Der Bergbau geht - die Literatur bleibt: über den Bergbau und seine Auswirkungen auf Selm

dzBergbau

Dass die Zeche Hermann von großer industrieller Bedeutung war, ist bekannt. Künstler Cymontkowski erzählt, welche Auswirkungen sie zudem auf Gesellschaft, Infrastruktur und Politik hatte.

von Mona Wellershoff

10.12.2018, 03:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Betreten von Heinz Cymontkowskis Wohnung fühlt sich an wie das Überschreiten der Schwelle in eine Welt, in der die Zeit noch still steht.

Die Möbel sind aus dunklem Holz, im Hintergrund schwingen bedächtig die Pendel alter Uhren. Und alles voller Bücher. Bücher, die zum Teil schon zwei Jahrhunderte auf dem Buckel haben und dem Besucher die Geschichte von einer Stadt im Wandel der Zeit zuzuflüstern scheinen.

Unter anderem die von den Auswirkungen der Zeche Hermann. Denn: „Die Zeche war damals das Alleinstellungsmerkmal der Stadt Selm“, sagt Cymontkowski.

Schlechte Arbeitsbedingungen bringen der Zeche Hermann im Volksmund den Namen „Zeche Elend“ ein.

Nur knappe zwanzig Jahre - von 1906 bis 1926 - war die Zeche Hermann in Selm in Betrieb. Der Begriff Zeche bedeutet übrigens „Zusammenschluss mehrer Personen“. Die höchste Belegschaft erreichte eben dieser Zusammenschluss im Jahr 1923 mit 3569 Bergleuten. Die Zeche war zudem mit 1050 Meter Schachttiefe die tiefste Förderanlage des gesamten Ruhrgebiets mit den schwierigsten Betriebs- und Abbauverhältnissen.

Das lässt sich auch in den Büchern aus Cymontkowskis Fundus wiederfinden, in denen bei der Zeche Hermann oft von der „Zeche Elend“ die Rede ist. Grund hierfür sei laut Cymontkowski die enormen Schachttiefe und die sengende Hitze von 33 Grad unter Tage.

Der Bergbau geht - die Literatur bleibt: über den Bergbau und seine Auswirkungen auf Selm

„Das Kohlefeld und ich“ von Heinz Cymontkowski kritisiert die schlechten Arbeitsbedingungen der Bergleute. © Mona Wellershoff

Durch die Vergangenheit und die Kunst mit dem Bergbau verbunden

Heinz Cymontkowski hat selber viele persönliche Beziehungen zum Bergbau. Seine Großväter beispielsweise seien Bergleute gewesen. Er selbst habe die Zeche Hermann mehrfach gemalt. Und damit nicht genug: sogar das Atelier des Künstlers habe für zwei oder drei Jahre in der Lohnhalle der Zeche sein Zuhause gehabt. Dort ist auch eine seiner Illustrationen „Das Kohlefeld und ich“ entstanden. Sie sei eine Kritik an den schlechten Arbeitsbedingungen der Bergleute. Angelehnt an die Formulierung „Kohle fressen“ habe der Künstler edles Silbergeschirr auf einer schneeweißen Tischdecke platziert und dieses dann mit rabenschwarzer Kohle gefüllt.

Der Bergbau geht - die Literatur bleibt: über den Bergbau und seine Auswirkungen auf Selm

Eine eigene Bibliothek ziert die Wand der Wohnung des Künstlers in Selm. © Mona Wellershoff

Der Bewahrer der Literatur

„Ein Künstler hat auch immer einen gesellschaftlichen Auftrag“, findet Cymontkowski. Ihm sei es deshalb sehr wichtig, dass er über die Hintergründe seiner Kunstwerke Bescheid wisse: „Um das Morgen zu verstehen muss ich verstanden haben, was gestern war.“

Und dazu muss er noch nicht einmal seine Wohnung verlassen, denn der Selmer hat eine eigene Bibliothek direkt bei sich Zuhause.

„Ich habe so um die 500 bis 600 Werke, in denen Selm vorkommt“, zählt Cymontkowski stolz auf. Er zeigt auf ein Bücherregal, welches die ganze Wand einnimmt. Die Bretter biegen sich unter dem geballtem Wissen aus Jahrhunderten.

Warum Cymontkowski all diesen Schätzen ein Zuhause gibt? „Ich habe eine riesige Leidenschaft für Papier.“ Außerdem sagt er: „Ich verstehe mich selbst nicht als Händler, sondern als Bewahrer der Literatur.“

Und so bewahrt der 1954 in Selm geborene Künstler auch ganz viele Bücher auf, die über den Bergbau in Selm berichten und darüber, wie er sich auf die Stadt ausgewirkt habe.

Der Bergbau geht - die Literatur bleibt: über den Bergbau und seine Auswirkungen auf Selm

In seinen Büchern kann Heinz Cymontkowski nahezu die ganze Vergangenheit Selms nachschlagen. © Mona Wellershoff

„Der Bergbau hat alles beeinflusst.“- Heinz Cymontkowski

Diese Beeinflussung habe nicht nur im Bereich der Industrie stattgefunden. Cymontkowski ist es wichtig klarzustellen, dass der Bergbau auf alles seinen Einfluss gehabt und die Stadt selbst sowie das Leben in der Stadt maßgeblich beeinflusst habe.

„Der Bergbau war der ganze Strukturwandel“, behauptet Cymontkowski. Und als es schließlich mit dem Bergbau zu Ende ging, tat es das auch mit der Infrastruktur. Es verschwanden der alte Sportplatz, das Thalia- und das Metropolkino, Schulen und Kirchen aus dem Stadtbild Selms. Viele Geschäfte der Kreisstraße hätten ebenfalls vor dem Existenz-Aus gestanden.

„Der Bergbau hat die Elektrizität nach Selm gebracht“, zählt Heinz Cymontkowski auch positive Aspekte auf. Zudem habe der Bergbau eine beachtliche Kulturarbeit geleistet. „Er hat außerdem dazu beigetragen, dass die Leute sich nicht alles gefallen ließen und anfingen zu protestieren. Zum Beispiel gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen, wie sie auch auf der Zeche Hermann herrschten.“

Das Ende des Bergbaus

Eine heute noch spürbare Auswirkung des Bergbau-Zeitalters sind außerdem unterirdische Hohlräume, die die Bohrungen nach dem schwarzen Gold in vielen Regionen des Ruhrgebiets hinterlassen haben. Auch in Cappenberg beispielsweise habe man mehrere Häuser absichern müsse, erzählt Cymontkowski.

Zudem spricht man beim Bergbau von einer Nordwanderung - und zwar weil die Gebiete, in denen Kohle abgebaut wurde, sich immer weiter gen Norden verschoben. Der Bergbau hat zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Ruhrtal angefangen, 1865 erreichte er die Emscherzone und Ende des 19. Jahrhunderts wurde dann der Raum Recklinghausen als Bergbauregion erschlossen.

Deshalb sei Heinz Cymontkowski auch der Meinung: „Für mich endete der Bergbau erst mit dem Ende der Nordwanderung circa 1992.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Münsterlandstraße
Münsterlandstraße in Selm: Bauverkehr wird weniger - steigt das Tempo jetzt?
Hellweger Anzeiger Weihnachtszauber Cappenberg
Droht ein Verkehrschaos? Straße zum Schloss Cappenberg bleibt zum Weihnachtsmarkt gesperrt
Hellweger Anzeiger Automat gesprengt
Fünf Wochen nach Sprengung ist Cappenberg immer noch ohne Geldautomat: Bleibt das so?