„Armut, das passiert mir doch nicht“ - so denken wohl viele. Eine Lünerin, gerade Mitte 30, macht sich dennoch Sorgen über ihre Zukunft. Obwohl es ihr eigentlich gar nicht so schlecht geht.

Lünen

, 18.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Eine langjährige Partnerschaft endet, man trennt sich. Oder der Partner stirbt. Die Wohnung wird teurer. Man wird längerfristig krank. Alles Ursachen dafür, dass jemand mit seinem Einkommen nicht mehr auskommt. Anna Müller (Name geändert) ist 35, hat ein Studium absolviert und eine unbefristete Stelle. Ihr geht es eigentlich gut. Aber immer wieder grübelt sie, wie es finanziell weitergeht, ob sie möglicherweise im Alter von Armut bedroht sein könnte.

„Ich habe an meiner Mutter gesehen, wie schnell das gehen kann“, erzählt Anna. Ihre Mutter ist Arzthelferin, arbeitete aber 15 Jahre nicht, weil sie sich um Anna und ihre Geschwister kümmerte. Ihr Mann verdiente genügend, um die Familie gut zu versorgen, die in einem eigenen Haus lebte und mehrmals im Jahr in den Urlaub fuhr.

„Das ist ein großes Problem“

Dann trennten sich die Eltern. Annas Mutter behielt die Kinder, nahm eine Halbtagsstelle an. Allerdings bekam sie nur einen befristeten Vertrag. Und so ging es auch weiter, sie musste immer wieder die Halbtagsstelle wechseln.

„Das ist ein großes Problem“, weiß Katharina Lorenz, Aufsuchende Hilfe der Stadt Lünen. Die „typischen Frauenberufe“ bedeuten, dass Frauen zwar viel arbeiten, aber wenig verdienen und damit entsprechend wenig Rente bekommen bzw. erwarten.

In ihrem Arbeitsalltag trifft sie häufig auf Menschen, die erst als Rentner merken, dass es nicht reicht, oder dass sie, wenn der Partner stirbt, finanziell nicht mehr zurecht kommen. Zum Problem kann auch die Wohnung werden, wenn die Miete steigt. „In der Geist hat sich nicht jeder über die Modernisierung der Häuser gefreut, denn dadurch werden die Mieten teurer. Mancher hat Angst, dass er sich dann die Miete für seine Wohnung nicht mehr leisten kann - aber darüber zu sprechen, fällt vielen schwer. Es ist wichtig, dass diese Menschen Informationen - gerne auch vor Ort im Stadtteil - bekommen und annehmen, ohne dass da das Schlagwort Armut steht.“

Für Anna, ihre Mutter und Geschwister bedeutete die Trennung der Eltern auch eine Veränderung beim Zuhause: „Wir sind in eine kleinere Wohnung gezogen, die noch dazu in einem Brennpunkt-Stadtteil lag.“ Bezahlbarer Wohnraum ist wichtig, sagt Lünens Fachdezernent Ludger Trepper. „Die politischen Weichenstellungen müssen jetzt erfolgen, wir brauchen öffentlich geförderten Wohnungsbau.“ Wichtig, so Trepper seien auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Arbeitsmarkt der Zukunft und die Erwerbsbiografien, um Armut im Alter zu verhindern. Bildung sei die beste Prävention, ein guter Job die beste Voraussetzung.

Geld fürs Masterstudium zusammengespart

Anna entschied sich nach dem Abitur für ein soziales Studium, dachte nicht über eine Alternative nach, die später mehr Einkommen versprach. „Ich kannte die Sozialarbeiter aus dem Jugendzentrum, konnte mir unter dieser Arbeit also etwas vorstellen.“ Nach dem Bachelorabschluss absolvierte Anna noch ein Masterstudium, dessen Kosten sie sich selbst zusammengespart hatte. Mit wenig Geld auszukommen, war für sie nichts Ungewöhnliches.

Sie lernte eine Kommilitonin kennen, deren Lebenslauf sie zum Nachdenken brachte. „Sie hatte eine gute Stelle in Berlin, lernte dann einen Mann kennen, verliebte sich in ihn, wurde schwanger. Ihr Mann darf nicht arbeiten, weil er geflüchtet ist, die Miete ihrer Wohnung zog an - in kürzester Zeit geriet sie an die Armutsgrenze.“

Aus der Erfahrung von Beate Lötschert, Abteilungsleiterin Wohnen und Soziales der Stadt Lünen, sind eher Menschen von Armut bedroht, deren Einkommen knapp so hoch ist, dass sie keine Grundsicherung bekommen. „Sie können nicht zur Tafel, werden auch nicht von den Rundfunkgebühren befreit.“

Wenn Menschen bei der Stadtverwaltung Hilfe suchen, die Grundsicherung bekommen, und die Mitarbeiter sehen, dass sie verschuldet sind, „verweisen wir sie an die Schuldnerberatung“. Oder durch die aufsuchenden Hilfen wird klar, dass es im häuslichen Umfeld Verbesserungsbedarf gibt. Lötschert: „Aber diese Möglichkeiten haben die Menschen, die knapp keine Grundsicherung bekommen, eben nicht.“

Große Wohnung nach Trennung behalten

Bei Anna lief beruflich alles gut. Sie hat mittlerweile eine unbefristete Stelle. Dann trennte sie sich von ihrem langjährigen Freund. Anna behielt die gemeinsame Wohnung, weil sie sich dort wohl fühlt. Auch wenn sie eigentlich für eine Person zu groß und vor allem zu teuer ist. „Natürlich hab ich schon daran gedacht, ob es nicht sinnvoller wäre, umzuziehen. „Aber da wäre der teure Umzug, wahrscheinlich müsste ich mir eine neue Küche kaufen und möglicherweise würde ich auch nur eine Wohnung in einer schlechteren Gegend finden.“ Um derzeit mehr Geld zum Leben zur Verfügung zu haben, hat sie den Beitrag ihrer privaten Lebensversicherung reduziert, was sich dann allerdings im Alter wieder „rächen“ wird.

