Der lange Weg zurück ins Leben: Wie es Stephan Freitag zehn Monate nach seinem Unfall geht

dzSchwerer Verkehrsunfall

Ein Unfall wie jeder andere? Für unsere Autorin längst nicht mehr. Über Monate hat sie das Schicksal von Stephan Freitag verfolgt. Von dem Moment an, als er auf der Straße lag - bis heute.

Schwerte

, 30.10.2018, 13:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

Täglich kann man sie lesen: Unfallmeldungen. Auto, Lkw, Radfahrer. Leicht verletzt, schwer verletzt. Wenn man eine solche Nachricht liest, ahnt man jedes Mal: Das Leben eines Menschen hat sich in diesem Moment verändert, möglicherweise sogar radikal, im schlimmsten Fall ist es zu Ende. Aber was eine solche Nachricht wirklich bedeuten kann, das erkenne ich erst in dem Moment, in dem mir Stephan Freitag gegenübersteht. Zehn Monate nach seinem schweren Unfall auf der Ruhrtalstraße. Nach insgesamt drei Operationen. Und noch immer auf Krücken gestützt.

Weil seine „Unfall-Geschichte“ eine ganz besondere ist, habe ich schon mehrfach mit ihm telefoniert, über ihn berichtet. Jetzt, Ende Oktober, treffen wir uns zum ersten Mal persönlich. Und ich bin beeindruckt, wie der 56-Jährige mit dem Unfall, der sein Leben noch immer jeden Tag stark prägt, umgeht.

„Am Dienstag, den 2. Januar 2018, ist ein Rollerfahrer bei einem Verkehrsunfall gegen 16.15 Uhr auf der Ruhrtalstraße schwer verletzt worden“, schreibt die Polizei am Jahresanfang in ihrer Meldung zu dem Unfall. Schwer verletzt, das stimmt. Und beschreibt doch nicht mal im Ansatz, wie es Stephan direkt nach dem Unfall geht: Er liegt mit offenem Oberschenkelbruch und gebrochenem Becken auf der Straße.

Nach dem Unfall: Alleine auf der Straße und schwer verletzt

„Zuerst habe ich gedacht: Jetzt verrecke ich hier alleine auf der Straße“, beschreibt der 56-Jährige. Doch er hat riesiges Glück: Sofort halten Autos an, jemand kniet sich zu ihm. Später wird er erfahren: Der Mann heißt Jens Normann. Der Ergster ist ausgebildeter Ersthelfer, weiß, was zu tun ist, spricht Stephan Freitag Mut zu, bindet das Bein ab. „Ich habe ihn dann gefragt, ob er das Stück, das in meinem Oberschenkel steckt, herausziehen kann. Ich dachte, das wäre ein Teil von meinem Roller.“ Ist es nicht, es ist der Oberschenkelknochen.

Der lange Weg zurück ins Leben: Wie es Stephan Freitag zehn Monate nach seinem Unfall geht

Der Roller wird bei dem Unfall total demoliert. © Freitag

Wenig später landet der Rettungshubschrauber, Stephan Freitag wird ins Bergmannsheil nach Bochum geflogen. Dort wird er sofort operiert. Eine weitere Operation folgt eine Woche später, zwei Metallplatten werden in sein Becken eingesetzt, das gebrochen ist.

Kurz nach dieser Operation telefoniere ich das erste Mal mit Stephan: Nach dem Unfall sucht er nach dem Mann, der ihm damals geholfen hat. Ich schreibe einen Bericht – und wir finden den Ersthelfer. Es folgt ein emotionales Treffen der beiden Männer in der Reha-Klinik, auch darüber berichte ich. Schon damals kann ich kaum fassen, wie unglaublich positiv der Schwerverletzte mit seiner Situation umgeht.

Das Allerwichtigste ist für ihn, den Menschen zu danken, die ihm nach dem Unfall geholfen haben. Einerseits ist es traurig, dass man es überhaupt betonen muss, aber: Bei seinem schlimmen Unfall gafft niemand. Alle, die stehen bleiben, helfen, machen sich nützlich. „Jeder Einzelne war wichtig, auch wenn sie nur Kleinigkeiten gemacht haben. Ich würde mich so gerne bei jedem bedanken“, sagt Stephan damals. Außerdem prägt sich bei mir ein, wie hoffnungsvoll er ist, schnell wieder auf die Beine zukommen. Diese Hoffnung zerschlägt sich allerdings.

Nach zehn Monaten: Noch immer auf Krücken angewiesen

„Anfangs habe ich noch gedacht, beim ersten Frühjahrsgrillen bin ich wieder mit dabei“, sagt Stephan im Rückblick. Damit liegt er weit daneben. Über zehn Monate später ist er noch auf zwei Krücken angewiesen, ist noch immer nicht arbeitsfähig. „Der Arzt hat gesagt, es war zu viel Material vom Knochen auf der Straße und zu viel Straße im Knie.“ Das Problem ist der Oberschenkelbruch, direkt oberhalb des Kniegelenks. Der Knochen heilt nicht gut genug, noch Monate nach dem Unfall ist der Herdecker auf den Rollstuhl angewiesen.

Der lange Weg zurück ins Leben: Wie es Stephan Freitag zehn Monate nach seinem Unfall geht

Noch Monate nach dem Unfall ist Stephan Freitag auf den Rollstuhl angewiesen. © Freitag

Am 25. Mai folgt daher eine weitere Operation, es wird Material aus dem Becken in den Oberschenkelknochen transplantiert. In der Reha-Klinik in Bad Iburg arbeitet Stephan trotzdem unermüdlich daran, wieder fit zu werden. Sein Ziel: „Ich wollte zur Entlassung fit genug sein, dass ich zu Hause alleine zurechtkomme, meiner Frau und meiner Tochter nicht zur Last falle.“

In der Reha: Der lange Weg zurück - ohne jammern

Am 10. August ist es soweit – endlich. Der Tag der Entlassung aus der Klinik.. „Da habe ich zum letzten Mal im Rollstuhl gesessen.“ Die Reha geht trotzdem weiter. Anfangs täglich, mittlerweile noch an zwei bis drei Tagen pro Woche, verbringt er seine Zeit in der orthopädischen Klinik in Volmarstein.

Alle Wege, die irgendwie machbar sind, meistert er auf Krücken. Er will nicht, dass seine Frau Waltraud oder seine Tochter Kira ihn ständig fahren müssen. Sie würden es klaglos und gerne tun, sagen beide. Aber sie akzeptieren auch, dass Stephan sich so oft wie möglich ohne ihre Unterstützung durchkämpft. „So ist es besser, als wenn er nur jammern würde“, sagt seine Frau.

Und wie geht es ihm heute – zehn Monate nach dem Unfall? Stephan sagt: „Gut, sehr gut!“ Meinen skeptischen Blick auf die Krücken lacht er weg. „Das wird schon.“ Ob es jemals so wird wie vor dem 2. Januar, ist allerdings noch unklar. „Die Ärzte wissen noch nicht, ob ich je wieder Roller fahren kann. Es kann sein, dass die Platten im Becken beim Sitzen im Weg sein werden.“ Immerhin: Um seinen Job als Drucker muss er nicht bangen. „Die Einladung zur Weihnachtsfeier habe ich schon. Mein Spind ist nicht leer geräumt“, sagt er mit einem Zwinkern.

Viel Glück, Stephan!!

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