Ein Kilometer, eine Frage: Miriam Vogt (34) spricht über Leukämie und Laufen

dzKrebs und Sport

Miriam Vogt erkrankte vor acht Jahren an Leukämie. Nun ist sie gesund und liebt das Laufen. Sie lief einen Marathon, um ein Zeichen zu setzen. Ein besonderes Interview zum Welt-Blutkrebs-Tag.

Werne

, 10.10.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 12 min

Miriam Vogt ist eine Kämpfernatur. Als sie 25 Jahre alt ist, erkrankt die Wernerin an Leukämie. Monatelang lag sie im Krankenhaus, sie musste eine Chemotherapie machen. Es waren keine leichten Zeiten, doch die schwerkranke junge Frau blieb positiv. In dieser Zeit findet sie die Liebe zum Laufen.

Miriam Vogt hat die Krankheit überstanden, mittlerweile läuft sie Marathons. Dabei möchte sie nicht nur für sich etwas Gutes tun und an ihre Grenzen gehen, sondern auch ein Zeichen setzen: für mehr Aufklärung und für junge Menschen, die an Krebs leiden. Aber nicht nur das. Sie hat einen Treffpunkt für junge Patienten im Ruhrgebiet gegründet.

Über ihre Diagnose, über die Liebe zum Laufen und das Engagement für Krebspatienten spricht die 34-Jährige. Wir wollten uns nicht einfach nur mit der Sportlerin der Werne Lippe Runners für das Gespräch an einen Tisch setzen. Wir treffen uns in der Natur mit Laufschuhen. Wir führen ein besonderes Interview: Bei jedem gelaufenen Kilometer stellen wir eine Frage.

Den Marathon noch in den Knochen

Miriam Vogt und ich treffen uns an der Ecke am Haus Havers. Hier geht die 34-Jährige gern trainieren. Noch steckt ihr der Berlin-Marathon etwas in den Knochen. Das ist mir ganz recht. Dann laufen wir vielleicht nicht so schnell los. Ich habe mir vorgenommen, so lange durchzuhalten, bis ich alle Fragen gestellt habe. Zehn Fragen, sprich zehn Kilometer müssen es sein. Darüber hinaus stehen drei weitere Fragen auf meinem Zettel. Ich habe sie „Bonus-Fragen“ genannt. Die stelle ich, wenn ich noch fit genug bin.

Miriam Vogt erklärt mir, wo wir lang laufen. Wir drücken auf unsere GPS-Uhren, um die Kilometeranzahl im Blick zu haben. Es geht los.Zuerst ist ein kleiner Anstieg angesagt. Er führt uns über die Varnhöveler Straße. Wir haben den Hügel schnell hinter uns gelassen. Es geht weiter durch den Kreisverkehr Richtung Funnenstraße. Der erste Kilometer ist geschafft. „Je ausführlicher du antwortest, umso länger ist die Pause“, sage ich zu Miriam Vogt.

Kilometer 1: Anfangs hattest du gar keinen Spaß am Laufen. Aber was bedeutet es dir heute?

„Laufen bedeutet für mich Freiheit. Es ist schon ein Gefühl von Freiheit, einfach loslaufen zu können, einfach rauszugehen und in die Richtung, in die man laufen will und so schnell wie man laufen möchte und keiner da ist, der einen irgendwie festhalten kann. Damals lag ich ja lange Zeit im Krankenhaus. Und ich durfte mich im Zimmer bewegen und auf dem Flur, wenn nicht so viele Leute da waren. Jetzt ist es aber natürlich ganz was anderes. Das ist schon Freiheit.“

Kurz darauf biegen wir in die Funnenstraße. Hier wird’s bäuerlich. Miriam Vogt mag diese Laufstrecke, mit den Tieren, mit dieser Ruhe. „Abends, wenn die Sonne langsam untergeht, strahlt sie die Wiesen richtig schön an.“

Ein Kilometer kann ganz schön lang werden. Jetzt schon, denke ich. Ich schaue noch einmal auf die Uhr. „Oh, jetzt war es schon soweit“, sage ich. „Wir haben den Kilometer schon rum. Wir haben ihn aber nur um 40 Meter verpasst. Das können wir wohl verkraften.“

Ein Kilometer, eine Frage: Miriam Vogt (34) spricht über Leukämie und Laufen

Miriam Vogt hat ihre Liebe zum Laufen entdeckt. Heute bedeutet das Laufen für sie Freiheit, wie sie im Interview verrät. © Christophe Gateau/dpa

Kilometer 2: Du hast schon eben erzählt, was dir das Laufen heute bedeutet. Was hat dir die Bewegung in schwierigen Zeiten, während der Erkrankung, gezeigt?

