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Landwirte im Kreis Unna müssen halbfertigen Mais ernten

dzFolgen der Hitze

Der Juli war in der Region einer der trockensten seit Beginn der Niederschlagsaufzeichnungen vor 127 Jahren. Und auch im August gab es bisher kaum Regen im Kreis Unna. Das vergrößert die Probleme der Bauern. Sie müssen nicht nur den Mais ernten, bevor er gänzlich vertrocknet – es drohen auch Notverkäufe von Tieren.

Kreis Unna

, 08.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Wenn es in diesem Sommer, in dem es gefühlt nie regnet, dann doch einmal Niederschlag gibt, ist er lokal sehr unterschiedlich verteilt. Während es in Bönen am vorvergangenen Wochenende einen Starkregen gab, warteten die Bauern in Bergkamen und Kamen vergeblich darauf. Was den Mais betrifft, ist die Lage in manchen Regionen mittlerweile „dramatisch“, sagt der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe, Hans-Heinrich Wortmann. Vor allem in Bergkamen, wo der Boden sandig sei und kein Wasser speichern könne, stünden die Bauern vor verheerenden Problemen. Sie überlegen, den Mais schon bald abzuernten, bevor er vertrockne und gänzlich unbrauchbar ist. Eigentlich befindet sich der Mais aber gerade in der wichtigsten Phase der Körnerbildung. Eine vertrackte Situation also, unter der vor allem die Tiere, an die die goldenen Körner im Winter verfüttert werden sollten, leiden könnten: Laut Wortmann gibt es auf manchen Höfen bereits ernsthafte Überlegungen, Vieh zu verkaufen, weil die Fütterung im Winter zu teuer werden könnte.

Landwirte im Kreis Unna müssen halbfertigen Mais ernten

Im vorigen Jahr besuchte Johannes Röring vom LWL den Hof Kortenbruck in Bergkamen-Heil zur Erntebilanz. Die fällt dieses Jahr wohl noch schlechter aus. © Stefan Milk

Guter und schlechter Mais

Normalerweise wird der Mais laut Wortmann erst Ende September oder Anfang Oktober geerntet. Dieses Jahr werde das viel früher passieren. „Wir diskutieren lebhaft darüber, wann wir den Mais ernten sollen“, berichtet Landwirt Heinz-Dieter Kortenbruck. Er betreibt einen Hof in Bergkamen-Heil und gehört somit zu jenen, die es dieses Jahr besonders hart trifft. Einen Plan B hat Kortenbruck aber schon. „Ich werde meinen Mais mit Erntegut von besseren Böden vermischen.“ Denn wenn Maiskolben mit kaum oder gar keinen Körnern gelagert würden, könne eine alkoholische Gärung einsetzen – und das sei für die Tiere nicht gesund. Das verhindert er, indem er besseren Mais mit seinem eigenen vermischt. Wie Hans-Heinrich Wortmann erklärt, könnte auch Mais, der quasi unfertig ist und keine oder wenige Körner in den Kolben hat, an Vieh verfüttert werden. Weil er aber weniger Energie hat, müssten die Tiere mehr davon bekommen.

Landwirte im Kreis Unna müssen halbfertigen Mais ernten

Der Bergkamener Landwirt Heinz Dieter Kortenbruck muss wohl einige Kühe verkaufen, weil er nicht genug Futter für den Winter hat. © Stefan Milk

Ein großer Kreislauf

Den guten Mais bekommt Kortenbruck von Betrieben, die den Mais nicht für Viehfutter anbauen, sondern beispielsweise für Biogasanlagen. „Bevor ein Tier hungern muss oder geschlachtet wird, verkaufen diese Betriebe ihren Mais lieber für Tiere als für die Energiegewinnung“ , erklärt Kortenbruck. Des Weiteren gebe es Schweinebetriebe, die die Maiskolben an ihre Tiere verfüttern. Kolben ohne Körner seien für diese Betriebe jedoch unbrauchbar, weshalb sie ihren Mais an Bauern wie ihn verkaufen würden – denn Kühe könne man damit trotzdem füttern. Jene Betriebe würden ihre Schweine im Winter dann mit Getreide füttern. Und das wirke sich wiederum auf den Getreidemarkt aus. „Getreide könnte teurer werden“, erklärt Kortenbruck. Der Bergkamener wird also über Umwege genug Futter für sein Vieh bekommen, doch das kostet ihn einen hohen Preis. 15 Hektar Mais wolle er von guten Feldern ernten. „Das kostet mich pro Hektar plus Ernte circa 2500 Euro. Das belastet den Betrieb.“

