückt. Jörg Brinkötter hat sie gerettet und will sie in der Praxis aufhängen.© Foto Sylvia vom Hofe
Marie Chantal Schulte (r.) hat ihre Chefin im Karneval kennengelernt. Sie tanzt in der Garde, Karen Brinkötter ist die Prinzessin.© Foto Sylvia vom Hofe
Mit dem Ultraschallgerät lässt sich sichtbar machen, wie es um die Organe der tierischen Patienten steht.© Foto Sylvia vom Hofe
„Schatz, du hast Herz“, sagt die Ärztin ihrem Leo.© Foto Sylvia vom Hofe
Leo beeindruckt die Diagnose wenig,© Foto Sylvia vom Hofe
Die Ärztin wohnt in Lüdinghausen, arbeite in Albachten und feiert in Selm.© Foto Sylvia vom Hofe
Die Untersuchung ist überstanden. Fit für die neue Session ist Leo aber nicht.© Foto Sylvia vom Hofe
Jörg Brinkötter holt den Patienten ab.© Foto Sylvia vom Hofe
Zusammen mit Chefin Karen Brinkötter (l.) behandeln die Tierarzthelferinnen Christin Jäger (M.) aus Münster und Marie Chantal Schulte aus Selm den Vierbeiner.© Foto Sylvia vom Hofe

Die Angesprochene sitzt ihm auf der anderen Seite des Schreibtisches in der Tierarztpraxis am Tiedbaum in Münster-Albachten gegenüber und lächelt. Ungewohnt leise. Hinter den beiden liegen zwei turbulente Jahre - nicht nur wegen des Karnevals.

Keine Angst vorm „Herzbeben“: Die Sache mit der Eifersucht

Andere hätte das verrückt gemacht: Er sitzt zu Hause und passt auf das Kind auf, sie wirft Handküsse in die Menge, lässt sich bejubeln und feiert an der Seite eines anderen den ganzen Abend - nicht nur einmal, sondern immer wieder. Einen ganzen Winter lang zwischen Karnevalsauftakt und Aschermittwoch: „Humba humba täterä!“ kombiniert mit „Herzbeben – lass uns leben.“ „Klar“, sagt Karen Brinkötter. „Andere denken da gleich ans Fremdgehen.“ Jörg Brinkötter nicht. Das hat mehrere Gründe, der wichtigste ist nicht Raum.

Er heißt Lasse, ist inzwischen dreieinhalb Jahre alt und gerade in der Kita: das Söhnchen der Brinkötters. Das ganze Glück des Paares, das in Lüdinghausen wohnt. „Wenn der morgens wach wird und nach mir ruft, fragt er nicht, ob ich spät ins Bett gekommen bin“, sagt die amtierende Selmer Karnevalsprinzessin. Über die Stränge zu schlagen, komme daher schon aus ganz praktischen Gründen nicht infrage. Nach den Festauftritten an der Seite von Prinz Daniel Krampe habe sie sich daher immer umgehend ins Auto gesetzt und sei heimgefahren. „Ich bin nicht eifersüchtig und weiß, dass ich ihr vertrauen kann“, gibt Jörg Brinkötter zurück. Aber einmal, da sei er doch sauer gewesen. „Er fragte, warum das so lange gedauert habe, als ich spät zuhause ankam.“ Da stand für sie fest: „Du kommst beim nächsten Mal mit und guckst dir das selbst an.“ Er kam mit - ausgerechnet der Besuch bei der Narrenzunft Hamm, seiner Heimatstadt - und verstand. Dabei blieb es aber nicht.

Ein Nordlicht, das sich aus „Fasching“ nichts macht

Faszination Karneval: Karen Brinkötter stößt sich auf ihrem schrill-grünen Schreibtischstuhl ab und rollt bis vor das Sofa, auf dem es sich der schwarze Dackelmischling Leo bequem gemacht hat. Sie lacht. Karneval sei bis Oktober 2016 für sie ein echtes Fremdwort gewesen. „Ich komme gebürtig aus Elmshorn“, erklärt sie. „Da im Norden haben wir es nicht so mit Karneval“, der dort allerdings wie in Bayern und Österreich Fasching heißt. „Zwei- oder dreimal habe ich Fasching gefeiert. Das war‘s.“ Und dann gleich Stadtprinzessin in einem Verein, in dem sie anfangs niemanden kennt außer den Prinzen. Sie lacht wieder und rollt zurück.

„Typisch meine Frau“, sagt der Industriekaufmann, der als Schilder- und Lichtreklamehersteller gearbeitet hat, bevor er im Dezember 2017 das Büro in der gerade eröffneten Tierarztpraxis am Tiedbaum übernahm. Sie zögere nicht lange, sondern treffe gleich eine Bauchentscheidung. „Und meistens liegt sie damit richtig.“ Im vergangenen Jahr nahm er sich an ihr ein Beispiel.

