25 Jahre Frauenarbeit in Schwerte – und noch immer ist nicht alles erreicht

dzEvangelische Kirche

Der Kirchenkreis ist offen für die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen. Aber auf der Führungsebene ist noch „Luft nach oben“. Ein Interview mit drei emanzipierten Kirchenfrauen.

Schwerte

, 09.11.2018, 11:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Seit 25 Jahren gibt es die Frauenarbeit im Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn. Am Samstag, 10. November, wird mit einer Lydiamesse in Schwerte das Jubiläum gefeiert. Pfarrerin Ruth Hansen, Frauenbeauftragte im Kirchenkreis, ihre Vorgängerin, Pfarrerin i.R. Margret Held, und Sybille Mann, Vorsitzende des Frauenausschusses, sprechen im Interview über das veränderte Rollenbild von Männern und Frauen in Kirche und Gesellschaft heute und die Veränderungen in der Frauenarbeit.

Wenn Sie jemandem auf der Straße erklären müssten, was Frauenarbeit ist, was würden Sie antworten?

Hansen: Zur Frauenarbeit gehören spezielle Angebote spiritueller, kultureller und beratender Art für Frauen, die sich eng an die Kirche halten und für Frauen, die eher kirchendistanziert sind. Wir engagieren uns für eine gendergerechte Theologie und Kirche mit den gleichen Beteiligungsrechten für Frauen kirchlich und gesellschaftlich. Wir wollen Frauen einen Raum geben, in dem sie sich mit ihren eigenen Fragen, ihrer eigenen Spiritualität und ihren eigenen theologischen Gedanken entfalten können.

In der Gesellschaft hat sich in den vergangenen 25 Jahren sehr viel getan. Die Frauen heute sind fast alle berufstätig. Männer arbeiten inzwischen in Teilzeit und sind ganz selbstverständlich für die Familie mit zuständig. Wo stehen wir in der Kirche?

Hansen: Heute sind die Beteiligungsmöglichkeiten von Frauen in der Kirche auch vielfältiger geworden. Das ist in den Presbyterien sichtbar, im Kreissynodalvorstand, im ehrenamtlichen Engagement von Frauen in den Kirchengemeinden. Das ist auch daran zu erkennen, dass wir eine Präses haben und zunehmend auch Superintendentinnen in den Kirchenkreisen. Das wächst. Wobei ich sagen würde, was die Führungsebene angeht, ist immer noch Luft nach oben. Die Befürchtung – eine Feminisierung der Kirche – die immer geäußert wird, die kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt immer noch Ebenen, wo die Männer unter sich sind. Je höher Sie kommen, umso weniger Frauen haben Sie. Und deshalb ist das immer noch eine Aufgabe, Frauen in Führung zu bringen.

Und wie sieht es bei uns im Kirchenkreis Iserlohn aus?

Hansen: Wir im Kirchenkreis haben eine Superintendentin, wir haben auch eine rege Beteiligung von Frauen im Kreissynodalvorstand, wir haben vorsitzende Frauen in den Presbyterien. Auch in der Verwaltung hat sich viel bewegt. Was also die reine äußerliche Beteiligung angeht, haben wir viel erreicht. Was jetzt feministische Theologie und frauenspezifische Spiritualität angeht, da gibt es aber noch Potenzial.

Was meinen Sie konkret?

Hansen: Ich denke hier insbesondere an den Gottesdienst. Wir haben eine Gottesdienstsprache, die nicht gendergerecht ist. Das finde ich schade. Denn Frauen nehmen das wahr. Und das distanziert Frauen auch.

Held: Nach 25 Jahren ist eine gerechte Sprache im Gottesdienst keinesfalls erreicht. Die liturgische Sprache ist eine sehr behäbige Sprache, und das Gottesbild, das vermittelt wird, ist immer noch ein sehr männlich geprägtes. Eigentlich ist das Gottesbild in der Bibel ganz anders angelegt; es spricht von Vertrauen, Begleitung, Hoffnung und davon, dass Frauen und Männer in Gott ihre Ebenbildlichkeit haben. All das ist in der starren Verwendung des Begriffs „Herr“ für Gott nicht enthalten.

