Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Triales Studium: „Nichts für Weicheier“

dzFührungskräfte fürs Handwerk

Duale Studiengänge sind bekannt. Das triale Studium setzt noch einen drauf: Neben Ausbildung und Bachelor-Abschluss machen Teilnehmer hier auch ihren Meister – so wie Marita Plaß aus Werne.

Kreis Unna

, 21.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Als Tochter eines Handwerksmeisters mit einem eigenen Betrieb hätte der Weg zu einem Ausbildungsplatz kaum einfacher sein können. Doch Marita Plaß wollte mehr, als Rohre reparieren, Bäder gestalten und Heizungsanlagen überprüfen. Sie wollte auch studieren und einen Meister am besten gleich dazu. Also entschied sie sich für ein triales Studium. Heißt: drei Abschlüsse in viereinhalb Jahren, die Turbo-Variante unter den Ausbildungsmöglichkeiten.

Denn was die Wernerin in dieser kurzen Zeit absolviert, würde normalerweise etwa acht bis neun Jahre dauern: Das sind neben einer Ausbildung, auch eine Meisterprüfung und ein Bachelor of Arts im Handwerksmanagement. 2010 startete in Kooperation mit der lokalen Handwerkskammer der erste Studiengang dieser Art an der privaten Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Köln. Die Hoffnung war, so mehr qualifizierten Nachwuchs ins Handwerk zu bekommen. Auch deswegen richtet sich das Angebot vor allem an Abiturienten und Fachabiturienten, die im Handwerk Karriere machen und einen Betrieb leiten wollen.

„Das Studium ist schon sehr anstrengend, gerade jetzt vor der Gesellenprüfung.“
Marita Plaß, Studentin

Marita Plaß hat sich noch nicht entschieden, ob sie den elterlichen Betrieb in Werne einmal übernehmen will. „Vielleicht mache ich mich auch selbstständig oder gehe in die Industrie“, sagt sie. Doch so oder so: Die 21-Jährige will fachlich gut gewappnet sein. Denn heutzutage gehe es nicht nur darum, als Handwerker gut in seinem Gewerk zu sein. „Man muss auch Marketing-Konzepte entwickeln und sich um die Zufriedenheit der Mitarbeiter kümmern“, ist die Wernerin überzeugt.

Online-Vorlesungen und Präsenzunterricht

Marketing, Recht, BWL: All das lernt Plaß im Rahmen ihres Handwerksmanagement-Studiums an der Fachhochschule des Mittelstands in Hannover. Unter der Woche nimmt sie abends nach der Arbeit an Online-Vorlesungen teil, freitags und samstags ist Präsenzunterricht in Hannover. Den praktischen Teil erlernt sie während der auf zweieinhalb Jahre verkürzten Ausbildung zur Anlagenmechanikerin im Bereich Sanitär Heizung Klima im elterlichen Betrieb in Werne.

Drei Abschlüsse in knapp fünf Jahren: Das ist eine Herausforderung. Das weiß auch Marita Plaß. So gut wie jede freie Minute sitzt sie über den Büchern. Ihre Hobbys – der Handball-Sport und das Singen – musste sie bereits aufgeben. „Das Studium ist schon sehr anstrengend, gerade jetzt vor der Gesellenprüfung“, gibt die 21-Jährige zu. Man müsse sich gut organisieren, diszipliniert sein und sich hinsetzen und lernen – „also nichts für Weicheier“.

Studiengänge noch nicht weit verbreitet

Vielleicht auch deswegen sind die trialen Studiengänge im Handwerk noch nicht so weit verbreitet. Bislang werden sie nur an der privaten FHM an den Standorten Köln, Schwerin und Hannover sowie an der Hochschule Niederrhein mit Sitz in Krefeld angeboten. Dabei sind sie grundsätzlich mit jedem Gewerk kombinierbar. In der Klasse von Marita Plaß mit insgesamt 16 Studierenden sind vom Fliesenleger über den Dachdecker bis hin zum Maurer die verschiedensten Gewerke vertreten.

