Auch in den sozialen Netzwerken gilt: Der Ton macht die Musik

dzKolumne „Jetzt mal unter uns“

Kritik ist die Würze lebendiger Demokratie. Doch wo hört die Kritik auf und fängt die Beleidigung an? Ein Plädoyer für alte Tugenden.

Lünen

, 21.12.2018, 18:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jogi Löw kennt das. Insbesondere nach bitteren Niederlagen besteht das deutsche Volk aus gefühlt 80 Millionen Bundestrainern, die es besser wissen. Das Phänomen gibt es auch in Lünen. Sobald eine Straße neu geplant, gebaut oder umgestaltet wird, könnte man glauben, alle Lüner seien Bauingenieure oder Verkehrsplaner – und die Leute im Rathaus inkompetente Nichtsnutze, die dafür auch noch Geld bekommen.

Kritik ist die Würze der Demokratie

Um nicht missverstanden zu werden: Kritik ist die Würze lebendiger Demokratie. Wir alle sind Bürger und keine Untertanen. Die praktische Erfahrung und der gesunde Menschenverstand sind, Stichwort Straßen, gute Ratgeber. Doch immer ist es der Ton, der die Musik macht. Es bedeutet für mich einen großen Unterschied, ob ich beispielsweise schreibe: „Was haben sich die Leute in der Verwaltung nur dabei gedacht?“ Oder ob ich schreibe: „Was haben sich diese beamteten Vollpfosten in der Verwaltung nur dabei gedacht?“

Kein Freifahrtschein

Das Recht auf freie Meinungsäußerung beinhaltet eben nicht den Freifahrtschein für Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede, Herabsetzung, Diffamierung. Doch in manchen, Gott sei Dank nicht in allen, Kommentaren in den sozialen Netzwerken scheint Respektlosigkeit eine Art Grundmelodie zu sein. Manchmal arbeiten sich die Nutzer an einem gemeinsamen Gegner ab, zum Beispiel an der Stadtverwaltung, manchmal teilen sie auch kräftig untereinander aus.

Beleidung ist ein Straftatbestand

Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede – das alles sind Straftatbestände. Leserbriefe mit derartigen Inhalten veröffentlichen wir nicht. Es gibt Autoren, die das als Zensur brandmarken und diesen Vorwurf schon mal vorauseilend erheben: „Das trauen Sie sich bestimmt nicht zu drucken…“ Sorry, wir halten uns nur an die Gesetze.

Während Leserbriefe mit strafbaren Inhalten gar nicht erst erscheinen, können beleidigende und verleumderische Posts in sozialen Netzwerken erst nachträglich gelöscht werden. Auch das tun wir bisweilen, wenn sich die Kommentare auf Beiträge unserer Redaktion beziehen und wir die Regeln für einen respektvollen Umgang untereinander verletzt sehen.

Meinungsäußerung vs. Persönlichkeitsrechte

Unser Rechtsstaat garantiert die freie Meinungsäußerung und schützt die Persönlichkeitsrechte. Beides gegeneinander abzuwägen, ist Aufgabe der Gerichte. Wir können ihnen Arbeit ersparen und einen wunderbaren Beitrag für unser Miteinander leisten, wenn wir uns an den uralten ethischen Grundsatz, die „goldene Regel“ erinnern: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“

Dass wir unsere Meinung äußern, dass wir Kritik üben, dass wir Standpunkte mit Leidenschaft vertreten und dies gleichzeitig sachlich und im Respekt vor der Person und der Meinung anderer tun, das wäre mein Wunsch für Weihnachten und das kommende Jahr. Mich treibt allerdings die Sorge um, dass sich dieser Wunsch nicht erfüllen wird.

Subjektiv, wertend oder politisch unkorrekt – RN-Redakteure sprechen freitags einmal „ganz unter uns“ über Themen, die sie und Lünen bewegen. Und freuen sich über andere Meinungen. Was halten Sie vom Umgangston in den sozialen Medien? Hinterlassen Sie einen Kommentar oder schreiben Sie unserem Autor: Peter.Fiedler@ruhrnachrichten.de
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