Mit dem Freizeit e.V. fing Anfang der 1980er-Jahre alles an. Viele Legenden ranken sich um das Haus mit den rot schimmernden Fenstern. Der Club 95 hat auch eine schillernde Vorgeschichte.

Schwerte

, 20.10.2018, 08:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die fünf puffroten Barhocker sind verwaist. Leichtbekleidete Frauen warten vor der Theke des Hauses an der Hörder Straße 95 nie mehr auf männliche Kundschaft. Jahrzehntelang war es unter dem Namen Club 95 als Bordellbetrieb bekannt. Jetzt wird es wieder das, was es vorher war: ein ganz normales Wohnhaus.

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So sieht es im ehemaligen Club 95 aus

Jeder fährt dran vorbei, doch nur wenige Schwerter wissen, wie es innen aussieht: Der "Club 95 "an der Hörder Straße war lange über Schwertes Stadtgrenzen hinaus bekannt. Seit einem Jahr ist das Bordell geschlossen, Nun soll das verruchte Haus wieder ein Wohnhaus werden - doch vor dem Umbau haben wir noch einen Blick hinein geworfen.
19.10.2018
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Nobel mit Eckbadewanne und Marmor ausgestattet ist das große Zimmer im Obergeschoss.© Reinhard Schmitz
Das großzügigste Zimmer im Obergeschoss konnte auch mit zwei Damen genutzt werden.© Reinhard Schmitz
Das luxuriöse, mit Marmor ausgestattete Damen-WC stammt noch aus der Zeit, als Tankstellenkönig Erhard Goldbach das Haus Hörder Straße 95 zu seiner Villa ausbaute.© Reinhard Schmitz
Über die steile Treppen folgten die Gäste den Frauen zu den Zimmern im Obergeschoss.© Reinhard Schmitz
Der Bereich neben der Theke, wo die Damen auf die Herren warteten.© Reinhard Schmitz
Auf den Hockern im Barraum empfingen die leichbekleideten Damen ihre Gäste.© Reinhard Schmitz
Hinter der Trennwand aus farbigen Glasbausteinen befindet sich die Gemeinschaftsdusche, die man auch zu zweit nutzen konnte.© Reinhard Schmitz
Überall sind Dekos zu finden.© Reinhard Schmitz
Ganz ordentlich hing in der Waschküche neben Anweisungen für die Wäsche auch der Abfallkalender der Stadt aus.© Reinhard Schmitz
Über eine eigene Treppe ist das Büro im Obergeschoss des Anbaus zu erreichen.© Reinhard Schmitz
Der massive Tresor im Keller stammt noch aus der Zeit, als sich Tankstellenkönig Erhard Goldbach in dem Haus Hörder Straße 95 versteckte. Über einen Schlitz außen in der Hauswand konnten ihn die Angestellten mit den Einnahmen der Tankstellen füllen.© Reinhard Schmitz
Seit 1980 war der "Club 95" als das Bordell von Schwerte bekannt. Jetzt soll das Gebäude wieder als normales Wohnhaus genutzt werden.© Reinhard Schmitz
Einige Champagner- und Bierflaschen sind von der letzten Party im Keller des Clubs 95 übrig geblieben.© Reinhard Schmitz
Ein unbekannter Künstler hinterließ diese Wandmalerei neben der Kellertreppe.© Reinhard Schmitz
In diesem Raum kleideten sich die Damen für die Arbeit um.© Reinhard Schmitz
Nur ein paar Schuhe sind in dem Aufenthaltsraum der Damen zurückgeblieben.© Reinhard Schmitz
Jede Dame hatte ihren eigenen Spind mit Vorhängeschloss im Aufenthaltsraum.© Reinhard Schmitz
In dem Aufenthaltsraum im Untergeschoss kleideten sich die Damen für ihre Schicht an.© Reinhard Schmitz
Zimmer 3 im Obergeschoss ist großzügig mit Spiegeln ausgestattet.© Reinhard Schmitz
An Deko-Elementen wurde nicht gespart.© Reinhard Schmitz
Allgegenwärtig in allen Zimmer sind die Zeitmesser.© Reinhard Schmitz
Spiegel über dem Bett, Spiegel neben dem Bett in diesem Zimmer im Obergechoss.© Reinhard Schmitz
Das größte Zimmer im Obergeschoss konnte auch mit zwei Damen gebucht werden.© Reinhard Schmitz
Die Fenster sind noch einfach verglast.© Reinhard Schmitz
Nur ein paar Schuhe sind in dem Aufenthaltsraum der Damen zurückgeblieben.© Reinhard Schmitz

„Seit einem Jahr steht das Gebäude leer“, sagt der Hausbesitzer. Herumgesprochen hat sich das offensichtlich noch nicht bei allen Gästen, wie er berichtet. Noch in dieser Woche stand, als er in dem Objekt nach dem Rechten schaute, wieder jemand klingelnd vor dem Guckloch an der Eingangstür. Er musste enttäuscht werden: „Hier wird kein Club mehr betrieben.“

Hintergrund – so der Hauseigentümer – ist das Mitte 2017 in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz. Das fordert eine Erlaubnis des Kreis-Ordnungsamtes, für die unter anderem nachgewiesen werden muss, dass die Bordellnutzung baurechtlich genehmigt ist. Aber diese Baugenehmigung habe es nie gegeben. Der Betrieb sei lediglich mit einer Duldung durch die Stadt Schwerte erfolgt.