„Es ist halt so, dass ich durch die letzte Chemotherapie eine Herz-Muskel-Schwäche bekommen habe und musste ein paar Tage im Bett liegen. Ich durfte nicht aufstehen. Und ich habe dann relativ schnell gemerkt, dass ich schwach war. Die Muskeln waren sehr schwach. Man kann sich das so vorstellen: Die Waden waren ganz schwabellig.“

(Sie fasst sich an die jetzt kräftige Wade).

„Und das fand ich total doof, weil ich mich schwach gefühlt habe und das konnte ich nicht so haben. Man kann sich das gar nicht so vorstellen, wenn man jung ist und sich plötzlich wie eine alte Frau fühlt. Also alte Menschen kann ich heute sehr gut verstehen (lacht). Ich habe Verständnis dafür, wenn man sich nach dem Duschen erst einmal hinsetzen muss, mal durchschnaufen muss. Und dann hat man ja im Krankenhaus auch viel Zeit.

Da bin ich dann mit meiner Physiotherapeutin angefangen, langsam Treppen zu steigen. Erst eine Stufe, dann immer mehr. Und hinterher habe ich es abends immer mit meiner Mama gemacht. Dann habe ich nicht im Zimmer gegessen, sondern bin mit ihr spazieren gegangen.

Und daraus ist dann immer mehr geworden. Zuhause dann habe ich zwischendurch immer Pause gemacht. Bin einkaufen gegangen mit Rucksack und habe dann eine Packung Milch geholt. Und bin dann irgendwann lange spazieren gegangen. Und irgendwann bin ich dann laufen gegangen. Das hat sich dann über die Jahre so entwickelt.“

Und das sehr gut, wie ich jetzt schon merken konnte. Dann puste ich kurz durch. Gut, die nächste Frage also bei Kilometer drei.

Es geht weiter durch die Wiesen von Varnhövel. Eine wunderschöne Laufstrecke. Hier fährt kaum ein Auto. Aber es gibt auch Herausforderungen. Ein paar kleine Berge müssen schon bezwungen werden. Naja, vielleicht sind es auch eher kleine Hügel. Aber egal, irgendwann geht es bestimmt wieder bergab. Und dann nehmen wir den Schwung mit. Einige Fans gibt es auch an unserer Strecke. Die Rinder auf der Weide schauen uns etwas verdutzt an.

Jetzt hole ich meinen schlauen Zettel raus. Dann haben wir noch mehr Zeit für die Pause.

Kilometer 3: Du bist beim Berlin-Marathon 2018 in einem besonderen Trikot gelaufen. Wieso möchtest du anderen Mut machen?

„Das ist die deutsche Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs, die sich um junge Krebspatienten von 18 bis 39 Jahren kümmert, sagt man. Wenn da einer über 40 ist, hilft man natürlich auch. Als ich damals mit 25 Jahren erkrankt bin, gab es damals sehr wenig für junge Krebspatienten bis schier nichts. Damals gab es in ganz Deutschland zwei Reha-Kliniken, die sich auf junge Krebspatienten spezialisiert haben. Man ist eben ein Exot in der Onkologie mit 25.

Und alte Menschen befassen sich anders mit dem Thema als Jugendliche. Das ist ja auch völlig ok. In den Köpfen steckt oft: Krebs gleich Tod. Das ist aber nicht so. Es überleben viele. Auch Menschen, die nicht geheilt werden können, können damit aber auch lange leben. Das Leben bleibt ja lebenswert. Alte Menschen haben ihr Leben gelebt. Die machen sich dann vielleicht Gedanken, dass sie vielleicht bald sterben. Die verstehen nicht, dass man mit 25 da liegt und sagt: Nee, ich will jetzt aber nicht sterben. Und ich gehe auch nicht davon aus, dass ich sterbe.

Es wird nach vier Monaten Krankenhaus-Aufenthalt irgendwann anstrengend, immer diese Geschichten zu hören und immer diese Diskussionen führen zu müssen. Das Krankenhaus, das St. Johannes in Dortmund, war toll. Die Mitarbeiter haben sich immer gut gekümmert. Das war ein sehr junges Team. Die haben das wirklich total toll gemacht. Das muss ich echt sagen. Aber egal, lange Rede kurzer Sinn.“

„Aber lange Rede ist doch jetzt gut“, sage ich. Wir lachen.