Verkaufen statt satt machen

Kortenbruck wird außerdem einige Kühe verkaufen müssen. Den Verkauf der Tiere, die ohnehin wegmüssten, werde er wegen der teuren Futterpreise vorziehen. „Es macht keinen Sinn, sie dick zu füttern, um einen besseren Schlachtwert zu kriegen“, sagt er. Gesunde Tiere, die noch gute Milch geben, wolle er aber behalten. Entscheidungen wie die von Kortenbruck haben zur Folge, dass der Rindfleischpreis kurz vor dem Zusammenbruch sei, erklärt der Kamener Bauer Hans-Heinrich Wortmann. „Vor allem in Ostdeutschland und Brandenburg werden massiv Tiere angeboten.“

Das alles wäre gar kein Problem, wenn nicht beispielsweise der Milchpreis so hoch wäre und die Bauern mehr Geld hätten, um die Tiere zu füttern. „Die Landwirtschaft hat eben auch was mit Wirtschaft zu tun“, sagt er. Und genau das wird auch in aktuellen, überregionalen Diskussionen deutlich, in denen vonseiten der Landwirte laut wird, dass die Politik eingreifen müsse. „Sinnvoll wäre hier die Möglichkeit zur Bildung einer steuerlichen Risikoausgleichsrücklage, damit wir einzelbetrieblich in guten Jahren besser Vorsorge treffen können für die schlechten Jahre“, wird dazu der Präsident des Westfälich-Lippischen Landwirtschaftsverband, Johannes Röring, in einer Pressemitteilung zitiert.

Landwirte im Kreis Unna müssen halbfertigen Mais ernten

Landwirt Heinz-Dieter Kortenbruck © Stefan Milk

Hilfe zur Selbsthilfe

Das sieht Kortenbruck genauso. Während Geld auch Trittbrettfahrer und am Ende vielleicht nicht die betroffenen Landwirte erreichen würde, wäre ein Ausgleich der Steuerlast hilfreich. Gebe es in einem Jahr einen riesigen Gewinn, müsse das versteuert werden und bis zur Rückzahlung würde es ein bis zwei Jahre dauern. Deshalb könne es passieren, dass er in einem Jahr sowohl aktuelle Steuern, als auch Steuern aus dem Vorjahr und dann auch noch Vorauszahlungen tätigen müsse. Das sei vor allem in Jahren wie diesem kaum leistbar. „Gebt uns einen Puffer“, fordert Kortenbruck. „Als Unternehmer sind wir auf schlechte Zeiten vorbereitet. Aber irgendwann sind die Reserven aufgebraucht.“

  • In der Lippe-Region war der Juli 2018 einer der trockensten Juli-Monate seit Beginn der Niederschlagsaufzeichnung im Jahr 1891. Der diesjährige Juli steht bei den durchschnittlichen Regenmengen an viertletzter Stelle, wie der Lippeverband mitteilte.
  • Der Niederschlag von 24,5 mm entspricht 24,5 Liter Regen pro Quadratmeter und rund 30 Prozent des langjährigen Juli-Mittelwertes von 82 mm.
  • Noch weniger Regen im Juli gab es zuletzt im Jahr 1983. Damals fielen lediglich 22 mm.
  • Trotz der großen Trockenheit regnete es stellenweise bemerkenswert heftig. So wurden am 28. Juli in Bönen in einer Stunde rund 31 mm Niederschlag gemessen. Dies entspricht einem Starkregenindex (SRI) von 7 und kommt statistisch seltener als einmal in 50 Jahren vor.
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