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Aus dem Puff an der Hörder Straße wird jetzt ein biederes Wohnhaus - ein Blick ins Innere

Auf den Hockern im Barraum empfingen die leichbekleideten Damen ihre Gäste. © Reinhard Schmitz

Das hängt mit der Historie des Hauses zusammen, dessen 1910 hochgezogene Mauern viel erzählen könnten. Anfang der 1980er-Jahre machte es der eigens gegründete eingetragene Verein „Freizeit“ zu seinem Sitz. Als Zweck nannte die Satzung „die Pflege von Kontakten, Beziehungen und Begegnungen und Geselligkeit zwischen alleinstehenden Menschen und Familien ohne Anschluss.“ Der Verein solle das gegenseitige Ansprechen im freundschaftlichen Kreis erleichtern und Möglichkeiten schaffen, Hobbys und Neigungen auch gemeinsam in Verbundenheit nachzugehen: „Der Verein ist politisch und konfessionell neutral.“

Die Stadt war misstrauisch

Die Stadtverwaltung aber beäugte misstrauisch das Treiben der ordentlichen Mitglieder und der Ehrenmitglieder, die von der Beitragszahlung befreit waren. „Schon 1983 hat die Stadt geschrieben, dass sie keinen Zweifel daran habe: Hier wird ein Bordell betrieben, Club 95 genannt“, entnimmt der Hausbesitzer seinen Akten. Der Name war in den mosaikartigen Boden vor der Bar eingelassen, der mit einem ganz besonderen, schmutzabweisenden Material belegt ist.

Gegen die vom damaligen Betreiber beantragte Nutzungsänderung sträubte sich die Stadt mit der Begründung, ein Bordell passe nicht in ein Allgemeines Wohngebiet. Doch das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen verpasste ihr eine Ohrfeige, wie der Hausbesitzer weiß. Die Richter stuften die Umgebung, in der eine Tankstelle und die Firma Papenmeier angesiedelt sind, lediglich als „ungeplanten Außenbereich“ ein, der einem Bordell nicht im Wege stand.

Bis 2017 nur geduldet

Bei einer anschließenden mündlichen Verhandlung im Rathaus einigte man sich auf eine Duldung, dafür habe der Betreiber die eigentlich von der Stadt zu zahlenden Gerichtskosten aus seiner Tasche übernommen. „Die Duldung hielt bis 2017“, berichtet der Hausbesitzer. Da hatte der Club 95 seine größte Zeit schon lange hinter sich gelassen. Die sei in den 1970er- und 1980er-Jahren gewesen. Da war in den fünf Zimmern mit den breiten Betten und aufwendigen Spiegelwänden immer etwas los. Jedes verfügt – neben der obligatorischen Uhr – über eine große Eckbadewanne oder eine Dusche. Auf das größte und komfortabelste Zimmer im Obergeschoss habe man auch zwei Mädchen mitnehmen können.

Aus dem Puff an der Hörder Straße wird jetzt ein biederes Wohnhaus - ein Blick ins Innere

Zimmer 3 im Obergeschoss ist großzügig mit Spiegeln ausgestattet. © Reinhard Schmitz

In der Stadt rankten sich die Legenden, was hinter den verklebten Fenstern passiere. Eine Frau habe dort während des Verkehrs einen tödlichen Herzinfarkt erlitten, wurde erzählt. Oder von einem Stadtbediensteten, der angeblich seinen Schlüsselbund im Hausbrunnen verloren habe, der einst bis vor die Theke ragte. Was an diesen Geschichten dran ist, weiß keiner. In den 1990er-Jahren kamen dann nochmal „die Russen“. Die – so der Hausbesitzer – mieteten das komplette Etablissement sogar „all inclusive“ drei Tage lang für sich allein. Und blätterten dafür locker 20.000 Euro hin.

Frauen wurden heranchauffiert

Wenn nicht genug Frauen für den Besucherandrang da waren, wurden Kolleginnen aus anderen Clubs heranchauffiert. „Es gab Leute, die haben hier bis zu 20.000 Mark gelassen“, erzählt der Hauseigentümer von den Goldgräberzeiten der Bordellbranche. Damals habe es Leute gegeben, die ihm die Immobilie abkaufen wollten und 600.000 bis 700.000 Mark geboten hätten. Selbst beim Betreiberwechsel seien horrende Summen für die Übernahme des Inventars gefordert worden. Die Rede war zwischen 30.000 und 50.000 Euro. Nicht mit allen Betreibern hatte es der Hausbesitzer, der stets nur Vermieter war, einfach. Es habe auch Fälle von Kreditkartenbetrug und Schutzgeld-Erpressung von der Mafia gegeben, erzählt er: „Es war halt ein illegales Milieu, das sich da angesiedelt hat.“ Absolut ordentlich war indes der letzte Betreiber, mit dem vor einem Jahr die Rote Laterne erlosch. Er hinterließ die Räume quasi besenrein. Nur die Hinweise auf die Kondompflicht hängen noch an den Wänden. Genauso wie in der Waschküche die Anweisungen für das Sortieren der Laken und Handtücher, daneben der städtische Abfallkalender für die Müllabfuhr-Termine.

Massiver Tresor für Tankstellen-König

Ein paar vergessene Champagnerflaschen gibt es im Keller auch noch. Und einen massiven Tresor. Der stammt aber aus einer anderen Geschichte. Vor der Bordell-Ära hatte der Tankstellen-König Erhard Goldbach das 200 Quadratmeter große Haus zu seiner Villa umgebaut. Durch einen Schlitz in der Außenfassade konnten die Angestellten seiner 400 Goldin-Tankstellen die Kuverts mit den Einnahmen direkt in den Safe fallen lassen. Sehr praktisch, als der Chef sich vor der Justiz verstecken musste. Von seinem Insolvenzverwalter kaufte der jetzige Besitzer das Gebäude. Die luxuriöse große Marmor-Toilettenanlage, die Goldbach sich einbauen ließ, diente bis zuletzt als Damen-WC.

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