Sie erzählt weiter: „Auf jeden Fall war es so, dass sich in den Jahren nach meiner Krankheit etwas gewandelt hat. Und da bin ich an die Stiftung gekommen. Es gibt Projekt-Treffpunkte, wo sich junge Krebspatienten treffen können. Das habe ich mit einer anderen Frau zusammen für das Ruhrgebiet ins Leben gerufen.

Irgendwann habe ich dann gesagt: Ich laufe in Berlin. Die Stiftung wird komplett nur durch Spenden finanziert. Ich finde es so toll, was die Stiftung macht. Das sind so nette und herzliche Menschen, die so viel leisten. Gerade weil die in Berlin sitzen und ich einen Startplatz bekommen habe, würde ich gern das Trikot tragen – wenn ich darf. Es waren noch zwei andere ehemalige Krebspatienten dabei, die das Trikot getragen haben. Aber die sind wesentlich schneller als ich unterwegs.“

(Miriam Vogt hat den Berlin-Marathon in 5:46 Stunden geschafft)

„Ich hoffe, ich habe die Frage beantwortet. Ich quassel immer so viel“, sagt sie.

„Das ist doch gut. Das ist vor allem heute gut.“ (Wir lachen). Man ist immer für jede ausführliche Antwort im Interview dankbar. Aber heute bin ich es besonders. Dann können wir noch einmal durchpusten. „Aber jetzt geht es erst mal weiter“, sage ich.

Während wir wieder anlaufen, fragt Miriam Vogt, welche Strecke wir nehmen sollen. „Wir können entweder rechts herum noch eine Schleife drehen. Dann sind wir bei elf Kilometern. Oder wir drehen gleich wieder um. Dann sind wir bei acht Kilometern. Aber das musst du entscheiden.“

„Puh, gute Frage. Bislang läuft es noch ganz gut.“

„Wir können auch umdrehen und dann vielleicht noch unten eine kleine Runde drehen, wenn du möchtest. Das können wir ja dann spontan entscheiden.“ Das klingt nach einer guten Idee.

Miriam Vogt hat schon viel erzählt von ihren Plänen, von der Zeit im Krankenhaus und dem letzten Marathon. Aber ein paar Fragen habe ich auf jeden Fall noch. Acht Kilometer sollten wir auf jeden Fall machen. Dann kann ich noch fünf Fragen stellen.

Wir biegen um eine Kurve. Rechts liegt der Schützenplatz der Nierstenholzer. Danach überqueren wir die Selmer Landstraße. Dann geht es in ein Waldstück. Bergab. Oh, wenn wir gleich umdrehen, müssen wir das ganze Stück auch wieder hoch. „Der ist ganz schön fies“, sagt Miriam Vogt. Dann bremsen wir ab.

Kilometer 4: Jetzt hast du eben schon viel von dem Treffen für junge Krebspatienten im Ruhrgebiet erzählt. Jetzt fand das erste Treffen statt. Wie war das?

„Es war wirklich toll. Wir haben uns erst im Johannes-Hospital getroffen, weil wir da Herrn Meyer und Frau Schulte getroffen haben, unsere medizinischen Experten. Wir haben erst eine Vorstellungsrunde gemacht und sind dann was trinken gegangen. Die Gruppe hat sich wirklich schnell gefunden. Sie haben sich alle gut verstanden, es war locker. Es gab nie ein unangenehmes Schweigen. Das war echt super.

Die Teilnehmer haben auch gleich Erfahrungen ausgetauscht und Adressen. Sie haben sich gegenseitig Tipps gegeben. Wir waren zu siebt. Es war schön. Und fast alle haben schon für die nächsten beiden Termine zugesagt. Sie haben auch gesagt, dass genau das im Ruhrgebiet fehlt. Es hat echt Mega-Spaß gemacht, weil es eine tolle Truppe ist.

Wir wollen uns immer in unterschiedlichen Städten treffen und etwas unternehmen. Wir machen aber auch mit anderen Treffpunkten etwas zusammen. Wir wollen zum Beispiel in Oberhausen in die „Game-of-Thrones-Ausstellung“ gehen. Mit Münster wollen wir aber auch etwas machen. Wir haben eine Facebook-Seite und eine geschlossene Gruppe, in die nur Teilnehmer reingehen sollen.

