Als die roten Fahnen über Selm wehten

dzAbschied vom Bergbau

„Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten“, schallt es am 9. November 1918. Karl Liebknecht lässt in Berlin die rote Fahne wehen, genau wie Hugo May in Bork.

Selm

, 09.11.2018, 15:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Frieden liegt in der Luft an diesem Herbsttag 1918. Endlich. Vier Jahre lang tobt schon der Krieg: einer, wie ihn die Welt so noch nicht erlebt hat. Historiker werden später schaudernd die Toten zusammenzählen: neun Millionen Soldaten und etwa sechs Millionen Zivilisten. Sie werden von der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts sprechen, die einem Zeitalter der Extreme den Weg bereitet: mit Faschismus, Bolschewismus und einem zweiten Weltkrieg, der noch blutiger werden wird. Hugo May, der Bergmann von Zeche Hermann, kann das alles an diesem Novembertag nicht ahnen. Er hat auch keine Zeit, lange zu grübeln. Denn es gilt, eine historische Chance zu ergreifen. Und die rote Fahne.

„Aus einem ehrenvollen Kampf, auch wenn er ein Todeskampf sei in diesem Kriege, wird (...) eine deutsche Zukunftsflotte hervorwachsen.“ So hat es Konteradmiral von Trotha zwei Wochen zuvor formuliert – zusammen mit dem Befehl an die Hochseeflotte, von Wilhelmshaven aus in Richtung Themsemündung auszulaufen: ein Himmelfahrtskommando. Und die Initialzündung zum Umsturz im gesamten Reich.

Von Kiel aus tragen Matrosen die Bewegung südwärts. Über Köln, wo sich am 7. November der Großteil der 45.000 Mann starken Garnisonsbesatzung den Aufständischen anschließt, geht es in die Städte des rheinisch-westfälischen Raumes. Revolutionäre Räte, die die Verantwortung an sich reißen, schießen wie Pilze aus dem Boden.

Tausende versammelten sich

Mitarbeiter der Historischen Kommission für Westfalen haben anlässlich des 100. Jahrestags der Ereignisse nachgezählt: Allein für Westfalen-Lippe seien mehr als 800 Arbeiter-, Soldaten-, Bauern- und andere Räte nachzuweisen. Einer davon in Selm. An seiner Spitze steht Hugo May: ein Revoluzzer mit Augenmaß, wie sich beim Marsch nach Bork zeigt.

Tausende sind es, die sich in Beifang versammelt haben, rote Fahnen schwenken und zum Amtshausplatz marschieren. Hinter den Selmer Bergleuten liegt eine entbehrungsreiche Zeit: Die jungen Männer waren an der Front. Die Kumpels, die zuhause blieben, mussten für sie mitarbeiten. Statt 309 Schichten pro Jahr hatte jeder Hauer auf Zeche Hermann 343 Schichten zu fahren: tägliche Maloche auf Zeche Elend für die Rüstungsindustrie – und das bei steigenden Preisen und schlechter Versorgung. Und bei einer Betriebsleitung, die mehr auf den eigenen Gewinn als auch das Wohl der Kumpel bedacht ist.

May weiß das alles. Er ist einer von ihnen. Er weiß aber auch, dass ein Bürgerkrieg die Situation nicht verbessern würde, im Gegenteil. Wie Friedrich Ebert in Berlin, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und bald erster Reichspräsident der Weimarer Republik, setzt auch der Selmer SPD-Vorsitzende auf Besonnenheit. Mit elf anderen Männern stellt er die Belegschaft des Amtshauses unter seine Kontrolle, während die große Menschenmenge draußen bleibt.

„Nachmittags wurde mit den Zechenvertretern verhandelt und die 8-Stunden-Schicht über Tage zugesichert“, heißt es in einem zeitgenössischen Zeitungsartikel. Wie zuvor die Beamten hätten sich auch die Zechenvertreter und -beamte zur Zusammenarbeit bereit erklärt. Später gibt es auch Versammlungen mit den Landwirten und Geschäftsleuten. „Ausschreitungen sind nicht vorgekommen“, berichtet der Journalist der Lüdinghauser Zeitung. Dort ist in den nächsten Wochen die Arbeit des Arbeiter- und Soldatenrates regelmäßig Thema: die Fortschritte bei der Lebensmittelversorgung, die Kontrolle an den Bahnhöfen und die Beschlagnahmung von geschmuggeltem Mehl, Eiern und Kartoffeln.

