Fast alle Mitglieder der „Stever Rocker“ haben eine Behinderung und leben in Caritas-Wohnheimen. Die Band kann bereits auf einige erfolgreiche Auftritte zurückblicken.

von Maria Niermann

Selm, Olfen, Nordkirchen

, 21.09.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das war für uns schon etwas sehr Besonderes. Denn genau das ist ja unser Ziel: Wir möchten erreichen, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung begegnen – ganz selbstverständlich“, sagt Konstantin Hauser (38). Und das ist der Band „Stever Rocker“ schon mehrfach gelungen, beispielsweise beim Nordkirchener Festival „Draußen nur Kännchen“ - es soll nicht der letzte Auftritt gewesen sein.

Konstantin Hauser, Sozialarbeiter und Heilerziehungspfleger, spielt die E- und Akustik-Gitarre in der elfköpfigen Band. Unterstützt wird er von seiner Kollegin Anke Baumgart, die das Keyboard spielt. Gegründet wurden die Stever Rocker bereits Ende 2014.

Wohnheim-Bewohner wollte eine Band gründen

Damals hatten die Bewohner des Caritas-Wohnheimes zur Verabschiedung ihres damaligen Wohnheimleiters Ingo Emmelmann das Lied „Marmor, Stein und Eisen bricht…“ bearbeitet und gesungen. Mit dabei war Ulli Weiß, damals 56 Jahre alt und heute wie damals ein echter Musikliebhaber.

Er war als Jugendlicher Mitglied in einer Kirchenband in Bork, später war er im Selmer Blasorchester dabei und Mitglied einer Rockband. Und dann – Ende 2014 - äußerte er den Wunsch eine Band zu gründen. Gleichzeitig bat er die Mitarbeiter der Wohngruppe um Unterstützung. „Und da es unsere Aufgabe als Sozialarbeiter ist, realisierbare Wünsche unser Bewohner zu begleiten und in die Tat umzusetzen, haben wir gesagt, das machen wir“, erinnert sich Konstantin Hauser.

„Aus sozialer Isolation heraushelfen“: Die „Stever Rocker“ verbindet die Liebe zur Musik

Ulli weiß hat das Schlagzeug selber finanziert. Nicht ohne Stolz präsentiert er sich vor dem Plakat der Stever Rocker © Marie Niermann

Ulli Weiß - er selber spielt Schlagzeug - wohnt mit weiteren fünf Menschen mit Behinderung in der Außenwohngruppe am Dietrich-Bonhoeffer-Ring in Lüdinghausen. Diese Gruppe ist ein Ableger des Caritas-Wohnhauses Lüdinghausen. Sämtliche Bewohner der Wohngruppe sind Mitglieder in der Band. Hinzu kommen drei Bewohner des Haupthauses an der Werdener Straße und die beiden Mitarbeiter der Wohngruppe.

Stever Rocker proben stundenlang

Doris Mevenkamp aus dem Haupthaus kam zum Beispiel dazu, als sie hörte, dass die Stever Rocker den Song „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd singen würden. „Das kenn ich“, sagte sie. Seit dem ist sie die Lead-Sängerin, wenn es um den bekannten Hit geht.

Geprobt wurde zunächst im Haupthaus an der Werdener Straße, später zogen die Stever Rocker um in die Wohnküche ihres Hauses. Hier finden nun alle zwei Wochen die Proben statt. „Die dauern dann bis zu dreieinhalb Stunden - und alle sind immer da“, freut sich Konstantin Hauser.

„Aus sozialer Isolation heraushelfen“: Die „Stever Rocker“ verbindet die Liebe zur Musik

Sozialarbeiter Konstantin Hauser hat Ulli Weiß bei der Gründung der Stever Rocker zur Seite gestanden. Selbst Merchandise gibt es von der Band bereits. © Marie Niermann

Ulli Weiß begann mit einem geliehenen Schlagzeug, später kaufte er ein eigenes. Auch die anderen Band-Mitglieder kauften Instrumente, ihre Mikros und Mikro-Ständer von ihrem eigenen Geld. „Das macht die Arbeit in der Band für die Mitglieder einfach verbindlicher, wenn das eigene Geld drinsteckt“, sagt der 38-jährige Sozialarbeiter.

