Britische Bürgermeisterin über den Blödsinn des Brexits und dem Sinn von „vier Bier bitte“

dzStädtepartnerschaft

Noch 100 Tage bis zum Brexit. Während sich Großbritannien von der EU scheiden lassen will, feiern Workington und Selm Silberhochzeit. „Jetzt erst recht“, wie Barbara Cannon meint.

Selm

, 22.12.2018, 15:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ob die reservierten Tickets von easyJet und Ryanair ihre Gültigkeit behalten werden, ist genauso unsicher, wie die Frage, ob möglicherweise künftig ein Visum nötig sein wird, für Reisen zwischen den Partnern der deutsch-englischen Städteehe: des westfälischen Selm und dem etwa gleich großen Workington an der Westküste von Cumbria. Anstatt die künftigen Probleme der Begegnung in den Blick zu nehmen, schaut Barbara Cannon im Interview lieber zurück. Sie ist nicht nur Bürgermeisterin von Workington, sondern auch eine der Mütter der Städtepartnerschaft und überzeugte Europäerin.

Was sie so ärgert, was die beiden Städte verbindet, und wie alles begann? Wir haben der Bürgermeisterin von Workington Fragen zur Städtepartnerschaft zugemailt. Sie las sie, als sie gerade in Schweden war. „Ich besuche meine Tochter hier, die ihr erstes Kind erwartet“, schrieb sie. Die Interview-Antworten hat sie kurz nach dem freudigen Ereignis gemeinsam mit David Jones formuliert „Er gehört wie ich zu den Gründern und ist immer noch dabei“, schreibt sie. Wir führten das Gespräch auf Englisch.

Was hat Sie bewogen, vor 25 Jahren diese Städtepartnerschaft einzugehen? Barbara Cannon: David Jones, John Williams und ich waren die ersten, die Selm besuchten. Schon Jahre vorher hatten wir mit einigen Freunden die Idee zu einer Städtepartnerschaft. Der Stadtrat hatte das befürwortet. Ein Verein wurde gegründet und eine europäische Partnerstadt wurde gesucht, vorzugsweise in Frankreich oder Deutschland. Die EU hatte Selm vorgeschlagen. Für Deutschland sprach, dass wir schon gute Erfahrungen hatten mit einem Schüleraustausch mit einem Oldenburger Gymnasium. Nachdem David Jones dem Stadtrat eine Präsentation vorgelegt hatte, wurde entschieden ein paar Leute nach Selm zu schicken: uns. Der Besuch war Liebe auf den ersten Blick, das haben wir auch Peter Vaerst zu verdanken.

Auf Englisch ist von „twintowns“, also von Zwillingsstädten, die Rede, wenn es um Städtepartnerschaften geht. Wie ähnlich sind sich Selm und Workington? Barbara Cannon: Die EU hatte uns Selm wegen der gleichen Größe und der gemeinsamen Kohle- und Stahlvergangenheit vorgeschlagen. Beide benötigten einen Strukturwandel, beide haben historische Gebäude: dort etwa Schloss Cappenberg und hier Workington Hall.

Gab es auch andere deutsche Kandidaten? Barbara Cannon: Ritterhude, jetzt Partnerstadt von Kendal. Und Brake unter Weser.

25 Jahre sind eine lange Zeit. Gibt es ein Ereignis, das Ihnen noch besonders in Erinnerung ist? David Jones: Darauf zu antworten ist ausgesprochen schwierig, denn es gibt so viele. Ein großartiges Beispiel dafür, wie tief unsere Gefühle füreinander sind, ist das große Mitgefühl der Selmer, als unsere Kirche St. Michael abbrannte. Da haben wir viel Sympathie und Unterstützung bekommen. Nicht so tiefgreifend, aber dennoch aussagekräftig ist für mich der Austausch von Brieftauben. So ein Ereignis hatte ich mir nicht einmal in meinen wildesten Träumen ausgemalt.

Barbara Cannon: Für mich entscheidend: die Freundschaften, die damals begannen und bis heute halten. Ohne die Städtepartnerschaft hätte ich vermutlich nie Maria Lipke kennengelernt mit ihrer Familie und den Nachbarn. Heute gehören sie für mich zur Familie.

Beschreiben Sie doch mal die Partnerschaft mit drei Wörtern. David Jones: Freudig, lohnend, notwendig

Barbara Cannon: Vier Bier, bitte (auf deutsch). Zur Erklärung: Bei unserem ersten Treffen im Borker Amtshaus wurden wir gefragt, was wir trinken wollten. Meine Antwort verwunderte, denn man hatte wohl erwartet, dass ich Tee bestellen würde.

