Beim Frauenanteil im Selmer Stadtrat ist noch viel „Luft nach oben“

dzFrauen in der Politik

Die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen. In der Politik sind es aber längst nicht 50 Prozent. Auch nicht in Selm. Woran das liegen kann, haben uns Selmer Politikerinnen erzählt.

Selm

, 03.12.2018 / Lesedauer: 7 min

100 Jahre ist es alt, das Wahlrecht für Frauen. Die SPD setzte das aktive und passive Wahlrecht im Zuge der Novemberrevolution 1918 durch. In der Sozialdemokratin Marie Juchacz spricht erstmals am 19. Februar 1919 eine Frau in der Weimarer Nationalversammlung. Zu dieser Zeit sitzen 8,7 Prozent Frauen in der Nationalversammlung. Dem aktuellen Bundestag gehören 30,9 Prozent Frauen an. Das ist wenig - doch im Selmer Stadtrat sind es noch viel weniger.

Männerdomäne: In Selm sind gerade einmal 21,8 Prozent Frauen im Stadtrat vertreten.

Ein Blick zeigt: Der Selmer Stadtrat ist auch heute noch weitestgehend eine Männerdomäne. 1999 bestand er aus 29 Männern und 9 Frauen. 2004 waren 30 Männer und 8 Frauen vertreten. Im Jahr 2009 waren bei nur noch 32 Mandaten 25 männliche und 7 weibliche Politiker im Stadtrat vertreten; 2014 waren es 26 Männer und 6 Frauen. „Aktuell sind es 25 männliche und 7 weibliche Ratsmitglieder“, informiert Stadtsprecher Malte Woesmann. Das entspricht gerade einmal 21,8 Prozent.

Ganz schön wenig ist das, wenn man bedenkt, dass die Hälfte der Bevölkerung schließlich weiblich ist. Doch woran liegt es, dass nur so wenig Frauen in der Selmer Politik „mitmischen“? Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.

Annabell Vagedes (22) ist Vorsitzende der Jungen Union.

Bei der CDU liegt der Fraktionsvorsitz seit 1994 bei Dieter Kleinwächter. Der 65-Jährige gehört dem Rat bereits seit 1989 an. Doch beim Nachwuchs tut sich etwas: Die Vorsitzende der Jungen Union heißt seit Februar 2017 Annabell Vagedes und ist 22 Jahre alt. Warum ist sie politisch aktiv?

„Als ich 16 Jahre alt war,hat eine Freundin mich gefragt, ob ich bei der Jungen Union mitmachen möchte“, erzählt Annabell Vagedes. „Und da bin ich dann hängengeblieben.“ Viele der Mitglieder kennt sie noch aus der gemeinsamen Schulzeit. „Ich war erst Stellvertreterin von Robin Zimmermann, dann habe ich das übernommen. Ich mache das sehr gerne.“

„Die Zeit ist schon ein Faktor.“
Annabell Vagedes (22)

Auch in den Ausschusssitzungen, das merkt sie schnell, sitzen eindeutig mehr Männer als Frauen. Dort muss sich die 22-Jährige durchsetzen, wenn es um Förderprogramme geht, oder um freies W-LAN. „Mehr Elektroautos oder freies W-LAN, das sind Dinge, die für unsere Genration wichtig sind“, sagt sie. Probleme habe sie bei Diskussionen im Ausschuss nicht. „Ich bekomme eigentlich aus allen Fraktionen positives Feedback, weil man es gut findet, dass auch junge Leute sich engagieren“, sagt die junge Frau. „Nur inhaltlich, da gibt es dann schon einmal Kontroversen.“

Der Zeitfaktor, räumt Annabell Vagedes ein, sei allerdings schon groß. „Ich arbeite beim Finanzamt“, erzählt sie. „Und manchmal gibt es Phasen, da hat man für die CDU bis zu drei Sitzungen in der Woche.“ Stadtverband, Ortsunion, CDU- und JU-Kreisvorstand: Da türmen sich mitunter die Termine. „Ich bin in vielen Gremien vertreten.“ Trotzdem möchte Annabell Vagedes noch intensiver mitmischen: „2020 würde ich gerne für den Stadtrat kandidieren.“

Ursula Theil (83) war 24 Jahre lang für die CDU im Stadtrat aktiv.