Ist drohende Armut ein Thema bei Menschen um die 30, Mitte 30? Für Anna und ihren Freundeskreis schon. „Man tauscht sich offener aus im Bekanntenkreis. Wir haben alle studiert, aber irgendwie ist doch keiner so richtig angekommen.“

Wenn am Ende des Monats nicht mehr so viel Geld im Portemonnaie ist, überlegt sie schon, ob sie Freunde zu sich einlädt.

Anna (35): „Ich bin nicht arm, aber ich lege es gerade darauf an“

Sparen ist angesichts von hohen Mieten und teuren Lebenshaltungskosten nicht mehr so einfach. © picture alliance / Andrea Warnec

Weil sie diese gerne bewirten würde, dafür das Geld aber nicht reicht. Als sie noch mit ihrem Freund zusammenlebte, ist Anna gern essen gegangen oder ins Kino. Heute überlegt sie sich das, weil es doch ins Geld geht. „Ich würde mich selbst nicht als arm bezeichnen, aber ich lege es gerade darauf an“, sagt Anna. Ganz selbstkritisch.

Ein Spagat, an dem viele scheitern werden

Sie möchte weder auf ihre Wohnung noch auf Treffen mit Freunden oder Urlaub verzichten, nur um mehr für ihr Alter zu sparen. Das Leben jetzt genießen und gleichzeitig an später denken und vorsorgen - das ist ein Spagat, an dem viele Leute scheitern werden.

Alle ihre Freundinnen, die Kinder bekommen haben, sind nach einem Jahr wieder arbeiten gegangen. Nicht, weil sie es unbedingt wollen, sondern weil es sonst finanziell schwierig wäre. Nur eine Freundin Annas macht es anders: „Sie hat studiert, zwei Jahre gearbeitet und mittlerweile das zweite Kind. Sie arbeitet nicht, hat mit ihrem Mann ein Haus und hofft, dass er sie nicht verlässt, weil sie sonst finanziell vor dem Nichts stehen würde.“

Annas Mutter ist mittlerweile über 60. Sie setzt auch auf ihre Kinder, darauf, dass sie nicht alleine da steht, wenn es im Alter finanziell knapp wird. Weil sie lange in der Familienzeit war und danach nur halbtags arbeiten konnte, um sich als Alleinerziehende um ihre Kinder gekümmert hat.

Die Zahl der älteren Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen sind, wird steigen, weiß Lünens Sozialplaner Thomas-Maximilian Kiezkowski. Obwohl die Frauen inzwischen viel öfter arbeiten als in früheren Generationen, aber oft noch halbtags oder in schlechter bezahlten Berufen. Und es kommen die Babyboomer, die Menschen, die in den 1960er-Jahren geboren wurden, ins Rentenalter.

Einsamkeit droht

Soziale Armut wie Einsamkeit und Ausgrenzung kann man nicht messen. Armut macht auch einsam und krank, das hat Anna bei ihren Großeltern gesehen. „Wenn man arm ist, dann zieht man sich zurück, pflegt keine Kontakte“, erlebt auch Katharina Lorenz in ihrem Job. Dieser „sozialen Armut“ könne man mit Senioren-Netzwerken in der Nachbarschaft vor der Haustür entgegentreten, die es in Lünen in großer Zahl gibt, so Trepper. Arme Menschen haben „erwiesenermaßen deutlich weniger soziale Kontakte. Dabei ist es gerade wichtig, Kontakte zu Leuten zu haben, die sich auskennen mit wichtigen Infos, wenn man finanzielle Sorgen hat.“

Anna (35): „Ich bin nicht arm, aber ich lege es gerade darauf an“

Einsamkeit kann auch eine Folge von Armut sein. © picture alliance/dpa

Anna hofft, dass ihr das Schicksal Armut erspart bleibt - auch im Alter. Und dass sie mit 80 das Leben tatsächlich mit Gelassenheit sehen kann, wie sie es sich heute wünscht.

  • Laut Experten liegt die Quote der Menschen, die die ihnen zustehende Grundsicherung nicht beantragen, bei 60 Prozent.
  • Zum 31.12.2017 haben in Lünen 746 Menschen im Alter von über 65 Jahren Grundsicherung bezogen, das waren vier Prozent der über 65-Jährigen. 2013 waren es 3,5 Prozent.
  • Derzeit liegt der NRW-Durchschnitt bei 3,9 Prozent und im Kreis Unna bei 3,1 Prozent.
  • In Dortmund beziehen 6,4 Prozent der über 65-Jährigen Grundsicherung. Selbst im reichen München liegt die Quote noch bei über vier Prozent.
  • Betroffen von Armut sind vor allem Frauen, aber auch ältere Migranten und Menschen in „prekären Lebenssituationen“ (Arbeitslosigkeit, Lücken im Erwerbsleben, Teilzeit).
  • Schwerpunkte des Grundsicherungs-Bezugs der über 65 -Jährigen sind in Lünen in Gahmen (6,3 Prozent), im Geistviertel (7,4 Prozent), Stadtmitte (6,4 Prozent), Lünen-Nord (6,1 Prozent) und im Osterfeld (4,7 Prozent).
  • Die nördlichen Stadtteile sowie Horstmar und Niederaden verzeichnen deutlich weniger ältere Menschen, die Grundsicherung beziehen.
Quelle: Sozialplaner der Stadt Lünen
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