Wie laufen die Besuche? Barbara Cannon: Das Hin und Her zwischen unseren Städten läuft von selbst, eigentlich fast ohne dem Dazutun der Partnerschaftsvereine oder Stadtverwaltungen.

David Jones: Schulen, Vereine und andere Gruppen haben alles im Griff.

Das 25-Jährige wird in Workington am letzten Mai-Wochenende gefeiert, ausgerechnet dann, wenn die Europa-Wahlen stattfinden, an denen die Briten nicht mehr teilnehmen werden. War Ihnen das klar, als Sie den Termin festlegten? David Jones: Die Selmer haben den Termin vorgeschlagen. Schon seit rund zehn Monaten steht fest, dass die „Carnegie Singers“ ihr 45-jähriges Bestehen in Selm feiern werden. Da schien es praktisch, zur selben Zeit auch den 25. Geburtstag unserer Städtepartnerschaft bei der Gelegenheit zu feiern. Umgekehrt wollten wir auch die Feierlichkeit bei uns in Workington mit Ereignissen verbinden, die hier zur selben Zeit stattfinden. An die politische Agenda hat dabei keiner gedacht. Natürlich schwebt der Brexit als schwarzer Schatten jetzt über den Feierlichkeiten, aber wer weiß schon, wie es hier dann aussehen wird.

Was denken Sie über den Brexit? Das ist völlig bekloppt, und ich begreife nicht, wie die Abgeordneten die Leute verraten. Nichts wird in der Zukunft besser außerhalb der EU.

Barbara Cannon: Ich habe nicht für den Austritt gestimmt, und ich habe zwei Jahre für einen Europaabgeortneten gearbeitet. Das Referendum hat das Land gespalten, aber wir müssen beide Ansichten respektieren, auch wenn wir nicht zustimmen. Der Brexit wird dem Land schaden, aber ich hoffe, dass er nicht kommt.

Wenn Großbritannien tatsächlich am 29. März 2019 um 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit die EU verlassen wird: Was wird dann aus der Partnerschaft? Die Partnerschaften werden immer wichtiger werden und wir sollten bestrebt sein, sie zu pflegen und zu stärken. Aber ich glaube, niemand kennt die tatsächlichen Auswirkungen auf sie. Das stellt unsere Verwaltungen vor viele Herausforderungen und wird unausweichlich Zeit, Energie, Ressourcen und Ideen kosten, die dem eigentlichen Austausch dann fehlen.

Barbara Cannon: Der Stadtrat schätzt die Beziehungen zu Selm und Val de Reuil. Es ist unser erklärtes Ziel härter an der Bewahrung unserer Partnerschaften zu arbeiten.

Gibt es etwas Wichtiges, das Sie gerne bezüglich der Partnerschaft ergänzen möchten? David Jones: Für alle, die an einem Partnerschaftsprogramm teilgenommen haben, ist es ein überwältigendes Gefühl und eine positive und gute Erfahrung, mehr als nur ein Tourist im Ausland zu sein. Das erweitert den Horizont gegenseitig unsere Kultur, Philosophie und das tägliche Leben zu begreifen. Wir haben gelernt, dass wir im Grunde gleich sind. Fortwährende Freundschaften wurden geschlossen, und das wäre ohne die Partnerschaft zwischen Workington und Selm nicht möglich gewesen.

  • Die Stadt Selm unterhält insgesamt drei Städtepartnerschaften: mit der Stadt Workington in England (1994), dem Gemeindeverband Walincourt-Selvigny in Frankreich (1992) und der Gemeinde Iwkowa in Polen (2016).
  • 1995 wurde der Verein zur Förderung der Städtepartnerschaften der Stadt Selm gegründet. Anlass zur Vereinsgründung war der Ratsbeschluss Ende 1994, die Städtepartnerschaften der Stadt Selm „in die Hände der Bürger zu legen“. Bis zur Vereinsgründung engagierte sich ein Partnerschaftskreis in der Städtepartnerschaftsarbeit.
  • Die Feier des 25-jährigen Bestehens der Partnerschaft mit Workington findet an zwei Terminen statt: in Selm am Donnerstag, 21. Februar, mit geladenen Gästen im Bürgerhaus und Ende Mai in Workington. Eine Delegation fliegt am 23. Mai hin und kehrt am Sonntag, 26. Mai, wieder zurück. Infos und Anmeldungen bei Monika Zientz, nikezientz@web.de
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