Abends bleibt Selm taxifreie Zone: Warum das schade ist, aber Jammern nicht hilft

dzKommentar Klare Kante

Immer mehr wird uns direkt an die Haustür gebracht: neue Schuhe, Getränkekisten, der Fernseher und die Pizza sowieso. Wir selbst sollen aber stehen bleiben wie bestellt und nicht abgeholt?

Selm

, 12.09.2019, 20:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Tatsächlich: Taxikunden schauen wochentags nach 20 Uhr in die Röhre - zumindest in Selm.

Angebot und Nachfrage regeln den Markt. Unser Taxi-Test hat in diesen Markt eingegriffen und für drei Monate das Angebot verbessert, um gespannt die Auswirkungen auf die Nachfrage zu beobachten: ein Rohrkrepierer.

Natürlich lässt sich jetzt lange schwadronieren, ob der dreimonatige Test mal eben zurückdrehen konnte, was die mobile Service-Wüste in den vielen Monaten zuvor angerichtet hatte. Wer fünfmal nach 20 Uhr erfolglos versucht hatte, einen Wagen zu rufen, machte das kein sechstes Mal - Testphase hin, Testphase her.

Die Eckkneipe selbst ist ein Auslaufmodell geworden

Nicht nur die Anrufe blieben aus. Die gemütliche Eckkneipe, aus der die Wirte früher wie selbstverständlich für ihre Gäste ein Taxi riefen, ist längst selbst ein Auslaufmodell geworden.

Immer mehr Menschen verbringen ihre Freizeit abends lieber zuhause und treffen ihre Freunde im Internet statt analog an der Theke. Was uns das lehrt: Die Nachfrage schafft sich ihr Angebot - und nicht umgekehrt.

Erst wenn Angebote verschwinden, fällt uns auf, wie lieb sie uns eigentlich immer waren - theoretisch zumindest. Das gilt für die Kneipe genauso wie für den Tante-Emma-Laden, das Elektrogeschäft vor der Haustür und jetzt das abendliche Taxiangebot.

Wer Schuhe und Elektrogeräte günstig und bequem im Netz kauft und sich die Pizza nach Hause bestellt, anstatt auszugehen, braucht sich allerdings nicht zu wundern, dass das auf Dauer Folgen für die lokale Infrastruktur hat. Jeder, der Service anbietet, muss auch Erträge erwirtschaften können. Und das langfristig. Ohne Nachfrage eben keine Leistung.

Muss der Staat einspringen und die Lücke schließen?

Das ist bedauerlich - besonders für all diejenigen, die selbst kein Auto haben und leider auch keine Verwandten und Nachbarn, die spontan bereit sind, sie von A nach B zu fahren. Sie sind abends in Selm gestrandet oder müssen langfristig Fahrten bestellen. Müsste da nicht der Staat einspringen und diese Lücke schließen? Sicher nicht.

Statt über die fehlenden abendlichen Taxifahrten zu jammern, lasst uns die Energie lieber in etwas anderes stecken: in bessere Angebote, um die klaffenden Lücken im klimafreundlichen ÖPNV tagsüber zu schließen. Denn noch wichtiger als die Heimfahrt nach dem Feierabendbier mit dem Taxi ist die tägliche Fahrt zur Arbeit mit Bus und Bahn - und Taxibus.

In der Kolumne „Klare Kante“ fühlen Redakteurinnen und Redakteure mit einem Augenzwinkern regelmäßig einem lokalen Thema auf den Zahn, das ihnen am Herzen liegt. Haben Sie zum Thema „Taxiversorgung“ auch etwas zu sagen? Dann schreiben Sie gerne an lokalredaktion.selm@ruhrnachrichten.de
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