1989 wurde der Eiserne Vorhang löchrig, in Ungarn etwas früher als in der DDR. Bevor Kohl und Genscher auf den Plan traten, schlug die Stunde von Csilla von Boeselager. Der „Engel von Budapest“ betreute Tausende von DDR-Flüchtlingen in Lagern der deutschen Botschaft.

10.09.2019, 17:52 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es gibt diese Menschen, die andere für sich gewinnen können, ohne dafür Macht oder Geld zu benötigen. Sondern bloße Ausstrahlung und Überzeugungskraft. Menschen, die nicht lange Chancen und Risiken abwägen, sondern die Ärmel hochkrempeln und sagen: „So machen wir es“. Und es dann machen. Csilla Freifrau von Boeselager muss so ein Mensch gewesen sein. Sie machte, was sie für richtig, nötig und gerecht hielt – und half 1989 so vielen DDR-Bürgern auf ihrem Weg in den Westen, dass sie den Beinamen „Engel von Budapest“ erhielt. Am 10. September vor genau 30 Jahren übersetzte sie die Worte des ungarischen Außenministers Gyula Horns, die für Tausende Menschen eine Brücke in die Freiheit schlugen.

Dank Boeselager entstanden im Sommer 1989 in Budapest insgesamt drei große Flüchtlingslager für Menschen aus der DDR, die nicht mehr zurückwollten in einen Arbeiter- und Bauernstaat, der von starrsinnigen greisen Männern gelenkt wurde, völlig heruntergewirtschaftet war und bereits erste Zerfallserscheinungen zeigte. Der sozialistische Bruderstaat Ungarn hatte zu diesem Zeitpunkt schon seine Grenze zu Österreich abgebaut und war der Genfer Flüchtlingskonvention beigetreten, konnte damit die Abschiebung von Flüchtlingen in ihre Heimatländer verweigern.

Csilla von Boeselager: Ein Engel für die Freiheit

Ein symbolischer Akt: Der ungarische Außenminister Gyula Horn (r) und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock (l) durchtrennen am 27. Juni 1989 ein Stück des „Eisernen Vorhangs“ zwischen Ungarn und Österreich bei Klingenbach. Einige Wochen später, am 10. September, wurde das „Loch“ noch deutlich größer, als Tausende DDR-Flüchtlinge aus Ungarn über Österreich in die BRD ausreisen durften. © picture alliance / dpa

Viele DDR-Bürger fassten im August 1989 den mutigen Entschluss, über den Umweg Ungarn die Ausreise in den Westen zu forcieren. Hunderte suchten in den heißen Sommertagen die deutsche Botschaft in der ungarischen Hauptstadt Budapest auf mit der Frage, wie sie aus Ungarn in die Bundesrepublik ausreisen könnten. Die Botschaft stellte ihnen zwar die gewünschten Pässe aus, musste den Menschen aber mitteilen, dass sich Ungarn gegenüber der DDR vertraglich verpflichtet hatte, Deutsche aus der DDR nicht in den Westen ausreisen zu lassen. Eine vertrackte Situation. Binnen weniger Tage saßen immer mehr Menschen in der Botschaft fest, am 13. August war das Gebäude völlig überfüllt.

Die Botschaft bat um Hilfe

In dieser schwierigen Lage kam Csilla von Boeselager ins Spiel. Die gebürtige Ungarin, die nach ihrer Heirat eines deutschen Freiherrn im Sauerland lebte, hatte bereits einige Monate zuvor den Ungarischen Malteser-Caritas-Dienst gegründet und war im Frühjahr 1989 erstmals in der deutschen Botschaft vorstellig geworden, um dort für die Unterstützung ihrer Arbeit zu werben. Um die katastrophale medizinische Versorgung zu verbessern, organisierte sie Hilfstransporte mit Krankenhaus-Ausrüstung, die in Westdeutschland ausgemustert worden war, darunter dringend benötigte Beatmungsgeräte. Nach einem dieser Hilfstransporte verweilte sie im August 1989 für einige Tage in Budapest, um die erste Prozession zu Ehren des Heiligen Stefan mitzuerleben – im Nachhinein eine überaus glückliche Fügung. Denn am 13. August wandte sich die deutsche Botschaft hilfesuchend an Boeselager. Es brauche dringend ein Ausweichquartier, um die stündlich wachsende Zahl von hilfesuchenden Deutschen aus der DDR betreuen zu können. Und Boeselager hatte den rettenden Einfall. Sie sprach den katholischen und regimekritischen Pfarrer Imre Kozma an, mit dem sie gemeinsam den Malteser-Dienst gegründet hatte – und dessen Pfarrei in Budapest lag. Auf dem Kirchengelände, zu dem ein großer Garten gehörte, entstand das erste Flüchtlingslager. Mit unermüdlichem Einsatz besorgten ungarische und deutsche Malteser sowie weitere Helfer Lebensmittel, Zelte wurden aus Paderborn, Essen und München geliefert.

