Als Zeitungmachen noch Handarbeit war: Unsere dienstälteste Redakteurin erinnert sich

Im Wandel der Zeit

Als Gabriele Hoffmann 1977 als Volontärin beim Hellweger Anzeiger anfing, war Zeitungmachen vor allem Handarbeit. Schreibmaschine, Schere und Klebestift waren die wichtigsten Werkzeuge der Redakteure.

Unna

16.02.2019, 00:01 Uhr / Lesedauer: 3 min
Als Zeitungmachen noch Handarbeit war: Unsere dienstälteste Redakteurin erinnert sich

So sah technische Revolution Ende der 1970er-Jahre aus: Gabriele Hoffmann arbeitet mit dem elektronischen Satzsystem der Firma Harris, das den alten Bleisatz 1977 ablöste. Der Zeitungsverlag Rubens war damit bundesweit Pionier der Branche

Es war eine Zeit, in der das mit Stift und Papier skizzierte Layout einer Seite von Schriftsetzern in Setzkästen nachgebaut werden musste. Heute ist das Smartphone das wichtigste Arbeitsmittel – und mit ihm passt quasi der gesamte Arbeitsplatz eines jeden Redakteurs in die Hosentasche.

Die digitale Evolution begann 1977

Der digitalen Evolution sei Dank, die im Zeitungsverlag Rubens übrigens genau wie die Karriere von Gabriele Hoffmann vor 42 Jahren ihren Ursprung nahm. Als erste deutsche Tageszeitung führte der Hellweger Anzeiger 1977 ein elektronisches Satzsystem ein, das den alten Bleisatz ablöste. Was heute steinzeitlich klingt, war damals innovativ: Mussten Textzeilen bis dahin noch in Blei gegossen und zusammengesetzt werden, entstanden die Druckvorlagen nun aus einer Art Negativfilm. Dafür gestalteten Metteure das Layout in Absprache mit den Redakteuren im Klebeumbruchverfahren an Leuchtwänden.

Als Zeitungmachen noch Handarbeit war: Unsere dienstälteste Redakteurin erinnert sich

Schülergruppe zu Besuch in der Redaktion an der Rudolf-Diesel-Straße, um 1977: Gabriele Hoffmann präsentiert das elektronische Satzsystem „Harris“.

Die ersten Computer, die damals zum Einsatz kamen, hatten mit der Technik von heute freilich nichts gemein: Fertiges Material wurde aus den Außenredaktionen nach wie vor mittels Boten zur Druckerei gebracht – zwar nicht mehr auf Papier, sondern gespeichert auf einer Art Kassette; der Aufwand für die Produktion einer Tageszeitung war dennoch nach wie vor enorm. Wenn Redakteure heute beispielsweise wie selbstverständlich zum Telefon greifen, um Motive mit Fotografen zu besprechen, hatte man früher in der Regel den ganzen Tag lang keinen Kontakt miteinander. Wie auch? Die Mobiltelefonie war noch nicht so weit und das Internet in seiner heutigen Form nicht mal erfunden.

FOTOSTRECKE
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Zeitungmachen früher und heute

Das Zeitungmachen in Unna hat eine sehr lange Tradition, die bis ins Jahr 1845 zurückreicht. Eine Zeitreise in Bildern.
16.02.2019
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1845: Mit ihm fängt alles an: Mit Erlaubnis der königlich-preußischen Regierung bringt Friedrich Wilhelm Rubens am 15. Februar 1845 erstmals den Hellweger Boten in der 5000 Einwohner zählenden Stadt Unna sowie in den umliegenden Dörfer heraus.© Archiv Hellweger Anzeiger
22. März 1848: Die Zeitung, die bis dahin einer strengen Zensur unterworfen war, darf erstmals auch über das politische Geschehen berichten. Der Hellweger Anzeiger berichtet unter der Schlagzeile "Die Zensur ist aufgehoben!"© Archiv Hellweger Anzeiger
1906: In der Druckerei wird eine 16-seitige Rotationsmaschine aus dem Hause Koenig & Bauer installiert. Mit ihr wird es möglich, 16 Zeitungsseiten in einem Durchgang bei einer Leistung von 12.000 Zeitungen pro Stunde zu drucken.© Archiv Hellweger Anzeiger
1920: So sieht das offizielle Foto zur Feier des 75-jährigen Verlagsbestehens aus.© Archiv Hellweger Anzeiger
1962: Die weitere Ausdehnung des Druckereibetriebes wird von den räumlichen Verhältnissen an der Wasserstraße begrenzt. Der technische Betrieb zieht in eine neu errichtete Druckereihalle an die Rudolf-Diesel-Straße um.© Archiv Hellweger Anzeiger
1977: Als erste deutsche Tageszeitung führt der Hellweger Anzeiger ein elektronisches Satzsystem ein, das den alten Bleisatz ablöst. Auf der "DRUPA 77" wurde das Harris-System vorher dem interessierten Fachpublikum vorgestellt.© Archiv Hellweger Anzeiger
1978: Am 1. September wird eine 32-seitige Offest-Rotation des Typs Express von Koenig & Bauer, mit der erstmals volle Vierfarbigkeit im Druck erzielt werden kann, in Betrieb genommen. Es handelt sich um die Premiere des Modells.© Archiv Hellweger Anzeiger
1990er-Jahre: Kollektives Kaffeetrinken in der Redaktion, die damals an der Rudolf-Diesel-Straße in Unna beheimatet war. Links im Bild der damalige Chefredakteur Klaus Seiffert, 3.v.l. der heutige Chefredakteur Volker Stennei.
2000er-Jahre: Beilagen-Verarbeitung in der Druckerei.© Stefan Milk
2000er-Jahre: Themenkonferenz am Flipchart.© Stefan Milk
2004: Redakteur Carsten Fischer bei der Arbeit.© Stefan Milk
2008: Schon immer sehr mobil unterwegs: Fotoredakteur Stefan Milk.© Borys Sarad
2013: Gelöste Stimmung bei einer Redaktionskonferenz vor dem Start der ersten digitalen Sonntagsausgabe.© Udo Hennes
2019: Die wichtigsten Arbeitswerkzeuge von Redakteur Carsten Janecke sind Laptop und Smartphone.© Stefan Milk

