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Gute Nahrungsmittel zu vernünftigen Preisen, dafür greift die EU ein. Sie subventioniert Bauern mit vielen Milliarden. Für viele ist dieses Geld überlebenswichtig. Es gibt trotzdem Kritik.

Lünen

, 18.07.2018 / Lesedauer: 5 min

Diese Auflistung sehen nicht alle Landwirte gerne. Sie zeigt, auf den Cent genau, wieviel Geld aus EU-Fördertöpfen an Lüner Landwirte gehen. Die Daten sind allerdings öffentlich einsehbar, auf der Homepage der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Deswegen zeigen wir auch hier die 15 Lüner Landwirte, die am meisten von den Subventionen profitieren (alle Angaben in Euro).

36 Lüner Personen und Verbände haben im Jahr 2017 EU-Subventionen erhalten, darunter Landwirte, Schäfer und Vereine. Wer wieviel Geld bekommt, ist dabei sehr unterschiedlich verteilt. Von knapp 1300 Euro für den Arbeitskreis für Umwelt und Heimat bis zu den knapp 100.000, die Biolandwirt Vitus Schulze Wethmar aus EU-Mitteln erhalten hat. In den offiziellen Daten stehen sogar knapp 140.000 Euro für ihn. Das jedoch liegt daran, dass die Prämie für Bio-Landwirte, unregelmäßig gezahlt wird. In den Erhebungszeitraum fielen deshalb zwei Jahreszahlungen.

Die Ziele der EU-Förderung

Dass die EU überhaupt in die Agrarwirtschaft eingreift, hat Gründe und startete schon in den 60er-Jahren. Damals wollte die EU die heimischen Bauern auf dem Weltmarkt mit seinen deutlich niedrigeren Preisen konkurrenzfähig halten. Wer Waren in die EU einführen wollte, musste dafür Abgaben zahlen. Wer aus der EU heraus Waren exportiere, erhielt Prämien. Es geht in der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik aber nicht nur um die Einkommen der Landwirte. Die weiteren Ziele sind:

  • Bezahlbare und sichere Lebensmittel
  • Wettbewerbsfähigkeit fördern
  • Tierschutz
  • Umweltschutz
  • Ländlichen Raum fördern

Wie vieles im europäischen Kontext ist auch die Subventionierung der Bauern kompliziert. Dass die Summen, die in Lünen ankommen, so unterschiedlich sind, liegt vor allem an der sogenannten Basisprämie, die den Großteil der Förderung ausmacht. Die nämlich richtet sich alleine nach der Ackerfläche des Landwirts. Je mehr Fläche, desto mehr Zuwendungen.

Rund 660.000 Euro: EU-Subventionen sind für viele Landwirte überlebenswichtig

Auszug einer Überprüfung der EU. Die überprüft jedes Jahr auf den Quadratmeter genau, ob die von den Landwirten für die Basisprämie angegebenen Flächen stimmen. Auf dem Bild ist ein Feld von Carl Schulz-Gahmen zu sehen, unten dessen Hof. © Fröhling

Der Landwirt mit der größten Fläche ist in Lünen Carl Schulz-Gahmen, zugleich Vorsitzender des Lüner Landwirte im Bauernverband - einer Interessensvertretung der Landwirte. Über 200 Hektar bewirtschaftet er. Das ist viel für Lünen. Hier ist die alte Struktur noch teilweise erhalten, alte Höfe mit kleinen Äckern, Familienbetriebe. In anderen Ländern sieht das anders aus, aber auch in Ostdeutschland und in Niedersachsen. Die vielen Hektar Fläche sind auf immer weniger Betriebe verteilt.

Für den Bereich Lünen ließe sich - in kleinerem Maßstab - eine ganz ähnliche Kurve ziehen. Das zeigen Zahlen, die die NRW-Landwirtschaftskammer auf Anfrage mitteilt. 1991 gab es demnach noch 89 landwirtschaftliche Betriebe in Lünen, 1999 noch 57, 2007 waren es noch 50, zuletzt waren es 2016 noch 39 Betriebe. Interessant: Die Zahl der größeren Höfe ist seit 1991 konstant geblieben, während die Zahl der Höfe unter 50 Hektar von 59 auf nur noch 28 gesunken ist.

Die EU-Basisprämie ist daran nicht alleine schuld, sagt Carl Schulz-Gahmen. Sie trage dazu aber bei. „Bei uns Bauern ist es aber wie in der Industrie“, sagt er, „wachse oder weiche“. Wer nicht wachse, müsse auch in anderen Bereichen stark werden, wie sein Nachbar, der Landwirt Goertz, der seine Waren jetzt auch direkt über den Hofladen vertreibt.

Schulz-Gahmen selbst hat 2017 rund 75.000 Euro von der EU bekommen, über 43.000 davon aus der Flächen-gebundenen Grundprämie. Der Rest kommt aus anderen Programmen, etwa dem Greening. Dabei gibt es Geld zum Beispiel dafür, wenn der Landwirt Blühstreifen anlegt, in denen Insekten sich wohl fühlen, die wiederum zur wichtigen Nahrungsquelle für Vögel werden.

Hier verursachen die EU-Regeln Probleme

Klingt sinnvoll. Aber ist auch schon ein Beispiel für strenge Regeln, die die Arbeit vor Ort schwierig machen. Der Landwirt verpflichtet sich nämlich dazu, einen Blühstreifen etwa für fünf Jahre anzulegen. Der wiederum muss einmal im Jahr geschnitten werden, was im Grunde auch richtig ist.

