Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Schläge, Tritte und ein Zwischenfall, der tödlich hätte enden können - jahrelang wird sie von ihrem Partner erniedrigt. Es hört erst auf, als sie sich trennt - aus einem anderen Grund.

Werne

, 18.07.2018 / Lesedauer: 7 min

Schmetterlinge im Bauch, große Glücksgefühle und strahlende Augen, wenn man den anderen sieht. Die Liebe kann Unbeschreibliches in einem Menschen auslösen. Sie lässt uns aber auch Dinge tun, die manchmal nicht nachvollziehbar sind. Sie hat eine junge Frau aus Werne an einen Partner gefesselt, der ihr alles andere als gut getan hat.

„Es gab keine Hemmungen vor nichts“

Es begann alles mit einer Ohrfeige. Was dann folgte, entwickelte sich zum Albtraum. Schläge, Tritte, Bisse. „Es blieb kaum etwas aus. Es gab keine Hemmungen vor nichts“, sagt die junge Frau, die bereit ist, über die jahrelange Gewalt, die sie in ihrer Beziehung erlebt hat, zu sprechen. Sie möchte anonym bleiben. Wir nennen sie Anna.

Die erste Zeit ist schön. Das erste halbe Jahr ihrer Beziehung genießt Anna. „Er hat mir das Blaue vom Himmel erzählt – eben alles, was eine Frau hören will“, sagt die 31-Jährige. Doch irgendwann kommt die erste Ohrfeige. Dabei bleibt es nicht. „Wenn er getrunken hatte, passierte es grundsätzlich, dass er mich angegriffen hat.“ Regelmäßig kommt es zu diesen Übergriffen des eigenen Partners, die die Psychologen „Häusliche Gewalt“ nennen.

Übergriffe selbst in der Öffentlichkeit

Es passiert in der Wohnung von Anna, aber auch in der Öffentlichkeit. Alle zwei Wochen, wenn Annas Kinder bei dem leiblichen Vater sind, wird ihr Partner ausfällig. Die Kinder spüren, dass es ihrer Mutter nicht gut geht, dass sie oft weint. „Warum trennst du dich nicht?“ Doch darauf hat Anna keine Antwort.

Eigentlich weiß Anna schon früh, dass das, was hier läuft, nicht richtig ist. Doch einen Schlussstrich ziehen, kann sie nicht. Auch nicht, als es zu einer Situation kommt, die tödlich hätte enden können. Nach einem Streit geht Anna mit ihren Kindern zu ihrer Mutter. „Ich hatte ihn nicht beachtet, weil ich es nicht vor den Kindern austragen wollte. Da wollte er mich umfahren. Er ist auf den Bürgersteig gefahren und hat nur ganz knapp meinen Sohn verfehlt.“ Er hat keine Skrupel, keine Grenzen. Doch Anna bleibt bei ihm.

Trotz der Gewalt: Ein Leben ohne ihn ist unvorstellbar

Drei Jahre lang lässt sie die Schläge über sich ergehen. Warum trennt sich Anna nicht einfach? Was für Außenstehende die einzig logische Konsequenz wäre, scheint für Anna unmöglich. Sich von ihrem Partner zu trennen, war lange keine Option. Denn er habe sie manipuliert und isoliert. Er sorgte dafür, dass Anna keine anderen Kontakte mehr pflegte. Er war ihr Anker. Die einzige Bezugsperson.

Ein Leben ohne ihn konnte sie sich lange nicht vorstellen – trotz der Übergriffe. „Mir ging es psychisch so schlecht. Und er war derjenige, der nur noch für mich da war und der mir geholfen hat. Er war also mein Retter in der Not“, erzählt die heute 31-Jährige. Immer tiefer sei sie in die Beziehung gerutscht. Die Schläge, die Erniedrigung blendet sie aus.

Manipulation und „Frauengeschichten“

Was sie viel mehr beschäftigt, sind „andere Frauengeschichten“, wie Anna es sagt. „Wenn ich ihn darauf angesprochen habe, hat er mir eingeredet, dass ich mir das einbilde. Er hat mich da so hingestellt, als sei ich schizophren und ich würde mir alles ausdenken. Deswegen müsste ich mir Hilfe suchen. Und er hat es so rübergebracht, dass ich dem Glauben geschenkt habe.“ Auch wenn sie ihn auf die Übergriffe anspricht, glaubt sie ihm, dass er sich ändern will. Er habe das von seinen Eltern nicht anders vorgelebt bekommen, habe er erwidert, erzählt Anna.

