Viele Menschen zählen die Tage, bis sie in Rente gehen können. Andere fühlen sich fit und bleiben gerne beruflich aktiv. Doch nicht jeder arbeitet, weil er möchte. Mancher muss es auch.

Lünen

, 02.04.2019, 17:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Jahrelang war Renate S. (65, Name v.d. Red. geändert) in Küchen tätig. Bis es körperlich nicht mehr ging. Ohne Arbeit wollte sie nicht sein. Deshalb trägt sie Zeitungen aus. Das wird die Lünerin auch weiterhin tun, obwohl sie inzwischen das Rentenalter erreicht hat und Diabetikerin ist. Doch sie braucht das Geld. Ihr Mann (72) bekommt 1100 Euro Rente, und sie ab September 160 Euro. 440 Euro verdient sie durch das Austragen dazu. „Sonst kommen wir nicht klar“, sagt Renate S. Denn für ihre 50 Quadratmeter große Wohnung gehen monatlich 600 Euro weg. „Mit Nebenkosten kommt da viel zusammen.“

Drei Überfälle und ein verlorener Zahn

Sie will weitermachen, so lange es geht. „Ich bin ein Nachtmensch. Nachts unterwegs zu sein, macht mir nichts aus.“ Das sagt sie, obwohl sie schon dreimal überfallen worden ist. Beim ersten Mal war`s am Schlimmsten: ein blaues Auge und ein ausgeschlagener Zahn. „Aber ich habe keine Angst.“ „Renate S. hat seit Jahren den gleichen Bezirk. Dort kennt sie jeden Stein.

„Es ist eher selten, dass jemand länger arbeitet, als er muss“, weiß Ralf Gehrmann. Er ist bei der Stadt Lünen für Rentenauskünfte zuständig. „Die meisten Lüner fragten nach, wann sie endlich in Rente gehen können“, ist seine Erfahrung. Darunter sind Handwerker, Erzieher oder Pflegekräfte. Berufe, in denen der Job zunehmend schwerer fällt.

Bei Ralf Gehrmann können Bürger nach Termin Rentenanträge aufnehmen lassen. Das ist gefragt. In den nächsten Wochen hat er keine Termine mehr frei.

Information: Rentenberatung bietet Ralf Gehrmann bei der Stadt Lünen, Rathaus, Willy-Brandt-Platz 1, Erdgeschoss, Raum 5 an folgenden Tagen an: Montag und Freitag: 8-10 Uhr, Dienstag und Donnerstag 13.30-16 Uhr. Antragsaufnahme nur nach Terminvereinbarung. Tel. (02306)104-14 94.

2017 hat der Gesetzgeber die Flexi-Rente eingeführt. Damit sind die starren Hinzuverdienstregeln weggefallen: Wer die Regelaltersgrenze erreicht hat, kann hinzuverdienen so viel er möchte. Er zahlt Beiträge zur Krankenkasse und Steuern, aber nicht mehr in die Renten- und Arbeitslosenversicherung. Das sei für Arbeitnehmer und Arbeitgeber ein Anreiz, so Gehrmann.

Anders sieht es bei vorgezogener Rente aus. Da gilt eine Hinzuverdienstgrenze von 6300 Euro im Jahr. Wer 35 Jahre versichert war, kann mit Abschlägen in Rente gehen, ab 45 Beitragsjahren entfallen die Abschläge. „Es gibt viele, die nach 45 Jahren gehen“, weiß Gehrmann. Über 1 Million Anträge habe es bundesweit gegeben.