Das erste Konzert fand schon ein halbes Jahr nach der Gründung statt

Die Mehrzahl der Band-Mitglieder singt oder spielt ein Schlaginstrument. „Wir müssen sehen, welche Kompetenzen die Bandmitglieder mitbringen, die Aufgabenverteilung in der Band ist ressourcenorientiert“, erläutert Hauser. So bringe etwa Petra Niermann ein gutes Rhythmusgefühl mit, was sie für das Schlagzeug ins Spiel bringe, Sarah Millers könne gut lesen. Daher singe sie den Songtext, während ihre Freunde die Musik dazu machen.

Das erste Konzert fand schon ein halbes Jahr nach der Gründung – im Sommer 2015 – im Saal an der Werdener Straße vor rund 250 Gästen statt. Von den Einnahmen aus diesem Konzert und Spenden konnte dann eine Beschallungsanlage gekauft werden. Nicht ohne Stolz sagt Gitarrist Hauser: „Das haben wir aus eigener Kraft geschafft.“

Nach fünf Jahren haben die Stever Rocker ein Repertoire aus eigenen und gecoverten Songs. Zu den eigenen gehören „Ohrwurm“, „Heimat“ oder „Lass die Arbeit, mach mal blau“. Gecovert werden Songs von Pink Floyd, Wolfgang Petry oder Marius Müller Westernhagen - eine große Spannbreite.

Auch Lieder zu politischen Themen werden gesungen

„Die Ideen entstehen bei einem sogenannten Jam“, erklärt Konstantin Hauser. Das heißt, die Band-Mitglieder sitzen beieinander, improvisieren, bringen ihre Ideen ein und lassen ihren musikalischen Gedanken freien Lauf. „Und dann entsteht ein Lied wie ‚Heimat‘“.

„Aus sozialer Isolation heraushelfen“: Die „Stever Rocker“ verbindet die Liebe zur Musik

Die Stever Rocker (v.l.) Tim Kurpanik, Sarah Millers und Eva Kurek bei ihrem Auftritt in Nordkirchen. © Marie Niermann

Bandmitglied Simon Wewelsiep sei sehr betroffen gewesen von der Flüchtlingsdiskussion und habe vorgeschlagen, darüber zu singen. „Das haben wir dann gemacht“, sagt Konstantin Hauser. Im Anschluss an diese kreativen Momente bedeute die Umsetzung aber dann auch ganz viel harte Arbeit.

„Ziel unserer Arbeit ist es ja, die Menschen mit Behinderung aus der sozialen Isolation herauszuhelfen und ihnen die Möglichkeit zur Beteiligung am kulturellen Leben geben“, so Hauser. Übrigens werde genau das in der UN-Behindertenrechtskonvention gefordert, sagt der 38-Jährige.

Im November spielen die Stever Rocker als Vorband in Lüdinghausen

Inzwischen spielt die Band bei Festen der Caritas, aber auch auf privaten Geburtstagen. Und am 8. November (Freitag) im Ricordo in Lüdinghausen - als Vorband der Gruppe „Motel“ aus Haltern. „Das ist unser erster Auftritt, der mit Eintrittsgeldern verbunden ist“, sagt Konstantin Hauser. „Wir sind sehr gespannt auf die Resonanz der Besucher.“

Gut vorbereitet werden sie auf jeden Fall sein. Immerhin waren sie Ende August zu einer Probenwoche in Holland. „Dort ging es nur um die Musik, es war keine normale Urlaubsreise.“

Gibt es bald auch Wohnzimmerkonzerte?

Der Sozialarbeiter Konstantin Hauser sprüht vor Ideen. Seine neueste: Er möchte im Wohnhaus am Dietrich-Bonhoeffer-Ring Wohnzimmerkonzerte ausrichten. „Wir möchten Künstlern, vielleicht jungen Künstlern, die Möglichkeit geben, bei uns aufzutreten.“ Wer Interesse daran hat, kann sich mit Konstantin Hauser per Mail an Hauser@caritas-coesfeld.de in Verbindung setzen.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Comedy im Bürgerhaus

Torsten Sträter unterhält wie ein alter Freund: So war sein Auftritt im Bürgerhaus Selm

Hellweger Anzeiger Schuljahr 2020/21

Schulcheck: Sekundarschule blickt von Anfang an auf Einstieg ins Berufsleben

Hellweger Anzeiger Betrugsmasche

Barscheck-Betrug: Urlauber versuchten bei den Müllers am Ternscher See eine dreiste Masche