Zum Jahresende stellt das Lüner Steag-Kraftwerk die Stromproduktion ein. Für viele Mitarbeiter wird es ein emotionaler Abschied. Zumal noch nicht alle wissen, wie es beruflich weiter geht.

Lünen

, 21.12.2018, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Ich bin so ein Dino“, sagt Ralf Melis und schaut sich um in der Ausbildungswerkstatt des Steag-Kraftwerks. Dort hat Melis 1978 seine Lehre begonnen. Damals hieß das noch nicht Ausbildung. Heute spricht er als Betriebsratsvorsitzender für die Belegschaft. Es geht ihm spürbar nahe, davon zu erzählen, dass der letzte Arbeitstag in dem Industriekomplex an der Moltkestraße für die Kollegen jetzt unaufhaltsam näher rückt. Und was das wohl bedeutet. „Viele Kollegen verlieren hier im Kraftwerk ihre zweite Familie“, erklärt Melis, „es ist eine besondere Kultur hier, jeder kennt jeden, die meisten kommen aus Lünen.“ Melis auch. Der 57-Jährige wohnt im Geistviertel.

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Die Geschichte des Steag-Kraftwerks in Bildern

1938 ging das Lüner Steag-Kraftwerk ans Netz, 2018 geht es vom Netz. Fotos aus dem Stadtarchiv Lünen dokumentieren die Geschichte der Industrieanlage.
20.12.2018
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Das Kraftwerk im Jahr 1940.© Stadtarchiv Lünen
Dieses Foto stammt aus dm Jahr 1961 und zeigt das Kraftwerk aus nördlicher Richtung.© Stadtarchiv Lünen
Luftaufnahme des Kraftwerks etwa um das Jahr 1956 herum.© Stadtarchiv Lünen
Erst 1968, als das Kraftwerk bereits 30 Jahre am Netz war, wurde der Kühlturm gebaut. Jenseits der Moltkestraße, weil auf dem Kraftwerksgelände kein geeigneter Platz war.© Stadtarchiv Lünen
Der fast fertige Kühlturm im Jahr 1968. Aber noch steht ein Kran darin. Im Hintergrund ist Schloss Buddenburg zu sehen, das später abgerissen wurde.© Stadtarchiv Lünen
Richtfest in luftiger Höhe beim Bau des Kamins. Auch der Kamin wurde, wie der Kühlturm, erst 1968 gebaut.© Stadtarchiv Lünen
Wäsche trocknet in einem Garten, mit der Kraftwerkskulisse im Hintergrund. Ein Foto aus dem Jahr 1973© Stadtarchiv Lünen
Dieses Foto vom Kraftwerk wurde 1993 gemacht.© Stadtarchiv Lünen

Das Steinkohlekraftwerk mit seinen zwei Blöcken und gut 500 Megawatt Leistung ist nicht irgendein Kraftwerk. Es ist die Keimzelle der am 20. September 1937 in Lünen gegründeten Steinkohlen-Elektrizität AG (STEAG). Ein Jahr später, 1938, produzierte das Kraftwerk den ersten Strom. Ende 2018 produziert es den letzten. Ob schon kurz vor Weihnachten oder erst Silvester, steht nicht fest. Das hängt davon ab, ob der Markt die Kraftwerksleistung anfordert.

Am 2. März 2018 hatte die Steag das Kraftwerk bei der Bundesnetzagentur zur Stilllegung angemeldet. Man sehe „keine wirtschaftliche Perspektive mehr“, teilte das Unternehmen damals mit. Stilllegungstermin sollte der 2. März 2019 sein. Am 31. August 2018 erklärte Steag in einer weiteren Pressemitteilung, die Kraftwerksschließung werde auf den 31. Dezember 2018 vorgezogen. Übertragungsnetzbetreiber Amprion und Bundesnetzagentur hätten entschieden, dass die beiden Blöcke in Lünen nicht systemrelevant seien.

Rahmen-Sozialplan schon 2016

Weil die Betreiber von Kohlekraftwerken seit Jahren unter wirtschaftlichem Druck stehen, hatte der Betriebsrat schon 2016 einen Sozialplan und Interessenausgleich auf Konzernebene mit der Geschäftsführung vereinbart. In dem Wissen, dass das Aus für Lünen und weitere Standorte kommen würde. „Da stecken die Grundthemen drin. Für jeden betroffenen Standort ist aber auch ein Einzelinteressenausgleich auszuhandeln“, erläutert Ralf Melis. Er vertritt nicht nur die Arbeitnehmer am Standort Lünen, sondern ist auch der Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzende bei der Steag.

Vorgezogener Termin erhöhte den Zeitdruck

Dass der Stilllegungstermin um zwei Monate vorgezogen wurde, verbunden mit dem Wegfall von 101 Stellen, habe den Zeitdruck erhöht, so Melis. Noch dazu sei der Interessenausgleich vor Ort ein komplexes Konstrukt. Denn weil die Steag 2013 die Betriebsführung für das benachbarte Trianel-Kraftwerk übernommen hat, werde eigentlich nur ein Standort, nämlich der Altstandort geschlossen. Denn arbeitsrechtlich gehörten beide Standorte und ihre Beschäftigten zusammen. Melis spricht von über 250 Betroffenen der Sozialplan-Regelungen: Circa 100 im Steag-Kraftwerk, 70 im Trianel-Kraftwerk, 40 im Technischen Service (die auch für andere Kraftwerke und Kunden arbeiten) und 40 Auszubildende.

