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Stirbt ein Mensch bei einem Verbrechen oder ist die Todesursache unklar, wird die Leiche beschlagnahmt. Dann rückt im Kreis Unna ein Bestatter aus Schwerte an – mit einem speziellen Auftrag.

SCHWERTE

, 03.07.2018 / Lesedauer: 4 min

Bei tödlichen Verbrechen rückt ein Bestatter aus Schwerte mit einem Spezialauftrag an

Das Bestattungshaus Kritzler fungiert seit drei Jahren im Kreis als „Vertragsbestatter“ und transportiert im Auftrag der Polizei Verstorbene, die keines natürlichen Todes gestorben sind. © Bernd Paulitschke

Wenn der Arzt sich nicht dazu entscheiden kann, sein Kreuzchen auf dem Totenschein im Feld „natürliche Todesursache“ zu machen, sondern einen unnatürlichen Tod konstatiert oder zumindest eine ungeklärte Todesursache, kommt in Bergkamen, Bönen, Holzwickede, Kamen, Unna und Schwerte der Schwerter Bestattungsunternehmer Heinrich Kritzler. Das Bestattungshaus von der Sonnenstraße fungiert seit drei Jahren im Kreis als „Vertragsbestatter“. Drei weitere sind für Fröndenberg, Werne und Selm zuständig. Wie Polizei-Pressesprecherin Ute Hellmann erklärt, haben alle vier einen Vertrag für „die Bergung und den Abtransport von Leichen und Leichenteilen“.

„Der Kreis hatte diesen Auftrag ausgeschrieben, und wir haben uns damals für Schwerte und Holzwickede beworben“, erzählt Heinrich Kritzler. „Dann hat man uns gefragt, ob wir auch die restlichen Städte betreuen können, denn es gab offenbar keinen Unternehmer, der sich zum Beispiel auch in Kamen, Bergkamen und in der Stadt Unna um die ungeklärten Todesfälle kümmert.“

In 45 Minuten am Einsatzort

Rund 25 bis 30 Mal im Monat ist das Kritzler-Team seither allein aufgrund dieses Vertrages unterwegs. Heinrich Kritzler: „Wir haben uns verpflichtet, innerhalb von 45 Minuten am Einsatzort zu sein.“ Dort wird der Bestatter in der Regel von der Polizei erwartet. Denn in dem Moment, wo der Arzt nicht sicher ist, ob es sich um einen natürlichen Tod handelt, „gehört“ der Leichnam den Ermittlern. Unter einem nicht natürlichen Tod wird in der Rechtsmedizin ein durch äußere Einflüsse (wie zum Beispiel Gewalt) verursachter oder ausgelöster Tod verstanden. Dabei fallen Unfälle, Suizide und Tod nach Gewaltdelikten in diese Kategorie.

Bis Angehörige nach der Freigabe einen Bestatter ihrer Wahl mit der Aufgabe betrauen dürfen, sorgen Heinrich Kritzler und seine Mitarbeiter für Transport und Aufbewahrung des Leichnams. „Manchmal geht es nur um die Zeit, bis die Kripo Kontakt zum Hausarzt des Toten aufnehmen konnte und sich die natürliche Todesursache klärt.“ Dann darf die Familie einem Bestatter den Auftrag geben, den verstorbenen Angehörigen bei Kritzler abzuholen. Oder sie kann den Bestattungsauftrag an Kritzler vergeben.

Bei tödlichen Verbrechen rückt ein Bestatter aus Schwerte mit einem Spezialauftrag an

Heinrich Kritzler vor dem „Haus der Sinne und würdigen Abschiednahme“ an der Sonnenstraße. © Foto Berkenbusch

Ordnet die Staatsanwaltschaft eine Obduktion an, transportiert der Schwerter Bestatter den Verstorbenen zur Gerichtsmedizin nach Dortmund. Alles unter den vertraglich festgelegten Bedingungen, die die Sicherung der eventuellen Verbrechensspuren gewährleisten. Spezielle Überführungstragen und -särge gehören neben zwei großen Klimaräumen im Hause Kritzler ebenso zur Grundausstattung wie das Notfallhandy, für das Mitarbeiter reihum Tag und Nacht zuständig sind.

Viele Fälle berühren

Wenn der Apparat klingelt, verheißt der Anruf meist nichts Angenehmes. Viele Einsätze sind auch für die erfahrenen Bestatter schwer zu ertragen. Heinrich Kritzler: „Die Bergung von Menschen, die sich vor einen fahrenden Zug geworfen haben, oder von Toten, die wochenlang nicht entdeckt worden sind, ist nicht gerade angenehm.“ Neben den unappetitlichen Fällen gibt es auch die besonders tragischen. Wenn junge Menschen ihr Leben lassen müssen, geht das auch Bestattern nah. Heinrich Kritzler erinnert sich: „Wenn man eine junge Frau abholen muss, die gestorben ist, während ihr quietschvergnügtes Baby in ihren Armen lag, tut das schon weh.“ Tote Kinder berühren den 54-jährigen Vater einer Tochter und seine Kollegen immer wieder auf besondere Weise.

Häufig seien es mehr die offenbar tragischen Lebens-, als die Todesumstände, die auch gestandene Bestatter aus der Fassung bringen können. Auch über Einsamkeit und Anonymität macht der Bestatter sich Gedanken: „Wenn eine Mutter nach ihrem Tod im Obergeschoss eines Zweifamilienhauses wochenlang nicht entdeckt wird, obwohl die eigene Tochter Parterre wohnt, macht man sich schon so seine Gedanken über die Welt.“ Oder wenn Angehörige dem Bestatter nach der Freigabe der Leiche kühl mitteilen, dass sie kein Interesse daran haben, sich um die Beerdigung zu kümmern und diese auch zu bezahlen. „In solchen Fällen kommt es meist zu anonymen Feuerbestattungen“, erklärt Heinrich Kritzler. „Wenn Angehörige da sind, tritt das Ordnungsamt in Vorleistung und holt sich das Geld später von der Familie zurück.“

Recht auf einen würdigen Abschied

Das ist nicht die Art von liebevollem Abschied, die sich das Bestattungshaus Kritzler auf die Fahnen geschrieben hat. An der Sonnenstraße sollen die Abschiede nicht traurig, kalt und lieblos aussehen. Ein würdiger Abschied in angenehmer Atmosphäre soll die emotionale Ausnahmesituation des Trauerfalls auffangen. Darin hat der Familienbetrieb seit 1892 Übung. Heinrich Kritzler interessierte sich schon als Kind brennend für den Beruf des Vaters: „Ich wollte immer mit und konnte gar nicht verstehen, wenn mein Vater Nein sagte.“ Seinen ersten Toten habe er dennoch früh gesehen. 2004 baute Heinrich Kritzler die ehemalige Sparkassen-Filiale an der Sonnenstraße zum „Haus der Sinne und würdigen Abschiednahme“ um. Seine Tochter möchte nach dem Studium in den Familienbetrieb einsteigen.

Es gibt eine Trauerhalle, Aufbahrungs- und Abschiedsräume, ein Kolumbarium für Urnen, viel Licht und Farbe, im sonnendurchfluteten Anbau zum idyllischen Garten ein Café für Beerdigungskaffeetrinken und Gedankenaustausch. Denn das ist bei Kritzler Philosophie: Wo und unter welchen Umständen auch immer ein Mensch stirbt, er hat ein Recht darauf, nach seinem Ende gut aufgehoben zu sein.