Fahne erregt Anstoß

Am 11. November wird der Waffenstillstandsvertrag abgeschlossen. In Selm greift man aber kurz danach schon wieder zu den Waffen. Als Soldaten massenhaft heimwärts ziehen, kommt eine Artillerieabteilung durch Bork, bezieht dort Quartier – und nimmt Anstoß an der roten Fahne am Amtshaus. Die Soldaten fordern Amtmann Busch auf, die Fahne abzunehmen. Der lehnt es ab, wie gefordert die Schlüssel zum Balkon herauszugeben. Die Uniformierten marschieren zum nahen Hof Sonnen, besorgen sich eine Leiter und nehmen die Fahne von außen ab. Vor einer wachsenden Menschenmenge - es ist Sonntag und die Borker gehen zur Kirche - „entfalteten die Artilleristen die Fahne und ließen sie unter dem Beifall der Zuschauer in Flammen aufgehen“, heißt es in der Borker Ortschronik.

Cappenberger, die davon hörten, werden auch applaudiert haben. Denn sowohl in Cappenberg als auch in Bork haben sich inzwischen Bürgerwehren gebildet: rund 300 Männer, zum Teil mit Militärgewehren bewaffnet, bereit, ihr Eigentum zu verteidigen gegen mögliche Plünderer, aber auch ihre bürgerlich-konservativen Überzeugungen gegen die roten Widersacher. Dass sie bereit sind, die Waffen einzusetzen wird sich im Frühjahr 2019 zeigen.

Der Bergmann Fischer Beifang sei „durch eine Kugel in den Kopf getroffen“ worden, ist in der Zeitung zu lesen. Ob Fischer die Cappenberger Bürgerwehr angegriffen habe oder nur einen Signalschuss abgeben wollte, bleibt ungeklärt. Nicht nur zwischen Arbeitern und Landvolk brodelt es.

Radikalere Forderungen

Während die Arbeiter- und Soldatenräte der Region Ende 1918 noch für Lohnerhöhungen und bessere Versorgung gekämpft haben, sind es Anfang 1919 zunehmend radikalere Forderungen: nach der Enteignung der Bergwerksbosse und die Sozialisierung der Zechen, nach einem kommunistischen Staatssystem. An mehreren Orten Westfalens kommt es zu gewaltsamen Ausschreitungen, Straßenkämpfe und Plünderungen. General von Watter, Kommandeur des VII. Armeekorps in Münster, lässt im Februar Freikorps ins Ruhrgebiet einmarschieren. Sie schlagen die Unruhen mit brutaler Gewalt nieder. Unter den Opfern: auch der Selmer Bergmann „Jendreiczack von der Teichstraße“, wie es in einem Zeitungsartikel von damals steht. Er habe an einer Delegiertenkonferenz in Werden teilgenommen, als Regierungstruppen angeblich ohne Grund in den Saal schossen.

Am 1. April 1919 wird ein Generalstreik ausgerufen: der größte Ausstand im Ruhrgebiet. Auch auf Zeche Hermann ruht die Arbeit weitgehend. 873 Männer sind im Ausstand. 215 sind bereit zu arbeiten - unter dem Schutz von inzwischen eingetroffenen Regierungstruppen. Am 25. April beenden die Bergleute den Streik - ohne Erfolg.

Mit dem Entstehen der jungen Weimarer Republik endet die Zeit, als die rote Fahne über Bork und andernorts wehte: ein Kapitel deutscher Geschichte, das in Geschichtsbüchern immer wieder als „halbe Revolution“ verunglimpft wird – zu Unrecht, wie Wilfried Reininghaus für die Historische Kommission Westfalen betont. Denn die Errungenschaften wirkten bis heute nach: „Im Januar 1919 (fanden) erstmals allgemeine freie Wahlen auf der Kommunalebene statt, an denen Frauen und Männer über 20 Jahre teilnehmen durften. Das Dreiklassenwahlrecht wurde abgeschafft.“ Die Revolution 1918/19 sei deshalb „auch ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Demokratie.“ Hugo May hätte das gerne gehört.

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