Hansen: Wir werben dafür, das Gottesbild zu weiten, weil es letztlich vielfältiger ist als alles, was wir mit Worten umschreiben. Weil wir es nicht beschreiben können. Gott ist größer als alles, was wir denken und uns vorstellen können. Aber gerade deswegen ist es schade, ihn zu begrenzen auf einseitige Bilder. Weder einseitig männlich, noch einseitig weiblich. Sondern in Vielfalt. Das tun wir zum Beispiel in der Lydiamesse. Und wir stellen fest, es verändert etwas und bringt Menschen auch neu zurück. Es gibt zum Beispiel Frauen, die sehr schlechte Erfahrungen mit ihren wirklichen Vätern und Männern gemacht haben. Und die tun sich mit einem sehr einseitigen Bild schwer. Wenn diesen Menschen ein Raum gegeben wird, dann erhalten sie auch die Chance, mit ihrem Glauben zurückzukehren.

Kehren wir an den Anfang vor 25 Jahren zurück. Wie hat die Frauenarbeit im Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn begonnen?

Mann: Es sind eine Reihe Frauen gewesen, die sich selbst als Suchende bezeichnet haben, auf der Suche nach anderen Gottesbildern, einer anderen Sprache, in der sie sich als Frau im Gottesdienst wiederfinden. Und das trifft auch auf mich zu.

Held: Die Anfänge liegen im Jahr 1993. In diesem Jahr bin ich als Frauenbeauftragte im Kirchenkreis eingeführt worden. Außerdem ist in demselben Jahr auch der Frauenausschuss entstanden. Im Grunde hatte das alles einen Vorlauf: Die Landessynode hatte schon 1985 beschlossen, dass eine gerechte Teilhabe von Frauen und Männern in den Blick genommen werden soll. Es gab eine wirkliche Aufbruchsstimmung in den Kirchen. Ein landeskirchliches Frauenreferat ist 1988 entstanden. Es folgten dann die kreiskirchlichen Frauenreferate.

Das geschah sicherlich nicht immer ganz reibungslos.

Held: Zunächst einmal gab es die Notwendigkeit und Chance, die Themen der Hauptvorlage auf den Kreissynoden 1993 und 1994 aufzugreifen: Frauenbilder-Männerbilder, Beziehungswandel, Kirche als Arbeitgeberin, Ehrenamt, gerechte Sprache, Gottesbilder, Gewalt gegen Frauen. Es war damit eine wirkliche Aufbruchsstimmung verbunden. Aber es gab auch Widerstände, wurde doch angemahnt, dass Frauen in den kirchenleitenden Gremien kaum vertreten waren und kaum kirchenleitende Ämter innehatten, obwohl sie überwiegend als Ehrenamtliche engagiert waren.

Hansen: In den 90er-Jahren gab es außerdem das Bemühen, Stellen für Gleichstellungsbeauftragte zu schaffen, um sich dafür einzusetzen, eine gerechte Teilhabe von Frauen und Männern auch im Berufsleben bei der Kirche zu ermöglichen. Das ist nicht in allen Kirchenkreisen geglückt. Aber im Kirchenkreis Iserlohn ging das. Ich war über zehn Jahre Gleichstellungsbeauftragte.

In den 25 Jahren hat sich auch das Programm der Frauenarbeit gewandelt. Wenn ich das richtig wahrnehme, öffnet sich die Frauenarbeit aktuell immer mehr für Männer. Wie ist das zu erklären?