Und in der Gruppe werden Ort und Zeit genannt. Man kann uns aber auch über unsere Treffpunktseite, die Insta-gram-Seite oder per E-Mail anschreiben. Wir haben aber auch eine Whatsapp-Gruppe mit den Teilnehmern, die schon bei einem Treffen dabei waren.“

„Das ist ganz toll, dass du dich da so engagierst. Ok, jetzt geht es wieder zurück“, sage ich. Wir drehen uns um. Und da ist der „Highway to hell“. Oh, oh.

„Also ich werde wahrscheinlich ab der Einbiegung nicht mehr reden. Das ist nicht böse gemeint. Ich kann dann einfach nicht mehr“, sagt Miriam Vogt.

„Nee, das ist ja gar nicht schlimm. Ich bin jetzt auch lieber still“, sage ich. Und dann wird es zum ersten Mal ganz still.

Ein paar Minuten später herrscht Erleichterung. Wir haben es geschafft. Wir pusten durch. „Ein bisschen tun die Beine noch weh nach dem Marathon. Ich laufe danach immer noch gerne. Aber man hat jetzt zwölf Wochen Training hinter sich. Und jetzt läuft man einfach so. Aber nächste Woche trainiere ich wieder ganz normal“, sagt Miriam Vogt. Wir drehen wieder um die Kurve am Schützenplatz. Es geht wieder durch die Wiesenlandschaft. Die Sonne ist mittlerweile fast hinter den Bäumen verschwunden. In der Bauerschaft hat jemand Holz verbrannt. Das riechen wir.

Ich schaue jetzt öfter auf meine GPS-Uhr. Der Kilometer zieht sich irgendwie hin. Kurz darauf gibt es wieder eine Verschnaufpause. Die habe ich nötig.

Kilometer 5: Bei mir werden die Beine jetzt langsam schwerer. Schon bei 5 Kilometern. Ab welchem Kilometer musst du die Zähne zusammenbeißen?

„Es kommt immer drauf an. Beim Marathon geht es immer auf und ab. Da gibt es immer mal Momente, wo es mal doof ist, aber dann kommt auch mal wieder ein Hoch. Das ist immer so. Der Kopf spielt auch immer mit. Also wenn ich mir vornehme, dass ich zehn Kilometer laufe, habe ich ab neun Kilometern schon keine Lust mehr. Wenn ich mir vornehme, dass ich 20 Kilometer laufe, dann bin ich bei neun Kilometern noch guter Dinge.

Der Kopf macht so ganz viel mit beim Laufen. Aber jeder hat da ja auch eine andere Herangehensweise. Da muss jeder herausfinden, was für ihn passt. Das ist das Gute daran, dass ich im Verein bin. Da hat man eigentlich für jede Geschwindigkeit, für jede Kilometerzahl, für jede Stimmung immer wieder Leute. Und weil es so viele sind, findet man immer irgendwen, mit dem man das machen kann, was man selber möchte. Wenn ich alleine laufe, dann laufe ich meistens Runden. Wenn ich nicht im Marathontraining bin, dann schaue ich einfach, worauf ich Lust habe. Meistens ist es die Acht-Kilometer-Runde. Oder wenn ich Tempoläufe mache, dann laufe ich fünf Kilometer. Und am Wochenende ist es dann meistens die Runde mit elf Kilometern.“

Heute Abend werden es mindestens acht Kilometer. Das haben wir uns vorgenommen. Wir starten wieder. Es geht wieder durch die Wiesen, entlang der Rinderherde, einige Hügel hoch und runter. Bis wir wieder eine Pause machen dürfen.

Ein Kilometer, eine Frage: Miriam Vogt (34) spricht über Leukämie und Laufen

Miriam Vogt engagiert sich heute für junge Krebspatienten. © Christophe Gateau/dpa

Kilometer 6: Viele junge Krebspatienten können sich ihren Kinderwunsch nicht erfüllen, weil das Einfrieren von Ei- und Samenzellen nicht von der Krankenkasse übernommen wird. Die Strahlen der Chemotherapie können die Fruchtbarkeit zerstören oder beeinträchtigen. Wieso machst du dich für ein neues Gesetz stark?

„Also ich bin nach acht Jahren wieder gesund. Es ist alles wieder gut. Es ist für mich in dem Sinne ein Thema, weil die Stiftung sich dafür einsetzt, dass es einen Gesetzesentwurf gibt. Es geht darum, dass die Krankenkasse diese fruchtbarkeitserhaltenen Maßnahmen nicht bezahlt. Im Moment ist es so, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt.