Dieselbe Partei, aber eine ganz andere Generation, vertritt Ursula Theil. Vor kurzem hat sie ihren 83. Geburtstag gefeiert. Ursula Theil hat drei Söhne, sechs Enkelkinder, „und bald zwei Urenkel“, wie sie erzählt.

Beim Frauenanteil im Selmer Stadtrat ist noch viel „Luft nach oben“

Ulla Theil (83) hat in ihrer Zeit bei der Selmer CDU besonders soziale Themen verfolgt. „Die Einstellung hab ich von meiner Mutter", sagt sie. © Martina Niehaus

Und sie war 24 Jahre lang im Stadtrat aktiv, zuletzt als Vorsitzende im CDU-Seniorenkreis. „Als wir im Jahr 1975 mit gleich drei Frauen in den Stadtrat gekommen sind, da sind wir von anderen Frauen im Kreis Unna beneidet worden. Das war unüblich“, erinnert sie sich. Die Diskussionen mit den männlichen Kollegen seien auch anfangs schwierig gewesen. „Da mussten sich die Männer erst mal dran gewöhnen, dass wir alles zusammen besprechen“, erzählt sie und lacht.

„Der Mann nimmt seinen Hut und geht.“
Ursula Theil (83)

Die Selmerin, die damals als Filialleiterin im „Konsum“ arbeitet, hat Glück: Ihre Mutter kümmert sich oft um die Kinder und hält ihr auch für die politische Arbeit den Rücken frei. Dass dem Selmer Stadtrat mehr Frauen gut täten, liegt für sie klar auf der Hand. Aber sie sagt: Es fehlt den Frauen auch heute noch an Zeit. „Die Männer, die nehmen ihren Hut und gehen. Für die war es schon immer einfacher. Wir Frauen mussten uns ja zuerst um Haushalt und Kinder kümmern. Und das hat sich bis heute nicht grundlegend geändert“, sagt Ursula Theil.

Jutta Steiner (63) ist Sozialdemokratin und stellvertretende Bürgermeisterin.

Auch bei der Selmer SPD ist der Fraktionsvorsitz in Männerhand: Klaus Backhaus (1999-2007), Mario Löhr (2007-2009), Udo Holz (2009-2014), Wolfgang Jeske (2014-2016) und Thomas Orlowski (seit 2017 bis heute) sind aufeinander gefolgt. Die Stadtverbandsvorsitzende ist allerdings eine Frau: Die stellvertretende Bürgermeisterin Jutta Steiner, die zudem Vorsitzende im Jugendhilfe-Ausschuss ist.

„Man darf nicht zart besaitet sein.“
Jutta Steiner (63)

Die Selmerin hat zwei Kinder, und hat sich seit ihrer Zeit beim Fernmeldeamt auch schon immer gewerkschaftlich eingesetzt. „Durch Mario Löhr bin ich vor 12 Jahren in die Politik gekommen“, erzählt sie. Und sie sagt: „In den Ausschüssen und im Rat muss man als Frau schon öfter das Wort machen, um ernst genommen zu werden. Man darf da nicht zart besaitet sein.“ Um dann gleich grinsend hinzuzusetzen: „Das bin ich aber auch nicht.“

Beim Frauenanteil im Selmer Stadtrat ist noch viel „Luft nach oben“

Die stellvertretende Bürgermeisterin Jutta Steiner vor der SPD-Geschäftsstelle. © Martina Niehaus

Der Frauenanteil in der Kommunalpolitik könnte sicher höher sein, sagt Jutta Steiner. Doch gerade Mütter müssten ihre Zeit gut organisieren. „Heute ist es etwas besser geworden, aber noch Anfang der 80er war man komplett auf die Hilfe der Eltern angewiesen. Der Kindergarten machte ja mittags zu, und einen offenen Ganztag gab es auch nicht.“ Auch heute sei der Zeitaufwand für politische Tätigkeiten sehr hoch: „Es sind wirklich viele Termine, die man da als Mutter hintereinander bringen muss.“

Maria Lipke (70) ist ein „Kind der 68er“ - und Vorsitzende der UWG.