Hansen: Es ist tatsächlich so, dass bei den Lila Salons auch immer wieder Männer kommen, obwohl es vor allem Frauensalons sind. Bei den Glaubenskursen sind Männer dabei. Ich würde sie als eine Gruppe beschreiben, die suchend und einfach erst einmal interessiert sind. Besonders ausgeprägt erlebe ich das bei der Veranstaltungsreihe „Wir Kinder der Kriegskinder“. Es kommen auch vermehrt Männer in die Lydiamesse. Deshalb denken wir darüber nach, wohin sich die Frauenarbeit entwickeln wird. Wird sie dieselbe sein in den nächsten Jahren oder wird sie sich öffnen und es wird etwas ganz Neues entstehen? Vielleicht eine neue Form von Gemeinde. Eine Tendenz, die sich ebenfalls bemerkbar macht, ist, dass vermehrt Kasualien (geistliche Amtshandlungen aus besonderem Anlass) angefragt werden, und Menschen, die sich nicht mehr langjährig zu einer Gemeinde zugehörig fühlen, den Kontakt da suchen, wo sie ihn finden. Und wenn sie ihn über mich und die Frauenarbeit finden, dann fragen sie vermehrt Trauungen, Taufen und Beerdigungen an. Das ist neu.

Mann: Dass wir Menschen über die Amtsbezirke der Pfarrer hinaus mit der Frauenarbeit erreichen, das zeigt, hier ist etwas gewachsen. Wenn 120 bis 140 Frauen und Männer zur Lydiamesse kommen, dann kommen sie aus dem Einzugsgebiet des gesamten Kirchenkreises und sogar darüber hinaus. Das spricht eine eindeutige Sprache.

Hansen: Wir haben immer viel Unterstützung von der Leitung des Kirchenkreises für unsere Arbeit erhalten. Sowohl von den ehemaligen Superintendenten Heinz-Dieter Quadbeck und Albert Henz, wie auch von der jetzigen Superintendentin Martina Espelöer gab es immer eine große Offenheit für diese Arbeit, was nicht selbstverständlich ist in der Landeskirche. Es gibt nur noch wenige Kirchenkreise, die Frauenbeauftragte und Pfarrerinnen für Frauenarbeit haben. Das ist für uns eine gute Situation. Dennoch fehlt, was wir für wünschenswert erachten, dass sich diese Aufgeschlossenheit auch strukturell wiederfinden würde, durch eine andere Absicherung als die einer Pfarrstelle im Entsendungsdienst. Das ist bei aller Offenheit noch nicht gelungen und das bleibt ein dauerndes Anliegen der Frauenarbeit.

Letzte Frage: Wenn Sie auf die vergangenen zwei Jahre zurückschauen. Welche Angebote sind neu hinzugekommen?

Hansen: Die Angebote für Menschen in besonderen Lebenslagen sind neu hinzugekommen, also ein Gottesdienst für Schwangere, ein Gottesdienst für Menschen mit einer schweren Erkrankung. Neu hinzugekommen sind auch die interreligiösen Kontakte, aus denen jetzt ein Sarah-Hagar-Tag erwächst, also ein Tag, der der interreligiösen und interkulturellen Begegnung dienen soll für Frauen, die einen muslimischen Hintergrund haben und für Frauen, die einen christlichen Hintergrund haben. Und nicht zu vergessen: das vierte Frauenmahl, das 2019 wieder in St. Viktor in Schwerte stattfinden wird.

Das Interview führte Markus Mickein vom Kirchenkreis.

  • Die Evangelische Frauenarbeit feiert ihr 25-jähriges Bestehen mit einer Lydiamesse am Samstag, 10. November, um 18 Uhr in der St.-Viktor-Kirche in Schwerte, Am Markt.
  • Die interreligiös gestaltet Lydiamesse trägt den Titel: „Über mich hinaus“ – begegnen, begeistern, befreien – Maria und Elisabeth.“ Diese beiden Frauen werden gemeinsam mit muslimischen Frauen und der muslimischen Theologin Nigar Yardim in den Blick genommen.
  • Musikalisch begleitet und gestaltet wird der Abend von Wakago Yamanago am Klavier und dem Konzertmusiker Kamal Mazlumi, einem Virtuosen auf einem typischen Instrument seiner persischen Heimat, dem rund 3000 Jahre alten Santur.
  • Anschließend wird zu einem Empfang ins Gemeindezentrum St. Viktor eingeladen.
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