Immer wieder verzeiht sie ihm. „So war er am Ende das Opfer und ich hatte selbst mit ihm Mitleid. Es wurde so ausgelegt, dass man selbst daran schuld wäre, dass die Dinge passieren“, sagt sie. Weil sie keine weiteren sozialen Kontakte mehr hat, macht Anna alles mit sich selbst oder mit ihm aus. „So war ich in der Zwickmühle. Wenn ich ihn nicht hatte, hatte ich niemanden. Und niemanden zu haben in dieser schwierigen Phase ist auch nicht gerade gut.“

Betroffene von häuslicher Gewalt ziehen sich zurück

Dass sich Betroffene zurückziehen und isoliert leben, ist typisch für Frauen, die unter häuslicher Gewalt leben. Auch Schamgefühl und fehlendes Selbstwertgefühl zeigen die Frauen, die in der Frauen- und Mädchenberatungsstelle des Kreises Unna Hilfe suchen.

„Die Frauen glauben es wirklich, wenn der Mann fünf Jahre sagt, dass sie nichts wert seien. Die Frauen sind dann davon überzeugt, dass das so richtig ist“, erklärt Heike Bagusch, Diplom-Sozialarbeiterin. Viele Betroffene würden sich schämen, weil sie das mit sich machen lassen. Auch, dass es keine Grenzen mehr für den Mann gibt, sei typisch.

Verändertes Gesellschaftsbild

Die 56-jährige Sozialarbeiterin erkennt aber auch ein verändertes Gesellschaftsbild. „Man fragt nicht, wie die Gewalt aufhören kann, sondern fragt immer, wie eine Frau nur so etwas mit sich machen lassen kann. Das muss sich heute keine Frau mehr gefallen lassen. Aber das System ist ein anderes. Was ich erlebe ist, dass das Selbstwertgefühl kaputtgemacht wird. Sie trauen sich dann gar nichts mehr zu. Deshalb brauchen sie eher Unterstützung“, sagt sie. Viele Betroffene richteten den Blick auf den Täter. Sie beschäftigten sich eher mit seinen als mit ihren eigenen Bedürfnissen.

Auch als Anna vor knapp drei Jahren in die Beratungsstelle nach Unna kommt, stellt sie die Frage: Was muss ich ändern, damit er damit aufhört? Sie stellt schnell klar, dass sie sich nicht trennen möchte. „Das ist nur schwer für mich auszuhalten. Wenn man von den Übergriffen weiß, und weiß, dass das jetzt so weitergehen soll“, sagt Beraterin Heike Bagusch.

Bis nichts mehr ging

Dass sie professionelle Hilfe benötigt, versteht Anna, als es für sie weder vor noch zurückgeht. „Das habe ich gemerkt, nachdem ich eine Woche im Bett gelegen habe und nur geweint habe und nichts mehr ging. Ich habe mit niemanden darüber geredet. Ich habe mich geschämt. Ich wusste, dass ich mich sowieso nicht trennen konnte und ihn dann noch ins schlechte Licht rücken – das wollte ich auch nicht. Das Aufstehen fiel mir sehr schwer. Ich habe gar nichts mehr hinbekommen in meinem Leben“, erzählt sie.

Zurück in ihr Leben findet sie dank der Unterstützung der Frauenberatungsstelle. Auch wenn es ihr nicht leicht fällt, über das Erlebte zu sprechen, tut ihr diese Anlaufstelle, ihre einzige Anlaufstelle, gut. „Das war sehr befreiend. Auch Verständnis zu bekommen, tat sehr gut. Mir wurde oft gesagt, dass ich gar nicht so schlecht bin, wie man vielleicht denkt. Auch das tat sehr gut“, erzählt Anna.

Selbstbewusstsein gestärkt

Mit der Zeit lernt die junge Frau, mit gewissen Situationen besser umzugehen. Der regelmäßige Austausch stärkt ihr Selbstbewusstsein. Sie möchte etwas ändern in ihrem Leben. Sie möchte stark für ihre Kinder sein.

Vor eineinhalb Jahren zieht Anna endgültig die Reißleine. Sie trennt sich von ihrem Partner, mit dem sie sechs Jahre lang zusammen war. Entscheidend für das Aus der Beziehung sind aber nicht die körperlichen Übergriffe, an die sich Anna irgendwie schon gewöhnt hat. Immer wieder habe es andere Frauengeschichten gegeben, so Anna. Und eine dieser Geschichten gibt der Mann zu.

