Mitarbeiter in der Pflege-Branche haben anspruchsvolle Jobs. Missstände rauben Zeit – und die Freude an der Arbeit. Ein Azubi spricht über seine Erfahrungen in einer Behinderten-Einrichtung.

Werne

, 19.10.2018, 16:05 Uhr / Lesedauer: 5 min

Voller Tatendrang startete Rafael B. (Name geändert) ins Berufsleben. „Ich wollte den Menschen in ihrer besonderen Lebensweise helfen und sie bestmöglich unterstützen.“ Das war sein Antrieb für eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger, wo es um die Betreuung von Menschen mit physischen, psychischen und kognitiven Beeinträchtigungen geht.

Im Sommer 2015 begann er seine Ausbildung in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung in der Region rund um Werne. Kurz nach seinem Abschluss und einem Wechsel der Einrichtung, blickt er enttäuscht und desillusioniert zurück. Zwischen Rafaels Helferwillen und der Wirklichkeit in seiner Ausbildungsstätte klaffte eine riesige Lücke.

Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Der 21-Jährige, der zwei Jahre in Werne gewohnt hat, hat sich nach unserer Serie „Altenpflege in Werne“ an die Redaktion gewandt, um offen über Missstände in der Pflege-Branche zu sprechen.

Dass Fachkräfte in der Pflege viel weniger Zeit für einzelne Bewohner als benötigt haben, ist nichts Neues. Wozu das aber für die Pflegebedürftigen selbst führen kann, darüber wird nicht so gerne gesprochen.

Gerade in einer Einrichtung, die sich um Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten kümmert, sollte für den Einzelnen viel Zeit da sein. Ist sie aber nicht. „20 bis 30 Minuten bräuchte man für einen Bewohner. Wir hatten aber pro Mitarbeiter bis zu acht Bewohner“, so Rafael.

Zu wenig Zeit für den Einzelnen

Beginn des morgendlichen Anziehens und Waschens der Bewohner war um 7.30 Uhr, um 9 Uhr mussten alle für das Frühstück fertig sein. Eine Rechnung, die nicht aufgeht. Aufgabe der Pfleger ist es, bei den Bewohnern unterstützend einzugreifen, ihnen also beim Anziehen eines Pullovers zu helfen, sie aber auch selbst machen lassen. In der Theorie.

„Es geht um den pädagogischen Aspekt“, sagt Rafael. Doch weil die Bewohner meist länger brauchen, übernehmen die Pfleger die Aufgabe komplett. Es wird schnell gewaschen und noch schneller angezogen. Fertig. Der Nächste bitte.

So zumindest schildert es Rafael: „Die Bewohner bauen geistig und kognitiv immer weiter ab und werden noch schwerere Pflegefälle“, kritisiert er.

Azubi erzählt: In der Pflege gelten Bedürftige oft als zeitfressende Störfaktoren

Ludger Risse ist Vorsitzender des Pflegerats NRW. © Felix Püschner

Damit scheint Rafael kein Einzelfall zu sein, bestätigt NRW-Pflegeratsvorstand Ludger Risse. Durch den Personalmangel in der Pflege fehle immer wieder die Zeit, um sich in einem größeren Maße um Patienten zu kümmern.

Die Folge: zwanghafte Rationierung der Pflegeleistungen – auch in der ambulanten oder teilstationären Pflege. „Einige Patienten werden deswegen leider sogar kränker entlassen, als es möglich wäre – wenn es denn genügend Personal gäbe.“

Pflegenot lässt sich aktuell nicht beseitigen

Die Not in der Pflege, so Risse, der auch Pflegedirektor am St.-Christophorus-Krankenhaus in Werne ist, lasse sich aktuell nicht beseitigen. Doch lindern könne man sie allemal.

So zum Beispiel durch attraktivere Arbeitsbedingungen und veränderte Arbeitszeiten. „Einzelne Veränderungen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, doch wenn wir viele Register ziehen, können wir etwas verbessern.“

Das allein ist ein großes Problem aus Rafaels Sicht. Ein anderes ist der Umgang der Pflegekräfte mit den Pflegebedürftigen. „Die Mitarbeiter werden dann auch schon mal lauter“, so Rafael. Schuld ist der Zeitdruck. Gedanklich sind die Pfleger oft schon drei Zimmer weiter.

Pfleger stellen Eieruhr für die Zeit mit Patienten

Zeit ist für die Pfleger in ihrem Alltag immer wieder ein Thema. So werden beispielsweise Mahlzeiten eng getaktet. „Da wird die Eieruhr auf 30 Minuten gestellt und danach wird der Teller weggenommen. Egal, ob und wie viel der Mensch gegessen hat.“ Fernab davon, dass die Bewohner ein Mitbestimmungsrecht bei den Mahlzeiten hätten.

Rafael erinnert sich auch an eine Situation beim Kaffeetrinken: „Ein Bewohner wollte nach einem Kaffee zusätzlich noch einen Kakao, da hieß es von einem Mitarbeiter nur: Es gibt nur eins von beidem.“ Selbstbestimmung sieht anders aus.

Kein Mitbestimmungsrecht der Bewohner

Etwas großzügiger ist dann aber das Zeitfenster nach dem Mittagessen. Das ist eigentlich dazu gedacht, mit den Bewohnern Zeit zu verbringen und sie zu Aktivitäten zu animieren. Doch offenbar ließ sich unter dem Vorwand auch bequem die Pause verlängern.

Die Bewohner seien im Wohnzimmer „geparkt“ worden und die Mitarbeiter hätten TV geschaut. „Klar gibt es auch Büroarbeit, aber viele haben sich im Büro auch nur Ewigkeiten unterhalten oder mit dem Handy rumgespielt. Am Wochenende bis zu einem halben Tag“, übt er harsche Kritik.