Alle nutzten das Vorruhestands-Angebot

Vorruhestandsangebote habe man gemacht und ein mehrstufiges Ausschreibungsverfahren für andere Stellen in Gang gesetzt. Alle 48 Beschäftigten, denen Vorruhestand angeboten wurde, hätten unterschrieben. „Wir sind beim Vorruhestand auf 56 Jahre runtergegangen, das ist ne Nummer. Dafür gibt Steag Millionen aus“, erklärt Kraftwerksleiter Kai Uwe Braekler (51). Ziel sei, ohne betriebsbedingte Kündigungen auszukommen.

Eine Reihe von Mitarbeitern aber wird mit ihren Familien Weihnachten feiern, ohne letzte Gewissheit zu haben. Betriebsratschef Melis geht davon aus, dass erst etwa Mitte Januar 2019 die Ergebnisse des Ausschreibungsverfahrens komplett vorliegen. „Unsere Kollegen sind hochdiszipliniert. Sie haben volles Vertrauen zu sagen: Steag wird mich schon nicht hängen lassen“, betont Melis.

Enttäuschung und Verbitterung

Bei allem Vertrauen in den Arbeitgeber gebe es aber auch Enttäuschung und Verbitterung. Zum Beispiel über die Tonlage in den Diskussionen über die Energiewende, berichtet Melis: „Ich fahre jedes Jahr ins Kraftwerk und wünsche meinen Kollegen frohe Weihnachten. Wer bringt denn den Haushalten Heiligabend den Strom? Das sind meine Kollegen, die einen verdammt guten Job machen. Aber wir werden verteufelt, dass wir die Menschen vergiften.“

Kai Uwe Braekler, der das Lüner Kraftwerk seit 2015 leitet, weiß um die Betroffenheit innerhalb seiner Belegschaft, spricht von „harten emotionalen Themen“. Auch die Stadt Lünen werde die Folgen zu spüren bekommen: „Sie verliert über 100 hochqualifizierte Arbeits- und Ausbildungsplätze.“

Ob dieser Verlust auf längere Sicht ausgeglichen werden kann, hängt davon ab, wann und wie es zu einer Folgenutzung des fast 43 Hektar großen Kraftwerksgeländes beiderseits der Moltkestraße kommt. Das Gelände gehöre zwar der Steag, aber die planungsrechtliche Hoheit liege bei der Stadt Lünen, erklärt Steag-Sprecher Florian Adamek.

Stadt will „zukunftsfähige Arbeitsplätze“

Bei der Stadt heißt es dazu, dass die Fläche im neuen Regionalplan als Kooperationsstandort ausgewiesen werden solle. „Das Ziel von Stadt und der Wirtschaftsförderung ist es, auf der Fläche attraktive gewerbliche Nutzungen zu etablieren, die zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen“, erklärt Stadtsprecher Benedikt Spangardt. Die Wirtschaftsförderung und die Stadt Lünen hätten bereits die Initiative ergriffen und seien mit der Steag, dem Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie NRW sowie Unternehmen seit Anfang 2018 im Gespräch, „um Möglichkeiten einer gemeinsamen Entwicklungsperspektive und Erschließung zu erörtern.“

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Das Lüner Steag-Kraftwerk vor der Stilllegung

Ende 2018 wird das Lüner Steag-Kraftwerk stillgelegt. Es hat dann genau 80 Jahre Strom produziert. Wir konnten uns noch einmal in der Anlage umschauen.
20.12.2018
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Kraftwerksleiter Kai Uwe Braekler im Gespräch mit Mitarbeitern.© Günther Goldstein
Museumsstück im Kraftwerk ist dieses Schaufelrad aus der ersten Turbine. Zu Beginn hatte das Kraftwerk acht Kesselanlagen und vier Turbinen, mit denen Strom für das damals benachbarte Aluminiumwerk (VAW) produziert wurde.© Günther Goldstein
Eine Einspeiseleitung mit dem Kühlturm im Hintergrund. Kühlturm und Kraftwerk stehen auf verschiedenen Seiten der Moltkestraße.© Günther Goldstein
Beide Lüner Großkraftwerke bei der Arbeit. Vorne die Steag-Anlage mit dem Kühlturm rechts, dahinter das Trianel-Kraftwerk.© Günther Goldstein
Blick ins Maschinenhaus des Kraftwerks: Hier sehen Turbinen und Generatoren der Kraftwerksblöcke.
Die Ausbildungswerkstatt bleibt auch nach Stilllegung des Kraftwerks in Betrieb, voraussichtlich bis 2020© Günther Goldstein
Betriebsratsvorsitzender Ralf Melis in der Ausbildugnswerkstatt, wo seine Laufbahn bei der Steag 1978 begann.© Günther Goldstein
In seinen Ursprüngen stammt das Kraftwerk aus dem Jahr 1938, wurde aber laufend modernisiert.© Günther Goldstein
Diese Schmalspurbahn mitten im Kraftwerk ist eine Rarität. Sie dient der Notentaschung.© Günther Goldstein
Aus der flüssigen Kesselasche entsteht Schmelzkammergranulat – ein hochwertiger Rohstoff für besondere Strahlmittel und ein begehrter Baustoff.© Günther Goldstein
Aus der Leitwarte heraus wird das Kraftwerk gefahren. "Wir waren in Lünen Pioniere darin, Blöcke schnell regelfähig zu machen", sagt Kraftwerksleiter Kai Uwe Braekler© Günther Goldstein
Fahrplan für einen der beiden Kraftwerksblöcke: Die rosafarbene Linie muss der hellblauen folgen, dann produziert das Kraftwerk exakt gemäß den Vorgaben.© Günther Goldstein
Das Steag-Kraftwerk Lünen ist Spezialist für die Produktion von Bahnstrom. Hier die Turbine mit 110 MW Leistung, gebaut von der Kraftwerk Union (KWU).© Günther Goldstein