„Willst du nicht unser Karnevalsprinz sein in der Session 2017/18?“ Als Wolfgang Schlicht, der Ehrenpräsident der Selmer KG ihn das fragt, hätte Jörg Brinkötter eigentlich sofort verneint oder sich eine Bedenkzeit ausbedungen. Er sagt aber zu. Und das hat mit einem Trick von Schlicht zu tun. „Er hat meinem Mann zu verstehen gegeben, ich hätte schon für eine zweite Amtszeit zugesagt.“ Ein zweites Mal sich festlegen, ohne das Für und Wider mit ihrem Mann besprochen zu haben: „Das hätte ich dann doch nicht getan“, gibt Prinzessin zu. Ihr Mann hat es aber geglaubt und prompt zugesagt. „Noch einmal warte ich nicht zu Hause auf sie, sondern will dabei sein.“

Auch wenn die beiden Kinder aus erster Ehe, die inzwischen studieren, einst in der Hammer Kindergarde getanzt haben: Eine richtige Verbindung zum Karneval habe auch er nie gehabt, sagt Jörg Brinkötter. Er habe aber ein Jahr lang aus nächster Nähe beobachten können, „dass Karneval nicht nur Terminstress bedeutet, sondern auch ganz viel Freude“. Das sei gerade in schwierigen Zeiten wichtig. Die Brinkötters wissen, wovon sie da reden.

Die Tierärztin und das liebe Narrenvolk: Warum Karneval in Selm Lust auf mehr macht

Beim Kinderkarneval im Frühjahr 2018: Familie Brinkötter mit Söhnchen Lasse. Die Prinzessin war damals noch blond. © Foto: Sylvia vom Hofe

2009 lernen sich die beiden kennen - im Internet. Die Phase unverbindlicher Leichtigkeit des ersten Verliebtseins dauert nicht lange, denn da ereilt Karen ein Schicksalsschlag. Ihre Schwester erleidet mit gerade einmal 34 Jahren einen Herzinfarkt und fällt ins Koma. Die Ärzte rechnen mit dem Schlimmsten. Mit ihrem neuen Partner an der Seite eilt die ältere Schwester zum Krankenbett. Die beiden sind da, als die Schwester aus dem Koma erwacht, als die Ärzte sagen, dass das Herz nicht mehr lange mitmachen wird, als ein Spenderorgan gesucht und gefunden wird. Mitten in diesem Auf und Ab der Gefühle stirbt plötzlich der Vater. Jörg Brinkötter ist immer an ihre Seite. „Danach wusste ich, dass uns nichts mehr auseinanderbringen kann“, sagt seine Frau heute.

Warum ein drittes Amtsjahr undenkbar ist

Als Karen Brinkötter vor etwa zwei Jahren erfährt, dass sie ihr Versprechen einlösen und Karnevalsprinzessin werden soll, macht sie sich gerade bereit für eine OP. Sie will ihrer Schwester eine Niere spenden. Eine schwere Erkältung macht ihr aber einen Strich durch die Rechnung. Dennoch erholt sich die Schwester zusehends. Ein Grund mehr zu feiern für die Selmer Karnevalsprinzessin.

Karen Brinkötter schaut auf die Uhr. Noch zehn Minuten, dann erwartet sie ihre nächste Patientin: eine Katze. Zeit, den Rückblick auf die zwei Karnevalsjahre zu beenden. Ob sie sich vorstellen kann, ein drittes Amtsjahr anzuhängen? Der Selmer KG würden sie und ihr Mann damit aus einer Verlegenheit helfen, denn die die Tollitäten für 2018/19 sind kurzfristig abgesprungen. Der Narrenthron droht leer zu bleiben. Ehe Karen Brinkötter antworten kann, meldet sich ihr Mann zu Wort. Mit energischer Stimme: „Nein!“ Sonst würde es doch noch anstrengend werden. Ehefrau Karen beruhigt ihn: „Das käme auch für mich nicht in Frage.“ Im April wird die Tierärztin ihre Fachprüfung als Kardiologin ablegen. Da benötige sie jede freie Minute zum Lernen.

Laubberg verrät närrische Nachwuchshoffnung

Feiern werden die beiden dennoch mit den neuen Freunden in der Selmer KG. Kinderkarneval sei fest gebucht. „Neulich“, erzählt Jörg Brinkötter, „ist Lasse auf einen Laubberg zugelaufen“. Der Junge habe sich gebückt, mit beiden Händen die bunten Blätter in die Höhe geworfen und laut „Helau!“ gerufen. „Wenn der nicht mal später Kinderprinz wird“, sagt seine Frau. So viel steht fest: Die einstige Ersatzfrau und ihren Mann würde es freuen. Sie haben sich in nicht einmal zwei Jahren von Karnevalsmuffeln in glühende Fans der fünften Jahreszeit gewandelt.

Die Selmer Karnevalsgesellschaft lädt für den 17. November zur Prinzenproklamation ins Bürgerhaus, Willy-Brandt-Platz 3, ein. Um 15.11 Uhr stellt die KG das Kinderprinzenpaar vor. Ein erwachsenes Prinzenpaar, die Nachfolger von Karen und Jörg Brinkötter, wird es dieses Mal nicht geben, sondern erst wieder in der Session 2019/20. Der Eintritt ist jeweils frei.
Lesen Sie jetzt
Der erste Auftritt der neuen Karnevalsprinzenpaare

Selmer Bürgerhaus erlebte Narrenauftakt nach Maß

Nun ist es offiziell: Leon und Laura heißt das Selmer Kinderprinzenpaar. Die erwachsenen Narren führen Karen I. und Jörg I. (Ehepaar Brinkötter) an. Die Feuertaufe gelang mit der Prinzenproklamation ausgezeichnet. Von Arndt Brede

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Brauereiknapp

Brauereiknapp: Obwohl noch keine Fahrbahnsanierung läuft, ist die Straße schon gesperrt

Hellweger Anzeiger Schuljahr 2020/21

Schulcheck: Selma-Lagerlöf-Schule in Selm setzt auf selbstgesteuertes Lernen

Meistgelesen