Trotzdem war der Anspruch an die Aktualität hoch, schon damals galt die Maxime: Was heute passiert, steht morgen in der Zeitung. Für die Redakteure mitunter ein Kraftakt.

Quer durch die Bundesrepublik

Gabriele Hoffmann etwa erinnert sich zurück an die 1980er-Jahre, als sie für die Berichterstattung über Spitzensport durch die gesamte Bundesrepublik reiste. Die Handballer von HC TuRa Bergkamen und SuS Oberaden spielten damals in der höchsten beziehungsweise zweithöchsten Liga. Um den Bericht vom sonntäglichen Auswärtsspiel des HC TuRa in Berlin noch in die Montagsausgabe zu bekommen, entwickelte der Fotograf seine ersten Filmstreifen noch auf der Flughafentoilette in Berlin – nach der Landung in Hannover ging es mit dem Auto zurück nach Unna, auf dem Weg hielt Gabriele Hoffmann als Beifahrerin die Entwicklerdose in den Händen. Gegen 23 Uhr im Verlag angekommen reichte die Zeit so gerade, um Text und Foto noch in der aktuellen Ausgabe zu platzieren. Ein nervenaufreibender Kraftakt. Zum Vergleich: Heute stellen Fotografen ihre Bilder nicht nur im Spitzensport noch während der laufenden Partie im Minutentakt zur Verfügung, auch im lokalen Nachrichtengeschäft haben Redakteure von überall aus schon kurz nach Fototerminen Zugriff auf das Material der Fotografen.

Als Zeitungmachen noch Handarbeit war: Unsere dienstälteste Redakteurin erinnert sich

Gabriele Hoffmann (links) und Günther Wünnemann (rechts), um 1977 bei Bleisatz in der Druckerei an der Rudolf-Diesel-Straße in Unna.

Mit fortschreitender Technik hat sich auch der Beruf des Journalisten stets gewandelt. Der Computer löste die Schreibmaschine ab, die digitale die analoge Fotografie – und die Berichterstattung ist längst nicht mehr nur auf die gedruckte Zeitung beschränkt.

Die erste App erschien 2010

Der Hellweger Anzeiger leistete in der Branche häufig Pionierarbeit. Um nur ein Beispiel zu nennen: Schon kurz nach dem Verkaufsstart des ersten iPads bot der Zeitungsverlag Rubens 2010 eine App für das Gerät an, der Hellweger Anzeiger erschien damit als eine der ersten Tageszeitungen überhaupt auf dem Tablet aus dem Hause Apple. Seitdem ist die Technik noch besser und zuverlässiger, vor allem aber erschwinglicher geworden. Seit 2010 hat sich die Anzahl der Smartphone-Nutzer in Deutschland fast versiebenfacht, das Mediennutzungsverhalten ist heute ein ganz anderes als noch vor zehn, 15 Jahren. Und der Redaktion eröffnete die digitale Evolution stets neue Chancen und Möglichkeiten, denn mit fortschreitender Technik wurden Nachrichten zunehmend aktueller. Früher ging in den Lokalredaktionen nach 18 Uhr fast nichts mehr – heute gilt dagegen mehr denn je: „Geht nicht“ gibt’s nicht. Einen Redaktionsschluss gibt es im Prinzip nicht mehr. Über das Internet können Nachrichten zu jeder Zeit von überall aus publiziert werden.

Als Zeitungmachen noch Handarbeit war: Unsere dienstälteste Redakteurin erinnert sich

Philipp Stenger hat sein Volontariat kürzlich abgeschlossen und verstärkt die Redaktion nun als Redakteur. © Stefan Milk

Die Arbeit des Journalisten hat das freilich tief greifend verändert. Genau 40 Jahre nach Gabriele Hoffmann begann 2017 Philipp Stenger sein Volontariat im Zeitungsverlag Rubens, inzwischen arbeitet er als Redakteur für den Hellweger Anzeiger. Sein Arbeitsalltag ist vor allem mobil: Anders als einst Gabriele Hoffmann und ihre Kollegen der alten Schule ist er nicht mehr an einen Schreibtisch in der Redaktion gebunden – über sein Smartphone hat er von überall aus Zugriff auf das Redaktionssystem und kann somit von überall aus berichten. Und das nicht mehr „nur“ für die Zeitung: Wenn er berichtet, denkt er direkt auch an seine Leser im Internet und die optimale Aufbereitung für das Smartphone. Suchmaschinen, soziale Netzwerke und Nutzungsstatistiken gehören für ihn so selbstverständlich zu seinem Arbeitsalltag wie einst die Schreibmaschine für Gabriele Hoffmann. Was damals wie heute unverändert ist, ist der Anspruch an Aktualität und Qualität: Was der Hellweger Anzeiger berichtet, muss richtig sein – das gilt für das Internet genauso wie für die Zeitung.

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