Csilla von Boeselager: Ein Engel für die Freiheit

Csilla von Boeselager mit Jószef Antall, dem Ministerpräsidenten der ersten frei gewählten Regierung Ungarns © privat

„Es war so selbstverständlich“, sagte Csilla von Boeselager dazu 1991 in einem Interview dem WDR. Die Diplomaten seien verzweifelt gewesen und hätten sie gefragt, was nun mit den Menschen passieren soll, die da vor der überfüllten Botschaft auf der Straße in ihren Trabbis campierten. „Da habe ich gesagt: Ich übernehme sie“, so Boeselager, die 1994 im Alter von nur 52 Jahren einem Krebsleiden erlag.

Csilla von Boeselager: Ein Engel für die Freiheit

Csilla von Boeselager (1941-1994) © privat

Zur Person

Über Ungarn und Venezuela nach Deutschland

  • Csilla von Fényes kam 1941 in Budapest zur Welt. 1945 floh sie mit ihrer Familie vor der Roten Armee zunächst nach Bayern und wanderte dann nach Venezuela aus.
  • Eigentlich wollte sie Geschichte studieren, doch ihr Vater überzeugte sie von einem Studium der Naturwissenschaft. Sie studierte in den USA Chemie, arbeitete später bei Shell in New York und im Marketing der Hoechst-Werke in Frankfurt.
  • In Deutschland lernte sie Dr. Wolfhard von Boeselager kennen und lieben, den sie 1973 heiratete. Mit zwei Töchtern und einem Ziehsohn lebte sie bei Arnsberg im Sauerland und engagierte sich ab den frühen 1980er-Jahren im Malteser-Hilfsdienst.
  • Ab 1987 organisierte sie Hilfstransporte in ihr Geburtsland Ungarn, 1988 gründete sie als ersten zugelassenen Verein in Ungarn den Ungarischen Malteser-Caritas-Dienst und organisierte mit dessen Hilfe unter anderem die Unterbringung von insgesamt 36.000 Flüchtlingen aus der DDR.
  • 1991 gründete sie eine Stiftung, die bis heute Hilfe für Osteuropa organisiert und nach ihrem Tod nach ihr benannt wurde.

Ihre Töchter Ildikó und Ilona, damals im Teenager-Alter, verbrachten 1989 Teile ihrer Sommerferien in dem Flüchtlingslager. „Unsere Mutter hat alle mobilisiert, die nicht bei drei auf dem Baum waren, unsere Familie, Verwandte und Freunde“, erinnert sich Ilona von Boeselager heute mit einem Schmunzeln. Ebenso erinnert sie sich daran, wie sie in der brüllenden Hitze half Wasser zu verteilen an Menschen, die zum Teil zu Fuß vom Plattensee nach Budapest gekommen und völlig entkräftet waren. Ihre Mutter half ebenso an allen Ecken – und tat etwas, was man heute wohl als erfolgreiches „Netzwerken“ bezeichnen würde. Sie verknüpfte nicht nur Botschaft, Pfarrgemeinde und Malteser, sondern hielt auch den Kontakt zu den Medienvertretern, die vor dem Lager warteten. Einmal am Tag gab es eine „Pressekonferenz“, und Csilla von Boeselager informierte auf Ungarisch, Deutsch, Englisch und Spanisch über den Stand der Dinge. Unter den Zuhörern waren neben den Journalisten Mitarbeiter der Stasi.

Das SED-Regime war über die Situation natürlich alarmiert, hatte Spitzel entsandt, die sich mit Kameras rund um das Lager postierten und als Flüchtlinge getarnt in die Zeltstadt schlichen. In einem Wohnwagen vor dem Lager versuchten DDR-Beamte die Ausreisewilligen zu einer Rückkehr zu überreden, verbunden mit der Zusage keine Strafe fürchten zu müssen. Doch das glaubte niemand – und zurück wollte ohnehin niemand.

Dabei war die Situation nicht nur aus humanitärer Sicht, sondern auch politisch sehr heikel. Ilona von Boeselager erinnert sich an die Sorgen ihres Vaters: Was, wenn unter den Flüchtlingen der Lagerkoller ausbricht, was, wenn die Russen wütend werden und die Menschen gewaltsam aus dem Lager holen? Die DDR pochte schließlich immer noch auf ihren Auslieferungsvertrag mit Ungarn.