Rafael berichtet auch davon, dass Bewohner mit Medikamenten ruhiggestellt wurden, wenn sie zu aufmüpfig wurden. „Einer hat morgens 13 und abends noch einmal 13 Tabletten bekommen.“ Gefallen hat Rafael die Arbeit nicht mehr.

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Rafael fühlt sich von den Mitarbeitern alleine gelassen

„Ich wollte pädagogische Angebote schaffen und für die Bewohner etwas verbessern. Es hieß dann nur ‚mach doch‘“. Er sei von den anderen Mitarbeitern alleine gelassen worden. Unterstützung oder Anleitung? Fehlanzeige.

„Solche Schilderungen bekommen wir leider immer wieder zu hören“, sagt Risse und nimmt die Aussagen ernst. Sowohl im Pflegerat als auch im Internet stoßen die Verantwortlichen immer wieder auf Beschwerden von Auszubildenden.

„Wenn – gerade im Internet – auch nur die Hälfte davon stimmt, dann ist das einfach traurig.“ Damit geraten die motivierten Nachwuchskräfte in einen Kreislauf aus Unzufriedenheit und „werden schon in der Ausbildung vergrault. Wer will dann später dort arbeiten?“

Auch andere Auszubildenden machen ähnliche Erfahrungen

Mindestens zehn Prozent der Ausbildungszeit soll eigentlich abseits der alltäglichen Arbeit stattfinden und der Ausbildung dienen. Themen sollen besprochen und offene Fragen geklärt werden. Doch so richtig gehe die Rechnung nicht auf.

Auch Risse erlebe bei Einsätzen von Auszubildenden aus anderen Häusern im St. Christophorus, wie sich Azubis in ihren eigentlichen Krankenhäusern mit ihren Fragen allein gelassen fühlten. „Mich ärgert das kolossal“, so Risse.

Bei Rafael ging es sogar so weit, dass seine Praxisanleiterin, die Frau, die ihn ausbilden sollte, zu ihm gesagt haben soll: „Ich gebe dich ab, dann hast du niemanden mehr.“

Pflegekräfte arbeiten gegeneinander

Rafael skizziert das Bild von zwei Lagern in der Einrichtung. Die einen, die es sich einfach und ausgiebig Pause machten, bildeten einen Block, einige wenige, die etwas bewirken wollten, den zweiten. Rafael zufolge gehörte selbst die Einrichtungsleitung zu Block eins.

Er galt so langsam als Querulant und hatte einen entsprechend schweren Stand. „Du musst hier weg“, hat eine Hauswirtschaftskraft zu ihm gesagt. Rafael wurde von den erfahrenen Mitarbeitern zunehmend schikaniert. „Nach kleineren Fehlern, wie einem Fleck in der Küche oder wenn ich nicht bemerkt habe, dass die Wäsche fertig war“, hätten sie ihn ins Leitungsbüro zitiert. Seine Benotung wurde schlechter.

Azubi erzählt: In der Pflege gelten Bedürftige oft als zeitfressende Störfaktoren

Bei der Dokumentation sollte Rafael Ereignisse eintragen, die nie passiert sind. © rawpixel / Unsplash.com

Doch welche Chance bleibt Auszubildenden in der Pflege dann? „Das Wichtigste ist, dass sie ihre Probleme artikulieren“, sagt Risse. Das Bewusstsein müsse geschaffen werden, dass etwas nicht stimme. Dafür könne man sich auch mit anderen Auszubildenden zusammentun oder sich Unterstützung aus dem Fachsemester holen.

Im Ernstfall gibt es aber auch die Möglichkeit, die Einrichtung zu wechseln. Das nehmen auch rund um Werne Auszubildende wahr. „Doch das sollte immer der letzte Schritt sein“, so Risse.

Genau zu dem hat sich Rafael entschlossen. Er wechselte nach zwei Jahren. Ihm zufolge kein Einzelfall: „Es gibt viele Azubis, die wechseln oder Probleme in ihren Betrieben haben. Was mich auch stört, ist das Mobbing in einem sozialen Bereich. Das geht gar nicht.“

Dokumentation gefälscht

Auch aus anderem Grund hat er sich nicht mehr wohlgefühlt. „Ich musste zum Beispiel unterschreiben, dass ich mit Bewohnern gespielt habe, obwohl ich das gar nicht getan habe.“ Das war wichtig für die Dokumentation.

Einmal im Jahr gab es Kontrollen von der Heimaufsicht. „Die hat dann kontrolliert, was dokumentiert wurde, egal, ob das so passiert ist oder nicht.“ Sein letztes Ausbildungsjahr hat er dann in einer Einrichtung für Suchtkranke absolviert.

Auch woanders Probleme

Die Arbeit dort gefalle ihm zwar, doch eigentlich wollte er etwas anderes machen. Über ähnliche Missstände kann er dort zwar nicht berichten, doch aus Gesprächen mit anderen weiß er, dass es in anderen Einrichtungen desselben Trägers ähnliche Schwierigkeiten gibt.

Ende Juli 2018 hat er seine Ausbildung beendet. Im Bereich Suchthilfe ist er auch erst einmal geblieben. Seit August hat er eine Stelle in einem anderen Haus für Suchtkranke.

Resümee des 21-Jährigen am Ende des Gespräches: „Es herrscht Fachkräftemangel. Warum nimmt man dann den Auszubildenden den Spaß am Beruf? Ich bin geschockt und finde es schade, dass Azubis in ihrer Haltung manipuliert werden.“

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