Anna Gemünd: „Und wenn man nicht aufpasst, dann träumt man nachts noch von Traktoren“

Reporterin im Porträt

Es gibt Berufsstände, die unweigerlich mit dem Stereotyp „immer im Dienst“ verknüpft sind. Dazu gehören sicher Ärzte, Feuerwehrleute und Polizisten – aber eben auch Journalisten. Denn Reporter ist man immer und legt das nicht ab, wenn die Bürotür am Ende des Arbeitstages ins Schloss fällt.

Unna

, 14.02.2020, 11:33 Uhr / Lesedauer: 4 min
Anna Gemünd: „Und wenn man nicht aufpasst, dann träumt man nachts noch von Traktoren“

Reporterin Anna Gemünd bei der Arbeit im Home Office. © Udo Hennes

Szene: Ein Küchentisch in Königsborn, 7.45 Uhr, ein Montag. Eine junge Frau schiebt mit ihrem Daumen kleine Icons auf dem Display ihres Smartphones umher. Mit der rechten Hand hält sie eine Tasse umschlossen, von der unablässig eine kleine Dampffahne emporsteigt. Die Frau heißt Anna Gemünd, sie ist Reporterin beim Hellweger Anzeiger und wird gleich sehr schnell.

Abrupt kommt der Wischdaumen zum Stehen, der für Montagvormittag angekündigte Protestzug der Landwirte scheint früher loszugehen als gedacht. Anna nimmt schnell noch einen Schluck vom viel zu heißen Tee, dann ist sie auch schon zur Tür hinaus. Laptop, Jacke, Handy, Schlüssel, alles da. Unten vor dem Haus wartet schon der kleine Twingo.

In Windeseile haben beide die knapp sechs Kilometer zur Marie-Curie-Straße zurückgelegt. Das Gute, wenn man in der Stadt wohnt, in der man arbeitet: man kennt alle Schleichwege. Keinen Moment zu früh kommt die Reporterin am Gelände des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands an. Jeden Moment werden die ersten Protest-Trecker erwartet, die dort auf dem Weg nach Dortmund einen Zwischenstopp einlegen wollen.

Immer im Kontakt mit dem Redaktionschat

Über das Redaktionschatprogramm Teams hat Anna schon den Rest der Mannschaft informiert, dass sie vor Ort ist. Der Liveticker läuft, und jetzt kommen Annas Daumen wieder in Fahrt, als sie die erste Meldung absetzt. Für kleine Textbeiträge, wie sie etwa im Liveticker üblich sind, nutzen die Reporter oft nur das Smartphone, den Laptop klappen sie für längere Texte auf. Schnell noch ein Foto, und mit dem typischen „Klack“ wird der Handybildschirm schwarz und landet in der Jackentasche.

Anna reibt die Handflächen aneinander, haucht einen Atemzug sichtbare Luft durch die Finger und denkt ein wenig sehnsüchtig an die schöne Tasse Tee, die noch auf dem Königsborner Küchentisch steht und langsam auf Zimmertemperatur herunterkühlt. Heruntergekühlt wird so langsam auch die Reporterin: Es ist frisch an diesem klaren Novembermorgen und ein stetiger Wind pfeift durch das kahle Geäst der umstehenden Bäume.

Durch die morgendliche Stille dringt ein lauter werdendes Dröhnen, dann biegt der erste Schlepper um die Kurve. Jetzt ein Video, schnell ist das Smartphone wieder zur Hand und der kurze Clip im Kasten und hochgeladen. Immer mehr Traktoren kommen auf das Gelände gefahren. Aus den Führerhäuschen springen Männer in karierten Hemden und Arbeitshosen und strecken sich. Viele kommen aus dem Kreis Soest und Paderborn, und eine Treckerfahrt über 80 Kilometer ist schleppend. In Unna ist erst einmal Pause angesagt.