Beim Mann ist es noch relativ einfach. Da werden Spermazellen entnommen. Bei einer Frau ist es etwas schwieriger. Da gibt es die Möglichkeit, dass Eizellen entnommen werden und eingefroren werden. Es gibt die Möglichkeit, dass Eierstock-Gewebe entnommen wird. Diese ganzen Maßnahmen muss jeder Patient eben selber bezahlen. Die Patienten suchen es sich ja nicht aus. Sie bekommen eine Therapie, ohne die sie nicht weiterleben können. Damit ist die Wahrscheinlichkeit eben ziemlich hoch, dass sie keine Kinder kriegen können.

Das ist für junge Menschen ein sehr einschneidendes Erlebnis. Die Kosten sind teilweise so hoch wie bei einem Kleinwagen. Gerade bei jungen Menschen, die gerade in der Ausbildung oder im Studium sind, denen wird dadurch komplett die Chance genommen, weil sie es sich nicht leisten können.

Bei mir wäre es gar nicht möglich gewesen. Bei Leukämie ist es so, dass es sehr schnell und aggressiv ist und schnell zum Tod führen kann. Eierstock-Gewebe hätte man nicht entnehmen können, weil man nicht weiß, ob man die Krebszellen mitentnehmen muss. Es ist halt Blutkrebs, der überall ist. Das unterstütze ich auch und versuche, dabei zu helfen, dieses Thema publik zu machen.

Also, das ist ein großes Thema – vor allem für junge Patienten. Ich finde es wichtig. Weil ich finde, dass wir da eine Lücke im System haben. Die jungen Patienten haben da oft keinen Platz. Man geht davon aus, dass die Patienten, die Krebs haben, älter sind. Es gibt aber auch viele junge Patienten. Dass sich eine 50-Jährige keine Eizellen mehr entnehmen lässt, ist klar. Aber bei jungen Patienten ist das anders.

Man ist krank, man hat eine lebensbedrohliche Krankheit. Man weiß nicht, ob man jemals wieder gesund wird. Und man muss sich mit Gedanken auseinandersetzen: Wie bekomme ich das finanziell gewuppt, wenn ich noch in meinem Leben Kinder haben möchte? Und das neben den Sorgen, ob man die Ausbildung oder die Schule beenden kann oder ob man seine Arbeit weitermachen kann. Das ist schon sehr viel, was auf einen jungen Menschen da einprasselt. Es wäre schön, wenn da eine Sorge weniger wäre.“

„Ich kann deine Argumente gut nachvollziehen. Ok, dann können wir weiter, oder? Wenn man länger stehen bleibt, wird es doch schnell frisch.“

Wir erreichen kurz darauf wieder eine Straße, die wir überqueren müssen. Einige hundert Meter geht es wieder an der Straße auf dem Gehweg entlang. Bis zu unserem Ausgangspunkt, dem Haus Havers, ist es jetzt nicht mehr weit. Gedanklich gehe ich noch einmal die Fragen durch. Zwei Fragen sind es noch. Oder sollen wir die Strecke doch verlängern? Meine Beine werden langsam schwerer.

Währenddessen erzählt mir Miriam Vogt, dass sie eher kein Morgenmensch ist. Morgens vor der Arbeit in der Buchhaltung kann sie sich nicht zur Laufrunde aufraffen. Abends hingegen schon. Bei mir ist es genau andersherum. Am besten ist es aber sowieso, wenn man eine Verabredung wie heute Abend hat. Dann kann man sich gegenseitig motivieren und plaudern. Das machen wir auch. Es ist locker. Wir reden über den Marathon, Laufgewohnheiten und die Arbeit.

Kilometer 7: Hat dich die Erkrankung stärker gemacht?

„Auf jeden Fall. Also ich weiß heute, dass mein Körper viel mehr aushält und viel mehr schaffen kann, als mir vorher bewusst war. Ich weiß, dass ich meine Grenzen kenne und die auch gut einzuschätzen weiß. Das gibt mir sehr viel Sicherheit. Ich sehe das Leben einfach anders. Ich glaube, es geht vielen meiner Leidensgenossen so. Wenn einem die eigene Sterblichkeit einmal bewusst wird.