Drei von 1400 Beschäftigten länger im Dienst

Marianne Töpfer (68) war immer mitten im Geschehen. 25 Jahre lang saß sie in der Info-Loge des St.-Marien-Hospitals. Sie war zur Stelle, als im Foyer ein Baby zur Welt kam, machte einen Dieb dingfest, war Trostspender für Mitarbeiter, Patienten und Angehörige. Plötzlich in Rente zu gehen, das konnte sich Marianne Töpfer nicht vorstellen. „Ich liebe es, für andere da zu sein.“ So blieb sie weiterhin in der Info-Loge, immer dann, wenn Not am Mann war. „Das war für mich schön, so konnte ich die Arbeit langsam ausklingen lassen.“ Jetzt, nach drei Jahren, läuft der Vertrag aus. Von dem Verdienst hat sich Marianne Töpfer den Traum einer neuen Küche erfüllt.

Als Rentner arbeiten: Manche tun es gerne, bei anderen reicht das Geld sonst nicht

Marianne Töpfer (68) hat immer wieder an der Info-Loge des St.-Marien.-Hospitals ausgeholfen. Aus dem vollen Berufsalltag in die Rente, das konnte sie sich nicht vorstellen. © Magdalene Quiring-Lategahn

Mit 1400 Beschäftigten ist das St.-Marien-Hospital in Lünen ein großer Arbeitgeber. Zurzeit seien drei Mitarbeiter über das Rentenalter hinaus dort tätig. „Grund ist für sie weniger die finanzielle Situation, sondern weil sie gerne ins St.-Marien-Hospital zur Arbeit kommen und das soziale Umfeld schätzen“, sagt Geschäftsführer Axel Weinand. Dass nicht mehr Mitarbeiter über die Rente hinaus arbeiten, führt er darauf zurück, dass der katholische Arbeitgeber für eine Zusatzrente sorge.

Als Rentner einmal die Woche im OP

Einer, der sich auch als Rentner noch um Hüften, Kreuzbänder, Schultern und Knie-Athroskopien kümmert, ist Dr. Ludger Meyer. Er war 31 Jahre lang als Allgemein- und Unfallchirurg Chirurg tätig und zuletzt leitender Oberarzt. Heute hat er einmal die Woche Sprechstunde und einen OP-Tag. Zusätzlich besucht der 68-Jährige medizinische Fortbildungen. um auf dem neusten Stand zu sein.

Als Rentner arbeiten: Manche tun es gerne, bei anderen reicht das Geld sonst nicht

Unfallchirurg Dr. Ludger Meyer (68) operiert einmal die Woche auch noch im Rentenalter. Es macht ihm einfach Spaß. © Magdalene Quiring-Lategahn

„Das hält geistig frisch, ich habe viel mit jungen Kollegen zu tun“, freut er sich.

Die Chirurgie ist für ihn eine Herzensangelegenheit, der Beruf quasi Hobby. Zusätzlich hält er sich als Rentner im Radsportverein mit wöchentlich zwei 85-100-Kilometer-Touren fit. Sein medizinisches Können ist gefragt. „In der Chirurgie gibt es Nachwuchsprobleme“, weiß er.

Andres sieht es bei Aurubis mit 629 Beschäftigten aus. „In Lünen legen wir Wert darauf, dass Mitarbeiter, die ins Rentenalter eintreten, auch tatsächlich in Rente gehen“, erklärt auf Anfrage Unternehmenssprecher Malte Blombach. Dies geschehe zum einen aus Respekt vor der geleisteten, teils ja auch körperlich anspruchsvollen Arbeit des Arbeitnehmers. „Zum anderen bilden wir auch bedarfsgerecht aus und wollen den bei Aurubis lernenden jungen Menschen einen Platz im Unternehmen anbieten können.“

„Top fit und in Arbeitsabläufe integriert“

Bei der EBG-Group (210 Mitarbeiter) hingegen sind zwei Beschäftigte mit 67 Jahren noch im Einsatz: Einer im Bereich mechanische Konstruktion und einer als Elektriker im Sonderschrankbau. „Beide sind top fit und voll in reguläre Arbeitsläufe integriert“, berichtet Geschäftsführer Dag Hagby.

Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten bundesweit 2007 sieben Prozent der 65- bis 69-Jährigen. Zehn Jahre später waren es 16 Prozent. Für rund 37 Prozent der Erwerbstätigen ab 65 Jahre war das verdiente Geld die vorwiegende Quelle des Lebensunterhalts. Für die Mehrheit (58 Prozent) war dieses Einkommen aber ein Zuverdienst, sie lebten in erster Linie von ihrer Rente (58 %).

Mehr Lüner Minijobber über 65

In Lünen ist die Zahl der geringfügig beschäftigten Rentner am 30. Juni 2018 so hoch wie in den letzten 14 Jahren nicht: 919 hatten einen Mini-Job, 2004 waren 587 geringfügig beschäftigt. Ob der Zusatzverdienst wichtig fürs Leben ist oder ein willkommenes Zubrot, das sagt die Statistik der Bundesagentur für Arbeit nicht.

Während sich für viele der Zusatzverdienst lohnt, rechnet er sich kaum für Menschen, die Grundsicherung beziehen. Ihnen bleiben 30 Prozent vom Mini-Job, der Rest wird angerechnet. Ein Minijob ist ein geringfügiges Beschäftigungsverhältnis, bei dem monatlich nicht mehr als 450 Euro verdient werden darf. Wohngeldbezieherin haben einen Vorteil. Sie können den Zuverdienst behalten. Rund 6 Prozent haben nach Auskunft der Stadt Lünen 2017 ihr Einkommen durch einen Minijob aufgestockt (1-Personen-Haushalte). 2018 waren es 4,5 Prozent.

Vom Bäcker zum Besucherbeauftragten

Helmut Dupke (63) stand 48 Jahre und sechs Monate als Bäcker in der Backstube der Bäckerei Kanne im Geistwinkel. Seit Februar backt er mit Kita-Kindern oder Grundschülern dort Plätzchen. An zwei oder drei Tagen in der Woche. Auch anderen Besuchergruppen zeigt er den Weg vom Mehl zum Brot. „Es macht mir einfach Spaß, ihnen das Handwerk näherzubringen. Viel wissen doch gar nicht mehr, woher die Brötchen kommen.“ Das ist Helmut Dupkes Metier. Früher war er für Brötchen und Blechkuchen zuständig, heute als Rentner nutzt er sein Wissen im Nebenjob.

In der Firma Kanne mit 380 Beschäftigten sind 20 Mitarbeiter über 65 Jahre tätig. „Wir gucken, dass sie da eingesetzt werden, wo die Arbeitsbelastung nicht sehr groß ist“, sagt Wilhelm Kanne junior. Er findet es „sehr angenehm, dass wir alte Hasen da haben.“ Sie brächten viel Erfahrung mit. So wie Helmut Dupke.

„Arbeiten, so lange es geht“

Erfahrung, die hat auch Helga Auell. Ein Leben ohne Arbeit ist für sie gar nicht vorstellbar. Auch mit 90 steht sie noch an drei halben Tage in der Woche in ihrem Reformhaus an der Münsterstraße 11. Dem einzigen in Lünen. Seit 65 Jahren bedient sie ihre Kunden, viele kennt sie lange. Arbeiten fällt Helga Auell nicht schwer. „Ich bin es so gewohnt“, sagt sie.

Als Rentner arbeiten: Manche tun es gerne, bei anderen reicht das Geld sonst nicht

Auch mit 90 steht Helga Auell noch immer an drei Tagen in ihrem Reformhaus an der Münsterstraße 11. © Magdalene Quiring-Lategahn

Im Laden, da sei sie unter Leuten, habe Bewegung und zu tun. Zuhause finde sie es fast zu einsam. Obwohl es auch in Haus und Garten immer Arbeit gibt. Helga Auell will in ihrem Reformhaus arbeiten, so lange es noch geht. Ihre vier Kinder sind beruflich anderweitig orientiert. Sie fürchtet, dass es ohne sie das Reformhaus nicht mehr geben wird. „Es fehlen Fachkräfte“, sagt sie.

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