Psychische Schmerzen bleiben

„Es hört sich vielleicht blöd an. Aber die Schläge und körperliche Gewalt, die er mir angetan hat, das vergeht. Aber die psychischen Schmerzen, die bleiben. Ich wollte nicht mehr so leiden. Die Frauengeschichten waren für mich viel schlimmer“, sagt Anna. Heute, mit etwas Abstand, ist sie froh über diese Frauengeschichten. Vielleicht hätte sie sich bis heute nicht von dem Mann getrennt, der sie jahrelang geschlagen hat und von dem sie sich hat abhängig machen lassen.

„Es gibt Momente, in denen man sich zurückversetzt fühlt. In manchen Momenten ist es noch nicht vergessen, was da passiert ist“, sagt Anna heute. Regelmäßig tauscht sie sich mich Sozialarbeiterin Heike Bagusch in der Frauenberatungsstelle Unna aus. Es tut ihr gut, zu reden.

Kritische Situationen

Sie wird immer noch mit kritischen Situationen konfrontiert. Nun hat sie aber Wege gefunden, wie sie damit umgehen kann. Besonders schwierig ist es, wenn sie ihren Ex-Partner wiedersieht, etwa wenn sie mit dem Hund spazieren geht.

„Ich fange an zu zittern, wenn ich ihn sehe. Ich versuche zu flüchten, damit ich näher auf irgendwas eingehen muss oder ich Angst haben muss, dass er sich wieder melden würde oder dass er wieder vor meiner Tür steht. Vor Übergriffen habe ich nicht so viel Angst wie vor diesen psychischen Geschichten. Das war viel schlimmer, das aushalten zu müssen“, sagt die 31-Jährige. Er wohnt nur zwei Straßen von ihrer Wohnung entfernt.

„Es ist wichtig, sich selbst zu mögen“

An ihrer Seite hat Anna nun einen neuen Partner. Er gibt ihr Kraft. Er habe ihr geholfen, den Prozess zu beschleunigen, meint Anna. Einen neuen Partner zu haben, sei für die Verarbeitung aber nicht entscheidend, glaubt sie.

„Es ist wichtig, sich selbst zu mögen. Wichtig ist, mit sich im Reinen zu sein, sich selbst gut zu fühlen. Es ist wichtig, dass man selbst aus seinem Leben etwas macht. Und dass man allein klar kommt. Man muss nicht zwingend jemanden an seiner Seite haben, um glücklich zu sein.“ Es sind genau die Worte, die die Sozialarbeiterin hören möchte. Heike Bagusch strahlt. Und Anna strahlt.

Anderen Frauen Mut machen

Anna hat sich bewusst dazu entschieden, über ihre Erlebnisse zu berichten. Es fällt ihr nicht leicht. Doch sie möchte anderen Frauen Mut machen.

„Viele wissen vielleicht auch nicht, dass es das Angebot gibt. Der Weg ist nicht aussichtslos. Man muss da nicht alleine durch. Niemand muss so leben. Niemand hat es verdient, so zu leben. Jeder hat das Recht darauf, glücklich zu leben. Ich weiß aus Erfahrung, dass es Frauen gibt, die das so mitmachen, weil sie denken, dass es keinen anderen Ausweg gibt. Aber den gibt es.“

Die Frauen- und Mädchenberatungsstelle des Frauenforums im Kreis Unna bietet Informationen und psychosoziale Beratung zu den Themen psychische Belastungssituationen, Lebenskrisen, Probleme in Partnerschaft und Familie, Trennung und Scheidung, Essstörung, selbstverletzendes Verhalten, Co-Abhängigkeit, Stalking, Existenzsicherung. Die Beratungsstelle, die seit dem 1. Juli 2017 offene Außensprechstunden für Werne, Lünen und Selm anbietet, gibt Fachberatung zu den Themen häusliche Gewalt und/oder sexualisierte Gewalt. „Hier ist nicht der erste Wille, sich von dem Partner zu trennen. Wir arbeiten daran, wie Gewalt aufhören kann und was man für sich tun kann, damit man sich selbst besser fühlt“, erklärt Diplom-Sozialarbeiterin Heike Bagusch. Unter häuslicher Gewalt versteht man Gewalttaten innerhalb der Familie oder Partnerschaft. Jede vierte Frau in Deutschland hat schon einmal eine Form von häuslicher Gewalt erlebt. Die offene Außensprechstunde findet an jedem 1. und 3. Montag im Monat von 9 bis 12 Uhr statt. Die Frauen- und Mädchenberatungsstelle in Unna ist montags und mittwochs von 10 bis 12 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 15 bis 16 Uhr unter Tel. (02303)82202 erreichbar sowie per E-Mail an frauenberatungsstelle@frauenforum-unna.de Das Beratungsangebot ist kostenlos, eine anonyme Beratung ist möglich. Weitere Informationen gibt es unter www.frauenforum-unna.de
Lesen Sie jetzt