Thomas Behrning, Sprecher der Kreishandwerkerschaft Hellweger-Lippe, begrüßt daher auch das Modell. In einer vergleichbar kurzen Zeit hätte man die Möglichkeit, gleich drei Abschlüsse zu machen. „Das ist zwar anspruchsvoll, aber machbar. Und man ist gleich im oberen Bereich der Karriereleiter angesiedelt“, betont er.

Zusätzliche Qualifikationen

  • Schon in ihrer Ausbildung können Lehrlinge Zusatzqualifikationen erwerben. Das macht sich gut im Lebenslauf und bringt Vorteile auf dem Arbeitsmarkt, wie die Bundesagentur für Arbeit in ihrem Berufswahlmagazin auf „Planet-Beruf.de“ erklärt.
  • Eine solche Zusatzqualifikation kann speziell auf den eigenen Ausbildungsberuf zugeschnitten sein – zum Beispiel der Betriebsassistent im Handwerk. Damit erwerben Azubis bereits kaufmännisches Wissen, das auch in der Meisterprüfung gefordert wird.
  • Daneben gibt es vom Beruf unabhängige Angebote, etwa Fremdsprachenkurse, Auslandsaufenthalte oder Softwarekurse.
  • Wer solche Qualifikationen vorweisen kann, darf vielleicht neue Aufgaben im Betrieb übernehmen oder hat bessere Chancen im Bewerbungsprozess.
  • Die Datenbank AusbildungPlus bietet unter www.bibb.de/ausbildungplus/de/ einen Überblick über die Angebote.

Handwerkskammer in Dortmund noch nicht dabei

Auch die Handwerkskammer in Dortmund hat das Thema auf der Agenda, wenngleich sie keine Kooperationen anbietet. „Das Studium zielt zwar auf das Handwerk ab, ist doch aber nur für eine kleine Gruppe interessant“, sagt Tobias Schmidt, Abteilungsleiter für Ausbildungsberatung und Nachwuchswerbung, Fachkräftesicherung und internationale Projekte. Außerdem müssten alle Strukturen drumherum stimmen. „Die Betriebe müssen mitmachen und das betriebswirtschaftlich leisten können. Und man braucht auch eine Fachhochschule“, so Schmidt. Bei den bislang überschaubaren Absolventenzahlen könnte das aber schwierig werden.

Marita Plaß ist jedenfalls glücklich mit ihrer Wahl – auch wenn das Studium ihr alles abverlangt. Das Gute sei, dass es zwischendurch immer wieder Erfolgserlebnisse mit den verschiedenen Abschlüssen gebe. Neben den bereits erwähnten erwerben die Teilnehmer nämlich noch zwei weitere Abschlüsse: zum Geprüften Betriebswirt nach der Handwerksordnung und zum Geprüften Fachmann oder zur Geprüften Fachfrau für kaufmännische Betriebsführung.

400 Euro Studienkosten pro Monat

Und die 21-Jährige hat Glück: Zum einen geben ihre Eltern ihr die Zeit zum Lernen, was in einem fremden Betrieb nicht unbedingt der Fall wäre. Und sie übernehmen auch die Studienkosten in Höhe von 400 Euro pro Monat. Hinzu kommt das WG-Zimmer in Hannover. „Das könnte ich von meinem normalen Ausbildungsgehalt von jetzt etwa 600 Euro nicht bezahlen“, sagt Plaß. Und Fördertöpfe gibt es bislang nicht.

Ein Punkt, den Mutter Andrea Plaß besonders schade findet: „So bleibt das triale Studium vielen verwehrt.“ Dabei sei das Handwerk dringend auf Nachwuchs angewiesen, zahlreiche Betriebe würden aufgrund von Personalmangel schließen. „Aber es fehlen nicht nur Azubis, es fehlen auch die Leute, die diese Betriebe leiten.“

Lesen Sie jetzt