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IHK-Präsident: Einzelhandel muss die Kunden verführen

Auswirkungen des Onlinehandels auf die Innenstädte

So bewegt wie zurzeit waren die Zeiten für die Wirtschaft in der Region lange nicht mehr. Trumps Strafzölle, die Digitalisierung und der Fachkräftemangel sind nur drei Stichworte, die viele Unternehmen umtreiben. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) sieht viele Chancen, aber auch Risiken.

Unna, Dortmund

, 26.06.2018 / Lesedauer: 2 min
IHK-Präsident: Einzelhandel muss die Kunden verführen

Die IHK-Spitze: Präsident Heinz-Herbert Dustmann (l.) und Hauptgeschäftsführer Stefan Schreiber. © Ekkehart Bussenius/Tania Reinick

Lösungen zu suchen statt immer nur zu problematisieren, ist ein Credo von Heinz-Herbert Dustmann, der seit gut zwei Jahren dem ehrenamtlichen Präsidium der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund vorsteht. Klare Vorstellungen äußert er etwa in Bezug auf die Zukunft des stationären Einzelhandels, der vor allem in Klein- und Mittelstädten, wie es sie im Kreis Unna gibt, seit Jahren erodiert. Klar ist: Die Bedeutung des Onlinehandels wird weiter wachsen, die jährlichen Zuwachsraten sind zweistellig. Doch anstatt darüber zu jammern, gelte es zu überlegen, was der örtliche Einzelhandel dem entgegensetzen könne, sagte Dustmann am Dienstag bei einem Pressegespräch in Dortmund. Eine Chance der Ladengeschäfte liege in ihrer sozialen Funktion, so Dustmann. Damit sie diese erfüllen können, brauche es die passenden Mitarbeiter („Das Internet kann nicht lächeln“), attraktive Räumlichkeiten und ein eben solches Umfeld. Dustmann: „Wir können die Kunden nicht erziehen, sondern sollten sie im positiven Sinne verführen, indem wir den Einkauf zum Freizeiterlebnis machen.“ Vor diesem Hintergrund erscheint es freilich umso fragwürdiger, wenn in einer Kreisstadt wie Unna die Fußgängerzone seit Jahren marode ist – gefährliche Stolperkanten inklusive. Auf die Frage, ob eine Stadtverwaltung nicht etwas falsch mache, wenn sie die Sanierung auf die lange Bank schiebe, reagierte der IHK-Präsident zurückhaltend. Er könne und wolle sich nicht in die Politik von Unna einmischen. Aber man müsse die Prioritäten dort setzen, wo es für die Bürger und Unternehmen am meisten bringe, sagte Dustmann. Er gab zu bedenken: „Wenn ich kein Geld in die Innenstadt investiere, schadet das dem Einzelhandel.“ Und schließlich auch dem Stadtsäckel, weil weniger Gewerbesteuern fließen.

Die IHK-Spitze zu aktuellen Entwicklungen... ... auf dem Ausbildungsmarkt: Die IHK ist zuversichtlich, im achten Jahr in Folge über 5000 neue Ausbildungsverträge in der Region (Dortmund, Kreis Unna, Hamm) eintragen zu können. Die Zahlen zum Stichtag 31. Mai lagen um 1,1 Prozent über dem Vorjahresniveau. Erfreulich sei vor allem die Entwicklung im Kreis Unna mit 4 Prozent Zunahme, während Hamm einen Rückgang von 5,7 Prozent zu verzeichnen hat. Dortmund legte um 1,4 Prozent zu. Trotzdem sind noch viele Plätze frei. In der IHK-Lehrstellenbörse waren zum 1. Juni noch 712 Ausbildungsplätze zum Ausbildungsbeginn 1. August inseriert. ...im Bereich Energie: Es gibt inzwischen zwei Netzwerke von insgesamt 14 Unternehmen, die gemeinsam daran arbeiten, ihre Energieeffizienz zu erhöhen und Kosten einzusparen. Ziel des ersten Netzwerkes ist es, jährlich zehn Gigawattstunden Energie einzusparen. Stolz ist die IHK zudem auf ihre „Energie-Scouts“: Das sind insgesamt 38 Azubis, die in ihren Ausbildungsbetrieben Einsparpotenziale ausloten und Verbesserungen anregen. Azubis der Firmen Remondis und Wilo haben ihre Aufgabe so gut gemeistert, dass sie demnächst nach Berlin fahren dürfen, um sich mit den deutschlandweit besten Energie-Scouts in einer Art Finale zu messen. Für die nächste Projektrunde, die im September beginnt, gibt es bereits eine lange Interessentenliste. Sie steht allen Ausbildungsberufen offen. ...im Welthandel: Im Land des Exportweltmeisters hängt jeder vierte Arbeitsplatz vom Export ab, in der Industrie sei es sogar jeder zweite, sagt IHK-Präsident Dustmann. Die USA seien unter Präsident Trump völlig unberechenbar geworden und ihre Abschottungspolitik eine Gefahr für den Welthandel. Von den Strafzöllen hält die IHK-Spitze naturgemäß nichts, vertritt aber in Bezug auf die getroffenen Gegenmaßnahmen auch die Meinung, dass Europa sich nicht alles bieten lassen dürfe. „Wir müssen auch Stärke zeigen“, so Dustmann, der einmal mehr bedauerte, dass die EU durch den bevorstehenden Austritt Großbritanniens „gewaltig geschwächt“ werde. Die IHK weiß von 300 Unternehmen aus der Region, die außerwirtschaftliche Aktivitäten mit Großbritannien unterhalten, bei den USA sind es rund 200. Der Handel werde künftig nicht nur durch die Zölle teurer, sondern auch durch den bürokratischen Mehraufwand. Als „drittes Pulverfass“ nannte der IHK-Präsident das nach Unabhängigkeit von Spanien strebende Katalonien. ...in der Regionalplanung: IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schreiber kritisierte am Dienstag mangelnde Wirtschaftsfreundlichkeit im Regionalplan für das Ruhrgebiet. Sobald es um die Neuausweisung von Gewerbeflächen gehe, sei der Aufschrei groß. Dabei müssten Restriktionen dringend abgebaut werden, wenn nicht in wenigen Jahren das Schild „Ausverkauft“ aufgehängt werden solle. Laut der IHK standen Ende 2016 im Ruhrgebiet rund 2150 Hektar an planerisch gesicherten Flächen für die gewerblich-industrielle Nutzung zur Verfügung. Das waren 249 Hektar weniger als 2013 und 742 Hektar weniger als 2008. 53 Prozent der Flächen seien zudem mit Nutzungsrestriktionen behaftet (Altlasten, mangelhafter Zuschnitt, mangelndes Verkaufsinteresse des Eigentümers, Flächenrückhalt für Eigenbedarf). Es reiche nicht aus, nur Brachflächen zu reaktivieren, um die Anforderungen der Unternehmen zu erfüllen. Die IHK plädiert gegenüber dem Regionalverband Ruhr (RVR) für eine Ausweitung des Planungszeitraumes von 20 auf 25 Jahre, was eine zusätzliche Ausweisung von 667 Hektar Fläche für Gewerbe und Industrie bringen würde.
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