Der perfekte Zeitpunkt für die Reporterin, ein paar Infos einzuholen: „Wie war die Fahrt bis jetzt, irgendwelche Zwischenfälle? Wann geht es weiter?“ Ganz wichtig auch: „Welche Straßen sind wann genau blockiert und welche Umleitung können Autofahrer nehmen?“

So, jetzt aber erst mal in die Redaktion. Als Anna die Tür zum Konferenzraum öffnet, in dem gerade die morgendliche Videokonferenz läuft, ist die Redaktion in Kamen gerade damit fertig, ihre Themen des Tages vorzustellen. „Ah, unsere Landwirte-Versteherin“, begrüßt Volker Stennei die Reporterin und winkt sie herein. Der Chefredakteur grinst: „Super! Das Video haben wir alle schon gesehen und es steht auf der Startseite.“ Anna nickt: „Ich zieh mir mal die Jacke aus und schreibe dann den Rest.“

Überallarbeiterin Anna schreibt von unterwegs

Mit einem kleinen Umweg über die Teeküche geht es schnurstracks an den Schreibtisch. Eine weiße Tischplatte, darauf Tastatur und Maus, zwei Monitore und drumherum – wie es sich gehört – ein kleines bisschen geschäftiges Chaos. Richtig viel Zeit verbringt die Reporterin hier nicht. Anna ist eine Überallarbeiterin, schreibt ihre Geschichten gern von unterwegs, von zu Hause oder auch schon mal am Fahrbahnrand im Auto. Das kann nicht jeder.

Einige Kollegen brauchen zum konstruktiven Arbeiten das Feeling der Redaktion, den Trubel und vielleicht auch den Druck. Jemand, der oft in der Redaktion sitzt, ganz klassisch am Schreibtisch, ist Thomas Raulf. Er sitzt rechts neben Anna und befasst sich auch mit dem Thema Traktor-Proteste. Es geht um die Rückfahrt, die für den Nachmittag angekündigt ist. Kurze Absprache: „Da müssen wir rechtzeitig umschalten, sodass wir die Sperrungen auch wieder vorne haben, wenn die zurückkommen.“

Übersetzung: Es geht um die Darstellung der Berichte über die Traktoren-Proteste auf hellwegeranzeiger.de. Dort muss rechtzeitig, bevor die Sperrungen am Nachmittag den Verkehr wieder behindern, der neue Artikel über die Ankündigung der Rückreise den Bericht über die Hinfahrt auf der Startseite ablösen, damit der Leser die relevantesten Infos direkt sieht.

Dass dieses Thema die Menschen beschäftigt, erklärt sich schon durch den Umstand, dass viele Einschränkungen im Berufsverkehr hinnehmen müssen. Über Facebook schreiben einige Nutzer: „Viel Erfolg“ oder „Richtig so“ und posten eigene Bilder von dem Konvoi. Das Anliegen der Bauern ist ernst, sie fürchten um ihre Existenz, das verstehen viele, fühlen mit.

Der Rückweg des Trecker-Trosses, der zwischenzeitlich auf eine Länge von mehr als sechs Kilometern angewachsen ist, schlägt voll ins Kontor des Feierabendverkehrs. Die ganze B1, die Ost-West-Achse, ist dicht. Blaulichtfotograf Michael Neumann meldet sich mit einem neuen Video, das auch schnell in den Gesamtartikel eingebaut wird.

Der Arbeitstag besteht aber nicht nur aus Traktoren. Der Weihnachtsmarkt in Unna steht vor der Tür und Reporterin Anna hat sich schlaugemacht, was sich seit dem vergangenen Jahr verändert hat. „Ist der Glühweinpreis stabil, welche neuen Angebote gibt es, was muss man beachten in puncto Terrorschutz? Die Händler sind guter Laune und antworten freundlich auf die Fragen der Reporterin.

„Das ist ein tolles Service-Stück zum Auftakt“ und muss am besten heute noch raus, der Markt geht heute los. Die Finger fliegen, denn um 17 Uhr ist eine Sondersitzung zum Kulturentwicklungskonzept.

Der Kulturausschuss tagt im Rathaus. „Das schreibe ich dann von zu Hause“, ruft Anna noch in die Redaktion, als sie schon halb zur Tür hinaus ist.

Die Möglichkeit, sozusagen von überall und immer arbeiten zu können, kann Be- und Entlastung zugleich sein. Denn während man auf der einen Seite von zu Hause aus seine Texte fertigstellen kann, während man zum Beispiel auf einen Handwerker wartet, oder auch in der Bahn oder im Wartezimmer beim Arzt online seine Artikel schreiben kann, ist es auf der anderen Seite ganz wichtig, den Laptop auch mal zuklappen zu können und Feierabend zu haben, denn wenn man nicht aufpasst, dann träumt man nachts noch von Traktoren.

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