Angehörige waren bei der Stolperstein-Verlegung den Tränen nahe

Erinnerung an die NS-Zeit

Neun Stolpersteine wurden in Brambauer verlegt und sollen an die Opfer des NS-Regimes erinnern. Angehörige der Opfer kamen aus Krakau, London und Wermelskirchen und erinnerten sich.

Brambauer

, 28.10.2018, 16:36 Uhr / Lesedauer: 3 min
Angehörige waren bei der Stolperstein-Verlegung den Tränen nahe

Am Sonntag (28.10) wurden in Brambauer neun Stolpersteine verlegt. © Victoria Maiwald

Erika Krikau hofft, dass es nie wieder so schlimme Zeiten geben wird. Sie ist die Enkelin des Bergmanns Stanislaus Rura - er wurde 1941 im Konzentrationslager Dachau ermordet. Während der Stolperstein am Sonntag vor dem Haus an der Karl-Haarmann Straße 90 verlegt wird, erinnert sich die 90-jährige Enkelin an ihren Großvater. „Mein Opa sprach immer gerne polnisch. Das wurde ihm zum Verhängnis.“

1939 betrat Stanislaus Rura eine Brambauer Gaststätte mit den Worten „Noch ist Polen nicht verloren“, es sind die Anfangszeilen der polnischen Nationalhymne. Das genügte für eine Anzeige bei der Gestapo. Im selben Jahr wurde er abgeholt und zur Steinwache Dortmund gebracht. Danach in das Konzentrationslager Sachsenhausen und schlussendlich in das KZ Dachau.

Angehörige waren bei der Stolperstein-Verlegung den Tränen nahe

In der Hausnummer 90 der Karl-Haarmann Straße hat Erika Krikau (90) mit ihrem Großvater Stanislaus Rura gelebt. Er wurde 1941 in Dachau ermordet. © Victoria Maiwald

„1941 bekamen wir die Urne mit der Asche meines Großvaters, mit dem Hinweis er sei der 887. Verstorbene gewesen. In zwei Monaten sind in Dachau fast 900 Menschen ermordet worden.“ Weiter erinnert sich die Enkelin an die Beisetzung Ruras. „Es war schrecklich. Die Gestapo sperrte die Zugänge zum Friedhof ab, sodass nur einige enge Angehörige dabei sein konnten. Und bei der Beisetzung durfte der Name meines Großvaters nicht genannt werden.“ Außerdem wurde der Katholik Stanislaus Rura in der sogenannten „Freidenker-Ecke“ des Friedhofs beigesetzt. Dann verabschiedet sich Erika Krikau von ihrem Großvater, „Witaj, Boże - Grüß Gott, Opa.“

Rund 50 Menschen nehmen teil und gedenken der NS-Opfer, während am Sonntag an drei Orten Stolpersteine verlegt wurden.

An der Waltroper Straße 32 wurden vier Steine für die Familie Haberberg verlegt. Dort lebte das Ehepaar Alter Bernhard und Fella Haberberg mit ihren Söhnen Manfred und Herbert. Während einer Ausweisungsaktion von polnischen Juden wurde die Familie von der Gestapo verhaftet und über das Polizeirevier Brambauer in die Dortmunder Steinwache und später nach Polen in ein Auffanglager gebracht. Im Lager Kattowitz wurden die Kinder von den Eltern getrennt und nach England überführt, wo der 94-jährige Herbert Haberberg heute noch lebt.

„Ich bin ein Brambauer“

Zur Verlegung der Stolpersteine kamen die Söhne sowie weitere Familienangehörige von Manfred und Herbert Haberberg. „Ich bin zwar nicht in Lünen aufgewachsen, dennoch bin ich ein Brambaueraner“, sagt Alan Haberberg, er ist der Sohn von Manfred Haberberg und wohnt inzwischen in Krakau. Sein Cousin Adrian Haberberg lebt noch in London. „Mir fehlen die Worte. Während die Steine verlegt wurden, war ich den Tränen nahe. Es bedeutet mir und meiner Familie so viel, dass die Menschen so zahlreich gekommen sind, um der Opfer zu gedenken.“

An der Waltroper Straße wurden vier Steine verlegt, für die ermordeten Eltern Alter Bernhard und Fella sowie für die beiden Söhne Manfred und Herbert. Die Söhne wurden zwar nicht ermordet, aber auch sie waren Opfer des NS-Regimes, sie wurden gewaltsam von ihren Eltern getrennt und in ein fremdes Land geschickt.

Angehörige waren bei der Stolperstein-Verlegung den Tränen nahe

Die Familie Haberberg ist extra aus London und Krakau angereist. © Victoria Maiwald

„Wir haben uns bewusst dafür entschieden, auch diesen Opfern einen Stein zu widmen. Sie sind zwar mit dem Leben davon gekommen, sind durch die Erlebnisse aber schwer traumatisiert. Das hat sie das ganze Leben lang begleitet“, erklärt Udo Kath vom Arbeitskreis Lüner Stolpersteine.

Auch für die Familie Portje wurden vier Steine verlegt, ein paar Häuser weiter an der Waltroper Straße 62. Der Holländer Alfred Portje führte hier an der Waltroper Straße eine Metzgerei und ein Haushaltswarengeschäft. Nach dem Boykottaufruf der Nazis musste er die Geschäfte im Jahr 1936 und 1937 aufgeben. Zuvor versuchte er noch, mit ehemaligen Kunden und Nachbarn zu sprechen und sie zur Vernunft zu bringen - vergebens. Später im Jahr 1937 floh er mit seiner Frau Erna und seinen zwei Kindern Günter und Helga nach Holland, um zu dort überleben.

Angehörige waren bei der Stolperstein-Verlegung den Tränen nahe

Das sind die Steine für die Familie Portje. © Victoria Maiwald

Um sich der Verhaftung zu entziehen, versteckte sich die Familie drei Jahre lang in einer Bodenkammer der Dorfkirche in Den Helder. Der Sohn Günter Portje versteckte sich woanders in Holland, 1941 wurde er von der Gestapo festgenommen und von Arnheim nach Auschwitz deportiert und dort getötet. Warum er sich getrennt von seiner Familie versteckt hat, ist nicht bekannt. Die Eheleute sowie die Tochter Helga konnten überleben. Wie bei den Haberbergs bekommen auch die überlebenden Familienmitglieder einen Stein zur Erinnerung an die traumatischen Erlebnisse der NS-Zeit.

Die Stolpersteine sind durch Patenschaften finanziert. Sponsoren waren die Katholische Kirchengemeinde Herz Jesu Brambauer, Tedi GmbH, Michael Kupczyk (Filmemacher), Michael Haustein (SPD-Fraktionsvorsitzender), das Awo-Seniorenzentrum „An der alten Gärtnerei“, die Steinbock-Apothe, die Brami-Gemeinschaft und der AWO-Ortsverein Brambauer. Ein Stein kostet 120 Euro. Das Erinnerungsprojekt der Stolpersteine wurde von dem Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen. Die kleinen Gedenktafeln sollen an das Schicksal erinnern, die während der NS-Zeit verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Bisher gibt es über 70.000 Stolpersteine in Deutschland. In Lünen gibt es nun 23.
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