Noch vor Weihnachten will Premierminister Boris Johnson das britische Parlament über den Brexit abstimmen lassen. Aaron Horstmann-Craig kann da nur den Kopf schütteln. Er hat vorgesorgt.

Selm

, 17.12.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Aaron Horstmann-Craig hat einen englischen Akzent. Das weiß der 51-Jährige, der in Nordengland zur Welt kam, jetzt in Cappenberg lebt und zwischendurch die Krisenregionen der Welt bereist hat - im Auftrag der britischen Krone. Was ihm nicht klar war: „Wenn ich Englisch spreche, hört man offenbar auch einen deutschen Akzent.“ Gesprächspartner in den USA hatten ihn darauf aufmerksam gemacht: etwas, das dem Fotografen durchaus gefällt. Gerade jetzt.

Seit dem 19. Juni 2019 ist der ehemalige Gardist der britischen Queen und Army-Ausbilder auch Deutscher. Ein Foto, das er an diesem Sommertag von sich machte, zeigt einen strahlenden Aaron Horstmann-Craig mit zwei Ausweisen: in der Rechten der britische Pass, in der Linken der damals nagelneue deutsche Personalausweis.

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Horstmann-Craig hat die doppelte Staatsbürgerschaft gewählt - noch gerade rechtzeitig. Denn sobald Premier Johnson sagen kann „Brexit done“ (Brexit erledigt) und Großbritannien die Europäische Union tatsächlich verlässt, wird es diese Möglichkeit nicht mehr geben.

Das Referendum 2016 erschien ihm noch als schlechter Scherz

Erst hatte Horstmann-Craig die ganze Sache nicht ernst genommen. „Nicht ernst nehmen können“, korrigiert er. Als seine Landsleute am 23. Juni 2016 zu 51,89 Prozent für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union stimmten, hielt er das noch für einen schlechten Scherz. Einen Betriebsunfall, der schnell korrigiert werden würde. Es kam anders - wenn auch mit Verzögerungen.

Aus dem ursprünglichen Austrittsdatum im März 2019 wurde der April, später der Oktober und jetzt Januar 2020 - spätestens. Boris Johnson, der mit seinen Tories in der vergangenen Woche einen Erdrutschwahlsieg eingefahren hatte - „ich hätte ihn nicht gewählt“, sagt Horstmann-Craig - , will den Brexit-Vertrag nach eigenem Bekunden bis Weihnachten in trockenen Tüchern haben. Aaron Horstmann-Craig ist inzwischen darauf vorbereitet.

Drei Wochen langer Papierkrieg vor der Einbürgerung

Im Frühjahr - da war er noch von einem früheren Brexit ausgegangen - hatte er sich beeilt: Anträge stellen, Dokumente sammeln, beglaubigte Übersetzungen anfertigen lassen, Einbürgerungstest ablegen: Drei Wochen lang habe er nichts anderes gemacht, als sich auf den Erwerb des Doppelpasses vorzubereiten, sagt er. Mit Erfolg.

Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union dürfen frei entscheiden, in welchem Mitgliedsstaat sie leben und arbeiten. Ein Privileg, das an die EU-Mitgliedschaft geknüpft ist. Um es nicht zu verlieren, hatten es tausende Britinnen und Briten, die in Deutschland leben und arbeiten, Horstmann-Craig gleich getan und zusätzlich zu ihrem britischen auch den deutschen Pass beantragt.

32 Briten haben sich 2019 im Kreis Unna einbürgern lassen

2019 bildeten die Briten im Kreis Unna die zweitgrößte Gruppe (gleich hinter den Türken) bei den Einbürgerungen. 32 Männer und Frauen aus dem Königreich beantragten deutsche Papiere. 2015 war noch kein einziger Brite unter den Neu-Deutschen.

„Ich lebe gerne in Cappenberg“, sagt der zweifache Familienvater. Die beiden Töchter (acht und neun Jahre alt) sind zwar nicht wie er selbst in New Castle zur Welt gekommen, sondern in Deutschland. Anspruch auf die englische Staatsbürgerschaft hätten aber auch sie, sagt der Vater und freut sich darüber. Denn das findet er am Schlimmsten an der Brexit-Diskussion: dass sich junge Menschen bald nicht mehr selbstverständlich als Europäer fühlen können, die da studieren und arbeiten können, wo sie wollen.

Aaron Horstmann-Craig selbst startet gerade noch einmal durch als Student. Als Ausbilder bei den britischen Streitkräften ist er im Ruhestand. Bis zum Eintritt ins Rentenalter - für Berufssoldaten beginnt das mit 60 - könnte er im Fall eines schweren Konflikts aber zurück an die Waffen gerufen werden. Schließlich ist er trotz des deutschen Passes nach wie vor auch britischer Staatsbürger - mit den dazugehörigen Rechten und Pflichten.

Inzwischen hat Aaron Horstmann-Craig sein Hobby zum Beruf gemacht: die Fotografie. Der Fotograf mit Meisterbrief ist gerade dabei, seinen Master-Abschluss zu machen. Danach wird er an der Fachhochschule Dortmund promovieren und hat eine Lehrtätigkeit in Aussicht.

So sieht Horstmann-Craigs Foto vom Brexit aus

Wie er, der Fotograf, den Brexit ins Bild fassen würde? Horstmann-Craig braucht nicht lange nachzudenken: „Ich würde ein Foto machen von einem Menschen mit Union-Jack-T-Shirt, der sich beide Hände vors Gesicht schlägt“: eine Geste der stummen Verzweiflung. Es gibt aber auch einen Funken Hoffnung.

„Vielleicht“, sagt Horstmann-Craig, werde er noch erleben, wie der Brexit wieder rückgängig gemacht werde - aus Sehnsucht nach einem grenzenlosen Europa, vor allem aber auch aus wirtschaftlichen Gründen, wie er meint.

Schottland hat bereits angekündigt, in der EU bleiben zu wollen. Die Nordiren denken auch darüber nach. Und wenn sich auch noch Wales aus dem Vereinigten Königreich verabschieden wollte - Horstmann-Craig hält das nicht für unwahrscheinlich - , wäre aus Großbritanniehn ein Kleinbritannien geworden.: höchste Zeit für einen Brexit-Exit.

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