Rund 660.000 Euro: EU-Subventionen sind für viele Landwirte überlebenswichtig

So sieht es aus, wenn alles gut geht: Blühende Pflanzen direkt neben dem Feld. © Goldstein

Das Problem: Nach EU-Regeln muss die Mahd auf der Fläche liegen bleiben. Die Mahd wiederum wirkt wie Dünger, der Boden wird so nährstoffreich, dass das aggressive Gras alle blühenden Pflanzen verdrängt. „Spätestens nach drei Jahren ist das eine Graslandschaft und es gibt keine blühenden Pflanzen mehr“, sagt er.

Trotz allem: Das Geld aus dem EU-Topf sei für fast alle Landwirte wirklich wichtig, sagt Schulz-Gahmen. Er als Ackerbauer hänge stark von den Getreidepreisen ab. Fallen die, werden die Prämien auch schnell überlebenswichtig. So wie im Moment.

Genau so sieht das auf dem Bio-Hof Schulze Wethmar aus.

Senior-Chef Dirk Schulze Wethmar sagt klar: „Bekämen wir die Prämie nicht mehr, könnten wir nicht weiter ökologisch wirtschaften und die biologischen Lebensmittel könnten nicht zu den jetzigen Preisen angeboten werden.“

Ein „wahnsinniger Dokumentationsaufwand“ sei das allerdings, wolle ein Landwirt die Prämien aus Brüssel auch erhalten, sagt sein Sohn Vitus. „Aber ein Bauer sitzt heute halt nicht mehr so viel auf dem Trecker, sondern auch viel im Büro.“

Der EU-Haushalt wird immer für sieben Jahre festgeschrieben, „Mehrjähriger Finanzrahmen“ (MFR) heißt das. 2021 startet ein neuer Zeitraum, in dem, das wird momentan immer klarer, für Landwirte wohl neue Regeln gelten werden. Die viel kritisierte Grundprämie soll zum Beispiel gedeckelt werden. Heißt: Ab einer bestimmten Hektarzahl gibt es keine zusätzliche Förderung mehr. Das macht dann vor allem die großen Höfe weniger rentabel: Vitus Schulze Wethmar findet das gut. Und da sei er nicht der einzige: „Da würde jeder westdeutsche Familienbetrieb unterschreiben.“ Kein einziger Betrieb in Lünen müsste dadurch eine Kürzung der Zuwendungen befürchten - dafür sind sie zu klein.

Schulze Wethmar spricht sich für weitere Veränderungen aus. Insgesamt weniger Geld für die reine Fläche, dafür mehr für Greening, für den Verzicht auf Pestizide, für vielfältige Fruchtfolgen, Blühstreifen und so weiter. Eine Verschiebung der Gelder in die anderen Fördertöpfe. Schließlich habe der ökologische Landbau eine besondere Bedeutung für die Gesellschaft, schone die Ressourcen und schütze die Umwelt.

Darum eine besondere Prämie für Öko-Landwirte

Wieso Öko-Landwirte eine besondere Prämie erhalten, zeigt ein Beispiel. Weil sie weniger Pestizide anbauen, wachsen auf den Äckern nicht nur die Nutzpflanzen, sondern auch Wildkräuter wie Mohn oder Kornblume. Das lässt sich so nicht verhindern. Im Boden gibt es dadurch aber eine Konkurrenz um die Nährstoffe, die eigentliche Nutzpflanze wächst weniger - und die Erträge sinken.

Ab 2021 wird sich nicht nur die Verteilung der Gelder ändern – es wird auch weniger im Geld im Topf liegen. Das liegt an neuen Prioritäten in der EU, das liegt aber auch am bevorstehenden Brexit, der alleine ein 12-Milliarden-Loch im Haushalt reißen wird. EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger hat in seinem ersten Entwurf für den neuen Haushalt schon gezeigt, was das für die Landwirte heißen wird. Bisher gab es pro Jahr rund 58 Milliarden Euro für die Agrarhilfen. Die sollen künftig aber um rund fünf Prozent gekürzt werden.

Das tut auch den Landwirten vor Ort weh. „Werden die Zahlungen aus Brüssel weniger, müssten hier eigentlich die Verbraucherpreise steigen“, sagt Biolandwirt Vitus Schulze Wethmar. Er befürchtet aber, dass genau das nicht passieren wird, weil die großen Betriebe das alles besser kompensieren können und so den Preis stabil halten. Dann bekommen die kleinen Landwirte Probleme. Die sieht auch Schulz Gahmen. „Wir hier im Westen sind nicht so schlagkräftig wie die großen Betriebe im Osten oder im Ausland.“

Der heimische Abgeordnete im EU-Parlament ist Dietmar Köster. Der Sozialdemokrat sagt auf Anfrage, dass ein Großteil der momentanen Subventionen, nicht an Dinge gekoppelt sind, die im Interesse des Gemeinwesens sind. „Ich bin dafür, dass die Förderungen stärker an Bedingungen der ökologischen Landwirtschaft orientiert sind, etwa den Verzicht auf Glyphosate oder Tierwohl.“ Ein weiteres wichtiges Kriterium für die Sozialdemokraten im EU-Parlament sei, dass die Subventionen nicht mehr so stark die Großbauern fördern, sondern „in erster Linie die Kleinen“.
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