Bei der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) ist seit der Gründung im Jahr 1984 eine Frau mit an Bord: Maria Lipke. „Damals waren meine drei Kinder gerade aus dem Gröbsten raus“, erzählt sie. Sie ist seit fast 20 Jahren Vorsitzende und seit 30 Jahren Ratsmitglied. Die 70-Jährige hat, so glaubt sie, das politische Engagement von ihrer Mutter mitbekommen.

Beim Frauenanteil im Selmer Stadtrat ist noch viel „Luft nach oben“

Maria Lipke ist seit 30 Jahren im Rat. © Foto: Sylvia vom Hofe

„Meine Mutter war in der Schulpflegschaft aktiv, hat sich dann auf kommunaler Ebene für Themen wie Straßenlaternen und Wasserversorgung stark gemacht.“ Als „Kind der 68er“ sei Maria Lipke dann später in Berlin gewesen. „Das war eine spannende Zeit, die mich bis heute prägt.“ Ihre Ausbildung macht Maria Lipke in den 50er-Jahren übrigens noch als „Bankkaufmann“ - die Bezeichnung „Bankkauffrau“ gibt es da noch nicht.

„Wenn Frauen streiten, sind es Zicken.“
Maria Lipke (70)

Maria Lipke muss sich im Selmer Rat nicht nur als Frau, sondern auch als UWG-Mitglied durchsetzen. „Wir wurden als Öko-Gespenst betitelt. Niemand hat geglaubt, dass wir uns etablieren würden“, sagt sie. „Es war in den ersten Jahren sehr schwierig.“ Und auch Diskussionen mit männlichen Auschussmitgliedern seien nichts für schwache Nerven. Bis heute: „Wenn Männer streiten, klopfen sie sich anschließend auf die Schulter und sagen: Was haben wir gut diskutiert. Bei Frauen heißt es gleich: Die zicken ja nur herum.“

Marion Küpper (54) ist Vorsitzende der Grünen-Fraktion.

Marion Küpper steht seit vier Jahren an der Spitze der Selmer Grünen. Mit Maria Lipke teilt sie die „doppelt schwierige Position“: Eine Frau, und dann auch noch eine mit grünen Themen. „Es sind schon patriarchische Machtstrukturen hier“, räumt sie ein. „Und damit geht dann auch ein gewisser Ton einher.“ Sie bedauert, dass der Frauenanteil der Selmer Kommunalpolitik nicht den der Gesellschaft widerspiegelt. „Da ist sicher noch Luft nach oben“, sagt die 54-Jährige.

Beim Frauenanteil im Selmer Stadtrat ist noch viel „Luft nach oben“

Marion Küpper © Foto: Grüne

Frauen haben oft Schwierigkeiten, sich durchzusetzen.

„Dieser eher niedrige Anteil an Frauen spiegelt sich auch in anderen Ebenen wider“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Selm Maja Werlich. „Im öffentlichen Dienst, auch bei großen Unternehmen in der Privatwirtschaft haben Frauen oft Schwierigkeiten, sich durchzusetzen“, sagt die 42-Jährige.

Frauen hätten in vielen Fällen mehr Selbstzweifel als Männer und würden sich Aufgaben nicht zutrauen, obwohl sie ihnen durchaus gewachsen wären. „Das ist in unserer Gesellschaft immer noch so. Wenn ich einem Mann einen guten Posten anbiete, fragt der mich erstmal, was er verdient. Eine Frau fragt sich erstmal, ob sie auch gut genug für den Job ist.“

Gerade in der Politik herrsche oft ein rauhes Klima, dem man sich als Frau stellt. Maja Werlich glaubt, dass die Parteien gut daran täten, bereits die jungen Frauen darin zu schulen, Gremienarbeit zu machen. „Natürlich gibt es das schon, aber die Parteien müssen ihre Frauen auch da hinschicken.“