Doch statt der Sorgen erfüllten sich die Hoffnungen.

Am 10. September, heute vor genau 30 Jahren, meldete sich der ungarische Außenminister Gyula Horn im Fernsehen zu Wort. Vor einem Fernseher im Lager stand Csilla von Boeselager und übersetzte die Ansprache für die Flüchtlinge mit den Worten: „Die hier stehenden Mitglieder, Bürger der DDR, können mit ihren DDR-Pässen das Land verlassen.“

Csilla von Boeselager: Ein Engel für die Freiheit

Glücklich halten Übersiedler aus der DDR, die am 11. September 1989 in einem Reisebus über Österreich in Bayern eintreffen, ihre bundesdeutschen Reisepässe in die Fensterscheibe. © picture alliance / dpa

Die Stiftung

Csilla-von-Boeselager-Stiftung hilft bis heute in Osteuropa

  • Die Csilla-von-Boeselager-Stiftung leistet Nothilfe für Hungrige und Obdachlose in Osteuropa. Zu den Projekten zählen etwa eine Armenküche und Kleiderkammer in Saporischschja (Ukraine) und die Versorgung von Slumkindern in Satu Mare (Rumänien).
  • Seit 1991 sind durch die Arbeit der Stiftung 4 Millionen Euro an Spenden sowie mehr als 3000 Lastzüge mit Hilfsgütern im Wert von über 50 Millionen Euro in über 100 Projekte im osteuropäischen Raum geflossen.
  • Vorsitzender der Stiftung ist Dr. Raphael von Hoensbroech, Ziehsohn von Csilla von Boeselager, der beruflich als Intendant und Geschäftsführer des Konzerthauses Dortmund tätig ist. Ebenfalls zum Vorstand gehören die Boeselager-Töchter Ildikó und Ilona.
    Csilla von Boeselager: Ein Engel für die Freiheit

    Dr. Raphael von Hoensbroech, Ilona und Ildikó von Boeselager (v.l.) © privat

Das Wunder der Wende begann

Weiter kam sie nicht, der Rest war Jubel, Gejohle, Applaus. Die Menschen hatten Tränen in den Augen, konnten ihr Glück kaum fassen. Die so lang ersehnte Freiheit war plötzlich zum Greifen nah. Der Eiserne Vorhang hatte ein Loch. Wer einen fahrbaren Untersatz zur Verfügung hatte, packte gleich zusammen, reihte sich ein in die Kolonne nach Österreich. Etwa 12.000 DDR-Bürger reisten allein in den nächsten drei Tagen in die Freiheit. Es war der Beginn einer Entwicklung, die wenige Wochen später in den Fall der Mauer münden sollte. Das Wunder der Wende begann mit dem Engel von Budapest. 20 Tage später fand es seine Fortsetzung in dem berühmten Auftritt Hans-Dietrich Genschers auf dem Balkon der Prager Botschaft („Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“)

Csilla von Boeselager erhielt für ihren Einsatz später zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz aus den Händen von Bundeskanzler Helmut Kohl und den Europäischen Preis für Menschenrechte. Darauf eingebildet hat sie sich nie etwas. Die gläubige Katholikin, die selbst einst ein Flüchtlingskind gewesen war und Ausgrenzung am eigenen Leib erlebt hatte, betrachtete ihr Wirken, ihre Möglichkeit in ihrem Heimatland Ungarn zu helfen, als sie gebraucht wurde, als Fügung Gottes. Der langjährige Bundesaußenminister Genscher würdigte Boeselager 1994 in einem Nachruf als „Geschäftsfrau im Dienste der Benachteiligten“.

Csilla von Boeselager: Ein Engel für die Freiheit

Der „Engel von Budapest“, Csilla von Boeselager, mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, der ihr das Bundesverdienstkreuz verlieh. © privat

Und er schrieb weiter: „Die ungarische Regierung ließ sie gewähren. Es bleibt ein Rätsel, wie sie dies zuwege brachte, denn die ungarische Regierung sah sich anfangs noch in die Ostblock-Disziplin eingebunden und dem Druck der Führungen der DDR sowie der Sowjetunion ausgesetzt. Mit entwaffnender Offenheit forderte Csilla von Boeselager alles für die Menschen und fragte nicht lange nach den Zuständigkeiten.“

Nicht unwahrscheinlich erscheint es aus heutiger Sicht, dass es genau ihre Gaben und Talente waren, die am Ende für so viele Menschen eine glückliche Fügung bedeuteten.

Csilla von Boeselager: Ein Engel für die Freiheit

Die wichtigsten Ereignisse zwischen dem 10. September und 9. November 1989 in chronologischer Reihenfolge. © Grafik: Klose