Als die Kumpel in Selm noch mit einem besonderen Getränk einfuhren

dzBergleute

Auch wenn die Gaststätte „Zur Hermannshöhe“ schon lange nicht mehr existiert, ist sie auch heute in Selm noch ein Begriff. Das mag unter anderem an einem besonderen Schmankerl liegen.

Selm

, 27.12.2018, 05:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eins ist sicher. Über die Gaststätte Hermannshöhe an der Ecke Buddenberg-/Breite Straße zu schreiben, ist keine trockene Angelegenheit. Im aktuellen Fall liegt das an Geschichte und Geschichten dieser Kneipe. Und an der Frau, die dem Reporter erzählt, wie das damals war, als die Hermannshöhe noch regelmäßiger Anlaufpunkt für Bergleute war.

Als die Kumpel in Selm noch mit einem besonderen Getränk einfuhren

Erika Olbrich kann sich gut an die Zeit erinnern, als Bergleute noch in die Kneipe Zur Hermannshöhe kamen. © Arndt Brede

Gastwirtsenkelin erinnert sich

Erika Olbrich ist die Enkelin des ersten Gastwirts der Hermannshöhe, Fritz Roeder. 1908 wurde das Haus erbaut. Ein Jahr später begann man, auf der Zeche Hermann in Sichtweite der Kneipe Kohle zu fördern. Fortan hatte Gastwirt Roeder treue Kunden. Erzählt Erika Olbrich. 1938 geboren, erlebte sie ihren Opa nicht mehr sehr lang. „Er ist früh gestorben.“ Doch in der Familie kursieren aus der Hochzeit der Zeche Hermann und der Kneipe Zur Hermannshöhe die bemerkenswertesten Anekdoten. Tauchen wir mal gemeinsam ein in diese Zeit. „Sie war eigentlich von Anfang an eine Bergleute-Gaststätte“, berichtet Erika Olbrich. „Schon früh hat sich aber heraus kristallisiert, dass die Betriebsführer, Steiger und Direktoren nicht gern zusammen mit den Bergleuten in der Gaststätte sitzen wollten. Damals, auf der Zeche, wurde die Hierarchie groß geschrieben.“ Also richteten die Roeders für die hohen Herrschaften die Räume hinter der Gaststätte so ein, dass die Honoratioren der Zeche Hermann unter sich bleiben konnten. Diese Räume hatten eine Besonderheit: „An den Wänden hingen Karikaturen, die auch die Betriebsführer auf den Arm nahmen.“ Erika Olbrich hat versucht, herauszufinden, wer diese Karikaturen gezeichnet hat: „Ich habe es nicht geschafft.“

Als die Kumpel in Selm noch mit einem besonderen Getränk einfuhren

Karikaturen wie diese hingen im extra für die Bergbau-Oberen eingerichteten Trakt der Kneipe "Zur Hermannshöhe". © Repro Arndt Brede

Schnaps aus der Pumpe um 4 Uhr morgens

Und während hinten die höheren Posteninhaber der Zeche tagten, saßen vorn die Kumpel in der Kneipe und tranken Bier. Aber nicht nur das, wie Erika Olbrich berichtet: „Mein Großvater hatte links von der Theke einen Schalter, hinter dem er gesessen hat. Vor ihm war eine Pumpe. Und aus dieser Pumpe goss er den Bergleuten Schnaps ein.“ Und zwar schon ab 4 Uhr morgens, wie Erika Olbrich von ihrem Vater Karl erfahren hat. „Die Bergleute hatten ja meist Blechkannen mit einer schmalen Öffnung, die mit Tee gefüllt war. Wenn sie dann morgens vor der Schicht auf der Zeche zu meinem Opa kamen, gossen sie den Tee, den sie von ihre Frauen mitbekommen hatten, aus und mein Opa füllte ihnen Schnaps ein.“ Den Schnaps habe Fritz Roeder von einer heimischen Brennerei liefern lassen. „In Tankwagen, ähnlich den heutigen Güllefahrzeugen“, erzählt die 80-Jährige lächelnd. „Ohne Alkohol hielten die Bergleute die Zeche ja gar nicht aus“, meint Erika Olbrich. Einigen der Kumpel sei der Schnaps nicht stark genug gewesen. „Da hat mein Großvater Pfeffer in die Schnapsfässer im Keller getan, und da war der Schnaps gerade richtig.“ Bezahlt haben die Kumpel bei Fritz Roeder, wenn sie Lohn bekommen hatten. „Bis die Zeche stillgelegt wurde, ist die Gaststätte sehr, sehr gut frequentiert worden“, erzählt Erika Olbrich. Ob die Frauen der Bergleute von diese Schnapsritualen am frühen Morgen wussten? Erika Olbrich zuckt mit den Schultern: „Wenn die Frauen gewusst hätten, dass ihre Männer den Tee weggeschüttet und Schnaps genommen haben, kann man sich ja vorstellen, was passiert wäre...“.

