Anwohner sind schockiert: Waldstück am Gehrenbach im Gänsewinkel wurde gerodet

dzNaturschutzgebiet in Schwerte

Im Naturschutzgebiet am Gehrenbach im Gänsewinkel hat der Ruhrverband Bäume und Sträucher roden lassen. Anwohner fragen sich, ob das in so radikaler Art notwendig war.

Schwerte

, 09.02.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wo Anfang der Woche noch hohe Bäume und dichtes Gebüsch emporragten, liegen am Freitag Baumriesen flach, alle Sträucher wurden dem Erdboden gleichgemacht. Wie zum Trotz reckt ein einsames Kantholz sein grünes Schild „Naturschutzgebiet“ über das Tal, das eher aussieht wie ein Schlachtfeld.

Anwohnerin Annette Ki-Salmen kommen bei dem Anblick fast die Tränen: „Das sieht so gewaltsam aus.“

„Gebiet hat seinen Charakter verloren“

Seit 17 Jahren wohnt sie in einem Reihenhaus direkt neben dem Naturschutzgebiet im Gänsewinkel. Südlich der Gotenstraße plätschert dort idyllisch durch einen tief eingeschnittenen Lauf der Gehrenbach, der ein Stück weiter in den Mühlenstrang mündet. „Das ganze Gebiet hier hat seinen Charakter verloren. Das kann doch nicht im Sinne des Naturschutzes sein, eine ganze Fläche platt zu machen.“ Bisher blickte Annette Ki-Salmen aus dem Garten ihres Hauses in eine Baumkulisse. Davon sei nun nichts mehr zu sehen.

Das unter Naturschutz stehende bisher dicht bewachsene Grundstück gehört dem Ruhrverband. Der hatte bei der zuständigen Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Unna beantragt, an der Böschung zum Bach Verkehrssicherungsmaßnahmen durchführen zu können.

Im Oktober 2018 erteilte die Behörde hierzu die Genehmigung, wie Constanze Rauert, Sprecherein des Kreises Unna, am Freitag bestätigte. Für die Maßnahme sei das Gebiet auch vom Naturschutz befreit worden. Das sei in so einem Fall notwendig.

Sicherheit der Menschen hat Vorrang vor der Natur

Sie erinnert daran, dass auch ein Naturschutzgebiet keinesfalls sich selbst überlassen bleiben könne. Schließlich werden Naturschutzgebiete auch von Spaziergängern oder Landwirten betreten. „Die Sicherheit der Menschen hat Vorrang“, sagt Constanze Rauert. So passiere es mal, dass der Kreis mit tränendem Auge die Entfernung eines großen, landschaftsprägenden alten Baumes aus Sicherheitsgründen genehmigen müsse.

Anwohner sind schockiert: Waldstück am Gehrenbach im Gänsewinkel wurde gerodet

Sämtliche Bäume in dem Stück zwischen Spazierweg und Gehrenbach wurden gefällt, das Gehölz auf den Stock gesetzt. © Annette Theobald-Block

Auch im Gänsewinkel sei es um die Sicherheit der Spaziergänger gegangen, denn ein Spazierweg führt zwischen den Häusern und dem Waldgebiet entlang. Viele der Bäume seien krank gewesen, sagt Constanze Rauert. Die dürfen natürlich nicht auf den Gehweg stürzen. Eine Argumentation, die Annette Ki-Salmen nicht so ganz nachvollziehen kann: „Für mich sah das aus wie ein funktionierendes Ökosystem. Aber jetzt ist alles weg, wer soll das noch überprüfen.“

Ihrer Meinung nach hätte es gereicht, wenn man die Bäume oben an der Böschung gerodet hätte. „Der Wind kommt doch von Westen, das heißt, die Bäume würden eher in die andere Richtung die Böchung hinunter fallen.“ Auch Sakine Yildirim, deren Haus direkt an den Spazierweg grenzt, findet die Maßnahme zu radikal. „Ich freue mich zwar über ein bisschen mehr Licht im Garten, aber bis über den Bach hinweg alles abzuholzen, ist bertrieben.“

Nicht Kahlschlag, sondern Unterhaltungsschnitt

Constanze Rauert betont aber, dass so ein Vorgehen üblich und notwendig ist. „Das sieht zwar nach einem Kahlschlag aus, ist aber ein Unterhaltungsschnitt. Dazu werden die Gehölze auf den Stock gesetzt, also ganz tief bis zur Erde abgeschnitten. Ab März treiben sie dann um so kräftiger wieder aus. Die brauchen das auch mal, sonst entwickeln sie sich nicht weiter.“ Und es sei eben auch so, dass Bäume für Laien oft noch gesund aussehen, aber der Experte schon bei einem Blick nach oben erkennt, dass der Baum krank sei.

Annette Ki-Salmen tröstet das vorerst wenig. Ihr hätten die Männer, die dort mit schwerem Gerät und Harvestern arbeiten, auch gesagt, dass die Erlen und Weiden wieder austreiben. „Aber das waren so stattliche Bäume. Dass dort wieder eine richtige Baumkulisse steht, werde ich in meinem Leben nicht mehr erleben.“

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