Man sagt immer: Ja, es ist mir bewusst, dass ich irgendwann mal sterben werde. Wenn es wirklich einem bewusst wird, dann versucht man, das Positive davon herauszunehmen, dann glaube ich, dann kann einem nicht mehr so schnell etwas aus der Bahn werfen. Da würde ich sagen, dass ich stärker geworden bin. Es hört sich immer so blöd an. Und ich will mit Sicherheit diese Krankheit nicht runterspielen.

Man kann jedoch auch positive Dinge aus so einer Erfahrung rausnehmen.

Natürlich aber auch Negative. Das eine schließt aber das andere nicht aus. Ich gehe öfter noch ins Krankenhaus. Ich habe keine düsteren Gedanken an dieses Krankenhaus. Natürlich sind da auch düstere Erinnerungen, aber auch sehr viele positive.

Das Team war so toll, die Menschen waren so nett zu mir. Ich habe da keine dunklen Gedanken, wenn ich in dieses Krankenhaus gehe. Ich glaube, ich war schon immer ein eher positiver Mensch. Natürlich nicht immer. Man ist nicht immer der Sonnenschein.

Es gibt auch Tage, an denen das anders ist. Es gibt auch Momente, da finde ich alles doof. So etwas muss man sich auch einmal erlauben, gerade wenn man im Krankenhaus liegt. Und da ist man zum Beispiel mal tierisch genervt, wenn die Kartoffel nicht schmeckt. Auch wenn alle denken: Du hast Krebs und du bist hier. Sei doch froh, dass du lebst. Aber nein, jetzt nervt mich der Geschmack dieser Kartoffel. (lacht).

Ich habe mir irgendwann gedacht: Ok, du kannst es nicht ändern. Du musst da jetzt durch. Du musst das Beste draus machen. Bei mir ist es aber auch so: Ich habe die tollste Familie und die tollsten Freunde, die immer da waren. Die haben mich immer abgelenkt. Die haben mich genauso behandelt, wie sie es hätten machen müssen: Sie haben mich nicht bemitleidet. Die waren ganz normal zu mir. Da fällt es einem auch nicht so schwer, positiv zu bleiben. Das war wirklich eine große Unterstützung.“

Es geht weiter. Wir laufen Richtung Ziel. Eine Frage kann ich noch stellen oder wir drehen noch eine Runde. Ich überlege. Miriam Vogt hat mir schon so viel erzählt. Sie hat die Fragen ausführlich und eindrucksvoll beantwortet. Und sie hat mir so viel von sich erzählt, dass einige Fragen, die ich mir noch aufgeschrieben hatte, schon zuvor beantwortet sind. Ich gehe gedanklich noch einmal den Fragebogen durch. Die Bonus-Fragen, die ich mir eigentlich noch für die nächsten Kilometer gedacht habe, sind überflüssig.

Eine allerletzte Frage muss ich allerdings noch stellen. Endspurt.

Kurz vor dem Haus Havers halten wir an. Wir drücken auf unsere Uhren. Um Zeiten geht es heute nicht. Acht Kilometer haben wir heute geschafft. Und ich stelle meine letzte Frage.

Kilometer 8: Wie kannst du am besten Kraft tanken?

„Oh, das ist eine schwierige Frage. Wenn ich Zeit für mich habe. Wenn ich keine Termine habe. Wenn ich einfach Zeit für mich, meinen Mann, meine Familie habe. Wenn ich einfach mal in mich gucken kann. Es kann natürlich der Lauf sein, den ich für mich mache. Es kann auch sein, dass ich ins Fitnessstudio gehe oder vielleicht einfach zu Hause bleibe und vielleicht etwas im Garten mache. Oder ich liege auf der Coach, lese ein Buch. Oder ich mache etwas mit Freunden. Wenn ich etwas für mich mache, was ich selbst entscheide. Dann kann ich Kraft tanken. Es ist der Moment, in dem für mich alles stimmt.“

„Vielen Dank für den schönen Lauf und das Interview. Das war mein bislang anstrengendstes Interview. Danke, dass du so eindrucksvoll erzählt hast. Und so ausführlich.“

Am Welt-Blutkrebs-Tag am 28. Mai soll auf die Wichtigkeit des Themas aufmerksam gemacht und der Kampf gegen den Blutkrebs vorangetrieben werden. Weitere Infos zur deutschen Stiftung für junge Erwachsene im Ruhrgebiet gibt es per E-Mail unter treffpunkt-ruhrgebiet@junge-erwachsene-mit-krebs.de oder unter www.junge-erwachsene-mit-krebs.de
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