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An der Ecke Buddenberg-/Breite Straße stand die Gaststätte "Zur Hermannshöhe". © Repro Arndt Brede

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Heute ist das Gebäude der ehemaligen Gaststätte ein Wohnhaus. © Arndt Brede

Über der Kneipe geboren

Fritz Roeder führte die Kneipe bis in die 1930er-Jahre. 1938 wurde Erika Olbrich geboren worden. „In der Etage über der Gaststätte“, erzählt sie. Ihr Vater Karl hatte die Gaststätte von seinem Vater übernommen, verpachtete sie aber zunächst, weil er mit seiner Frau Anni nach Bergkamen wechselte, um eine Gaststätte zu übernehmen. Später - Ende der 1940er-Jahre - kamen Anni und Fritz Roeder zurück, renovierten die Gaststätte und führten sie weiter. Bis ihre Eltern sie 1961 verkauften. Für die junge Erika war es ganz normal, in der Gaststätte zu sein „Ich habe mitgeholfen, sonntags war Tanz, da war viel zu tun.“ Denn auch nachdem Selms damals größter Arbeitgeber, die Zeche Hermann, 1926 geschlossen hatte, kamen Bergleute in die Hermannshöhe. „Es waren aber nicht mehr so viele, denn Selm war ja Notstandsgemeinde“, erzählt Erika Olbrich. „Es gab große Arbeitslosigkeit.“

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So wurde einst für Tanzveranstaltungen in der Hermannshöhe geworben. © Repro Arndt Brede

Und doch kamen die Kumpels, um ein Bierchen zu trinken. Das junge Mädchen zwischen all den erwachsenen Männern: wie war das für Erika Olbrich damals? „Die Kumpel haben zu meinem Vater immer gesagt: ,Karl, wir passen auf deine Tochter auf‘.“

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Für die Herbstfeste wurde der Saal der Hermannshöhe festlich geschmückt. © Repro Arndt Brede

Erinnerungen an die Notstandszeit

All diese Erinnerungen kann Erika Olbrich mit kaum noch jemandem teilen: „Die Generation derer, die zu uns in die Kneipe gekommen sind, ist ja ausgestorben.“ Höchstens mit ihren Schulkolleginnen von einst kann sie über diese Zeit sprechen. Über die Armut, die herrschte. „Wenn in einer Familie das siebte Kind geboren wurde, und es war kein Geld da, um Windeln zu kaufen, ist mein Vater losgegangen, um Windeln zu kaufen. Ihm ging es immer darum, dass es den Kindern gut ging.“

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Die Familie Roeder mit Fritz Roeder (sitzend 2.v.r.), dem ersten Wirt der Gaststätte "Zur Hermannshöhe", und seinem Sohn Karl (hinten l.). © Repro Arndt Brede

Armutszeit darf nie wiederkommen

Diese Erinnerungen, gerade an die Zeit großer Armut in Selm, haben Erika Olbrich geprägt. 1969 trat sie in die SPD ein. „Ich dachte, dass ich zwar nicht die Welt verändern , aber ein bisschen dazu beitragen kann, dass gerade hier am Ort das eine oder andere besser wird.“ In den 1970ern gründete Erika Olbrich die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen. Ihr Engagement ist innerlich ungebrochen. „Obwohl ich mich in die zweite Reihe zurückgezogen habe“, wie sie sagt. Doch auch aus der Erinnerung an die Zeit des Notstands und der Armut in Selm, die sie auch dadurch erlebt hat, als sie den Bergleuten in der Kneipe begegnet ist, ist eines geblieben: ihre Überzeugung, „dass eine solche Zeit nie wiederkehren darf.“

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Nach der Schließung der Zeche Hermann 1926 wurden nach und nach die Übertagebauten abgerissen oder, wie hier, gesprengt. © Repro Arndt Brede

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Die Zeche Hermann existierte nur von 1909 bis 1926. © Repro Arndt Brede

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