Maria Wersig: „Institutionen müssen sich verändern. Nicht die Frauen.“

„Zeit ist sicherlich ein Faktor. Frauen leisten immer noch nahezu mehr als doppelt so viel der unbezahlten Familienarbeit wie Männer“, sagt Professor Dr. Maria Wersig (40) von der Dortmunder Fachhochschule. „Macht ist allerdings auch ein Faktor“, glaubt die Juristin. Man bräuchte schon große Anreize, um eine parteipolitische Tätigkeit zu erwägen. Aber: „Angesichts der Männerdominanz in den Parteien und den auch dadurch nur eingeschränkten Chancen auf echte Einflussnahme und Gestaltungsmöglichkeiten in politischen Ämtern fehlen solche Anreize.“

Professor Dr. Maria Wersig Maria Wersig (40) ist Präsidentin des Juristinnenbundes und Professorin an der Fachhochschule Dortmund. Sie beschäftigt sich mit Geschlechterverhältnissen im Zusammenspiel von Recht und Gesellschaft. Ihre Spezialgebiete sind Gleichstellungs-, Arbeits- und Sozialrecht.

Es gebe mittlerweile Studien zur Unterrepräsentanz von Frauen in der Kommunalpolitik. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Institutionen sich verändern müssen, nicht die Frauen. „Zum Beispiel wünschen sich Frauen transparentere Verfahren und einen effizienten Einsatz ihrer Zeit. Das fängt an bei Dingen wie zeitliche Lage der Sitzungen oder auch deren Ende, Vor- und Nachbereitung mit Hilfe moderner Technologien, gute Moderation und transparente Leitung“, sagt Maria Wersig. Auch Kinderbetreuung während kommunalpolitischer Termine sollte angeboten und selbstverständlich mitgedacht werden. Ansonsten führe das auch zu anderen Ausschlüssen, mahnt die Professorin: „Alleinerziehende zum Beispiel, die können nicht ständig eine Kinderbetreuung einkaufen.“

Für Frauen gilt ein anderer Maßstab als für Männer.

Auch beim Diskussionston, der in den Ausschüssen vorherrscht, gebe es verschiedene Wahrnehmungen - je nachdem ob ein Mann oder eine Frau sich zu Wort meldet. Maria Wersig weiß: „Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, wissen, dass an ihr Verhalten ein anderer Maßstab angelegt wird als an das von Männern. Ein Mann ist vielleicht ,durchsetzungsstark‘ und eine Frau ist ,zickig‘. Inweit dies Frauen abschreckt, vermag ich nicht zu sagen.“

Maria Lipke von der Selmer UWG jedenfalls lässt sich von einem speziellen Umgangston nicht abschrecken. Sie diskutiert nämlich gerne - und sie betont, dass sie gerade bei Diskussionen mit ihren männlichen Kollegen nicht stumm bleibt. „Ich hau‘ ihnen meine Meinung oft genug um die Ohren“, sagt sie und lacht.

Blick nach Düsseldorf
  • Ein Blick nach Düsseldorf zeigt: Auch in den NRW-Fraktionen von CDU und SPD ist noch „Luft nach oben“.
  • Bei derCDU-Landtagsfraktion sind von insgesamt 72 Landtagsabgeordneten 17 Frauen und 55 Männer. Das sind 23,6 Prozent.
  • Die SPD schneidet etwas besser ab: Bei den Landtagsabgeordneten sind 24 Frauen und 45 Männer vertreten, hier beträgt der Frauenanteil also 34,8 Prozent.
  • Bei Listenwahlen haben überdies mittlerweile viele Parteien eine Geschlechterquote, die bei der SPD zum Beispiel bei 40 Prozent liegt. Auch bei der Grünen-Fraktion ist der Frauenanteil durch diese Quote sehr ausgewogen: Von insgesamt Abgeordneten sind 8 Männer und 6 Frauen vertreten.
  • FDP: Von 28 Abgeordneten sitzen 23 Männer und fünf Frauen in Düsseldorf.
  • Die Mitglieder der Fraktion „die Linke“ haben im NRW-Landtag ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis: 6 Männer und 6 Frauen sind vertreten.
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