AfD-Erfolg ist Gegenreaktion auf Öffnung Deutschlands

2009 lobte Navid Kermani bei einer Preisverleihung, dass Deutschland weltoffener und vielfältiger geworden sei. Dazu steht er noch heute - nur habe sich mittlerweile auch eine Gegenbewegung dazu etabliert.

07.11.2019, 07:49 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Schriftsteller Navid Kermani betrachtet den derzeitigen Erfolg der AfD als eine Gegenreaktion auf die Öffnung Deutschlands in den vorhergehenden Jahrzehnten. „Jeder Pendelschlag in die eine Richtung bewirkt eine Bewegung in die andere“, sagte der Friedenspreisträger in Köln der Deutschen Presse-Agentur. „Deshalb ist das, was widersprüchlich erscheint - etwa dass gleichzeitig die Grünen und die AfD stark werden - Teil einer gemeinsamen Entwicklung.“

In seiner Dankesrede für den Hessischen Kulturpreis hatte Kermani 2009 gesagt, er fühle sich durch die Verleihung in seinem Eindruck bestätigt, „dass Deutschland in den letzten Jahren weltoffener und kulturell vielfältiger geworden“ sei. Dieser Meinung sei er nach wie vor, sagte Kermani. Allerdings sei die Gesellschaft heute polarisierter als vor zehn Jahren.

„Der grün-alternative Diskurs, der in den 80er Jahren noch widerständig war, hat sich inzwischen in weiten Bereichen der Öffentlichkeit und Politik als maßgeblich durchgesetzt: Rechte der Homosexuellen, Emanzipation der Frau, Deutschland als Einwanderungsland, Umweltschutz“, erläuterte Kermani. „Das ist nun gleichsam der herrschende Diskurs geworden - und dagegen hat sich wiederum ein Gegendiskurs herausgebildet. Da haben sich die Rollen ein bisschen vertauscht.“

In diesem Zusammenhang sprach sich Kermani dafür aus, mit AfD-Wählern im Gespräch zu bleiben. Als Reporter habe er es immer wieder mit Menschen zu tun, die andere, für ihn teilweise schwierige Ansichten vertreten würden. Das gelte auch für den Besuch einer AfD-Versammlung. „Aber auch dort habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn man auf die Menschen zugeht, ist viel mehr Austausch möglich, als man vorher gedacht hätte.“

Es habe ihn beileibe nicht zum AfD-Versteher gemacht, die Ansichten halte er nach wie vor für fatal. „Aber man kann die subjektiven Gründe besser nachvollziehen, warum Wähler bei dieser Partei landen. Und das wäre doch auf der politischen Ebene eine Voraussetzung, um mit ihnen und gegen sie zu argumentieren.“

Kermani gilt als einer der einflussreichsten deutschen Intellektuellen. Der 51-Jährige ist habilitierter Orientalist und ein Kenner der deutschen Literatur. Er arbeitete als Regisseur und Dramaturg, recherchierte als Reporter in Kriegsgebieten. Als Autor ist er bekannt für seinen Roman „Große Liebe“, das Kinderbuch „Ayda, Bär und Hase“ und eine originelle Huldigung an die Musik des Rockstars Neil Young.

Der Schriftsteller ist ab Donnerstag auf Lesereise mit seinem soeben erschienenen Buch „Morgen ist da. Reden“. Die Reise führt ihn unter anderem ins Thalia Theater Hamburg, zum Berliner Ensemble, in die Münchner Kammerspiele, an das Wiener Akademietheater, das Schauspielhaus Frankfurt, das Staatsschauspiel Dresden und an andere namhafte Theater.

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