Bevor an eine neue Nutzung überhaupt nur zu denken ist, sind auf dem Kraftwerksgelände noch umfangreiche Arbeiten zu erledigen. Darum kümmern sich Mitarbeiter aus der Stammbelegschaft. Sämtliche Flüssigkeiten, Schmierstoffe Chemikalien, brennbare Gegenstände müssen entfernt werden. Das Kraftwerk wird regelrecht trockengelegt. Die Kohlenlager werden geräumt. „Das wird etwa bis zum 3. Quartal 2019 dauern, dann werden wir die Anlage sicher einschließen“, kündigt Kraftwerkschef Braekler an. Ein Sicherheitsdienst werde dann über das stillgelegte Kraftwerk wachen.

Zeitpunkt für Abriss noch offen

Wann das Kraftwerk abgerissen wird und somit auch der Kühlturm aus der Stadtsilhouette verschwindet, lasse sich derzeit noch nicht sagen. Auch das hänge von den Plänen für die künftige Nutzung ab. Ein Rückbau (Abriss) werde etwa zwei bis drei Jahre dauern, heißt es bei der Steag.

Vor diesem Hintergrund erklärt auch Stadtsprecher Spangardt, dass eine Prognose hinsichtlich des Zeitpunkts für eine Nachnutzung schwierig sei. Bei der Stadt gehe man von „voraussichtlich fünf Jahren“ vom Herunterfahren des Kraftwerks über den Rückbau, die Altlastenbeseitigung und das Planungsverfahren bis hin zur Erschließung für eine künftige Nutzung aus.

Ausbildungswerkstatt bleibt in Betrieb

Zurück in die Ausbildungswerkstatt, wo „Dino“ Melis 1978 bei der Steag startete. Sie bleibt, inmitten eines stillgelegten Kraftwerks, noch bis 2020 in Betrieb. Die Steag-Azubis verbringen traditionsgemäß die erste Hälfte ihrer Ausbildung dort. Und das soll sich auch für jene Nachwuchskräfte, die 2018 eingestellt wurden, nicht ändern.

Das ist die Steag

  • Steag beschäftigt nach eigenen Angaben fast 6500 Mitarbeiter und setzt 3,6 Milliarden Euro um (Geschäftsjahr 2017). „Mit unserem Mix aus fossilen Brennstoffen und Erneuerbaren Energien leisten wir unseren Beitrag zur Energiewende; mit Großkraftwerken wie auch mit flexiblen, dezentralen Anlagen“, heißt es auf der Homepage.
  • Alleinige Gesellschafterin der Steag ist die Kommunale Beteiligungsgesellschaft GmbH & Co. KG. Dahinter stehen die kommunalen Unternehmen Dortmunder Stadtwerke AG, Stadtwerke Duisburg AG, Stadtwerke Bochum GmbH, Stadtwerke Essen AG, Energieversorgung Oberhausen AG und Stadtwerke Dinslaken GmbH.
  • Bereits im März 2017 hatte Steag die Kraftwerksblöcke West 1 und 2 in Voerde sowie im Sommer 2017 Herne 3 endgültig vom Netz genommen. Nach der Stillegung der Lüner Anlage betreibt das Unternehmen noch 6 Kraftwerke in Deutschland, davon drei in NRW.
  • Für den Standort Herne gibt es Pläne zur Errichtung eines GuD-Kraftwerks (Gas und Dampf).
  • Mit der Betriebsführung des Trianel-Kraftwerks, der Anlage zur Strahlmittelproduktion und dem Batteriespeicher bleibt die Steag weiter am Standort Lünen vertreten. Außerdem ist das Unternehmen am Biomassekraftwerk auf dem Gelände des Remondis-Lippewerks beteiligt.
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