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Abriss eines Stücks Selmer Bergbaugeschichte ist nur noch Frage der Zeit

Lutherschule

Ein Drittel der nötigen Unterschriften gegen den Abriss der Lutherschule sind gesammelt, als am Dienstag der erste Bagger eintrifft – nicht für alle überraschend.

Selm

, 24.07.2018
Abriss eines Stücks Selmer Bergbaugeschichte ist nur noch Frage der Zeit

16 Stunden nach der Bürgerversammlung parkt der erste Bagger vor der Lutherschule. Sein Auftrag: die Versorgungsleitungen trennen. vom Hofe © Foto: Sylvia vom Hofe

Das ging schnell. Am Montagabend hatte Bürgermeister Mario Löhr zwar bereits vor rund 50 Besuchern der Bürgerversammlung in der Aula des Gymnasiums angekündigt, „dass der Eigentümer der ehemaligen Lutherschule jederzeit mit dem Abriss beginnen kann“. Wann es so weit sein werde, wisse er aber nicht. Nicht einmal 16 Stunden später trifft ein Bautrupp ein, um die Versorgungsleitungen zu dem 106 Jahre alten Gebäude in der Zechensiedlung abzubinden: eine vorbereitende Arbeit für den Abbruch.

„So schnell wie möglich“

„Wir wollen so schnell wie möglich anfangen“, sagt Matthias Fischer, Geschäftsführer der Unnaer Kreis-Bau- und Siedlungsgesellschaft (kurz UKBS) auf RN-Anfrage. Am Montag – also wenige Stunden vor Beginn der Bürgerversammlung – habe er die Abrissgenehmigung von der Stadt erhalten. Da die Arbeiten rund drei Monate lang dauerten, sei für das kreiseigene Unternehmen, das 30 neue Wohnungen zu einem Quadratmeterpreis von 7,50 Euro schaffen will, keine Zeit zu verlieren.

Für die Unterstützer des Bürgerbegehrens dagegen schon. Architekt Wilhelm Gryczan-Wiese will die Ratsentscheidung vom 5. Juli rückgängig machen. Die Selmer Politiker hatten damals in nichtöffentlicher Sitzung mehrheitlich entschieden, eine Klausel im Kaufvertrag für die Lutherschule nach vier Jahren zu streichen: das Gebot, das alte Gebäude zu erhalten und zu sanieren.

Plötzlich sind es 3,8 Millionen Euro

Noch Ende 2017 hatten die von der UKBS beauftragen Architekten vorgestellt, wie die zum Mehrfamilienhaus umgebaute und erweiterte Schule aussehen würde. „Da lag uns noch nicht die dramatische Kostenentwicklung vor“, entschuldigt Fischer. Sobald das im Frühjahr der Fall gewesen sei, habe die UKBS die Verwaltung informiert.

Die Zahlen dazu, die seit Ende April auch den Ratspolitikern bekannt sind, hatte tags zuvor Löhr während der Bürgerversammlung geliefert. 2016 sei die UKBS von Kosten in Höhe von 2,9 Millionen Euro ausgegangen. Aufgrund der allgemeinen Kostensteigerung seien es inzwischen rund 3,8 Millionen Euro.

Rat gegen Rückkauf

Die Stadt habe noch für dieses Jahr ein Rückkaufrecht. Aber dann kämen die Sanierungskosten auf sie zu – und nicht nur die. Die 600.000 Euro für die ehemalige Schule – „das war kein extra günstiger Preis wegen der Sanierungsauflage“, widersprach Löhr am Dienstag einer Vermutung aus der Zuhörerschaft – kämen noch dazu. Und die Kosten für die Sanierung der Schulstraße.

„Das ließe sich in unserem Doppelhaushalt nur darstellen, wenn wir andere Investitionen zurückstellen würden“, so Löhr. Der Rat habe sich dagegen entschieden. Dass danach nichts mehr aufzuhalten sei, habe er dem Gremium gesagt. „Die Verwaltung darf die Angelegenheit nicht verschleppen.“

Aber sie habe auch nicht im Rekordtempo arbeiten müssen, meinte Marion Küpper von den Grünen. „Das war vermutlich die schnellste Baugenehmigung, die es je gegeben hat.“ Die Grünen hätten es sich gewünscht, zumindest bis zum 23. August zu warten. Dann finde ohnehin eine Sonderratssitzung statt.

Abriss eines Stücks Selmer Bergbaugeschichte ist nur noch Frage der Zeit

Hans Georg Aul, ehemaliger Leiter der Lutherschule, plädiert für ihren Erhalt. „Es wird die Zeit kommen, wenn Selm wieder Schulraum benötigt.“ © Foto: Sylvia vom Hofe

Bis dahin glaubt Wilhelm Gryczan-Wiese die nötigen 1750 Unterschriften zusammen zu haben, die nötig sind, damit sich der Rat erneut mit dem Thema beschäftigt. Anschließend stünde der Weg zu einem Bürgerentscheid offen. Der Kämpfer für den Erhalt „eines wichtigen Stücks Stadtgeschichte“ appellierte noch am Montagabend, nicht zu resignieren. Im Erfolgsfall des Bürgerentscheids sehe er gute Chancen für ein Wohnungsgenossenschaftsprojekt mit privaten Investoren.

Rechtsverstoß oder nicht?

Da wusste er noch nicht, dass am Dienstagmittag die vorbereitenden Arbeiten für den Abbruch bereits beginnen würden. „Ein Rechtsverstoß“, wie er am Dienstag schreibt: „Laut Landesbauordnung ist eine Genehmigung erst nach vier Wochen rechtskräftig, da in dieser Zeit betroffene Anlieger Widerspruch gegen die Genehmigung erheben können.“ Sollten die Arbeiten nicht gestoppt werden, werde er rechtliche Schritte einlegen. Stadtsprecher Malte Woesmann bleibt gelassen: „Diese Rechtsauffassung ist so nicht richtig“, sagt er den RN.

Anwohnerin Monika Herrmann ist das egal. Für sie bleibt das Gefühl, „dass man uns hier nicht ernst nimmt. An einem Tag ist Bürgerversammlung, am nächsten kommt der Bagger. Da fehlen mir die Worte.“

Abriss eines Stücks Selmer Bergbaugeschichte ist nur noch Frage der Zeit

Skeptische Blicke vor allem bei den Anwohnern. Sie befürchten eine zu massive Bebauung vor und neben ihren eigenen Häusern. © Foto: Sylvia vom Hofe

Einige ihrer Nachbarn hatten am Vorabend noch wortreich den geplanten Neubau kritisiert, der aus drei Gebäudeteilen besteht: zu massiv, zu nah an der Nachbarbebauung. „Das gefällt uns auch noch nicht“, so Löhr. Die UKBS müsse da nachbessern.