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Wir sehen, hören, riechen, fühlen: Ununterbrochen sammeln die Sinne Informationen. Manche Menschen nehmen diese Eindrücke besonders intensiv wahr. Sie sind hochsensibel.

Unna

, 04.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Wenn Andrea Kempf einen spannenden Krimi im Fernsehen sieht, dann kann sie manchmal nächtelang nicht schlafen. So sehr wühlt sie die Geschichte auf, schwirren die Eindrücke durch ihren Kopf. Manche Szenen holen sie auch noch Jahre später in ihren Träumen ein. Denn Kempf nimmt die Welt intensiver wahr als andere Menschen. Sie ist hochsensibel. Für die 51-Jährige eine Gabe, mit der sie aber erst einmal umzugehen lernen musste.

Dass sie anders war als andere, das merkte Kempf schon früh. Auf den Begriff „Hochsensibilität“ stieß sie allerdings erst vor 15 Jahren, als sie versuchte, einem Bekannten zu helfen, der übermäßig auf gewisse Reize reagierte. Dabei wurde ihr bewusst, dass auch ihre Wahrnehmung von Gerüchen, Geräuschen und Licht besonders ausgeprägt war. Auch für Gefühle und Stimmungen von anderen hatte sie schon immer ein besonderes Gespür.

„Hochsensibilität“ – geprägt wurde der Begriff von der US-amerikanischen Psychologin Elaine Aron. 1997 veröffentlichte sie ihre erste Studie zu diesem Thema. Ihre Theorie: Bis zu 20 Prozent der Menschen nehmen Sinneseindrücke stärker und intensiver wahr als der Durchschnitt.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Büchern und einige Anlaufstellen für alle, die Beratung suchen – aber auch viele Stimmen, die von einer Trend-Diagnose ohne wissenschaftliche Basis sprechen. Hochsensible haben es daher oft schwer, anderen Menschen begreiflich zu machen, was Hochsensibilität bedeutet.

Auch Kempf wusste erst gar nicht, was Hochsensibilität bedeutet. Anfangs machte sich die Unnaerin auch noch gar keine Gedanken darüber. Erst mit der Zeit beschäftigte sie sich immer mehr mit dem Thema. „Seitdem lerne ich mich selbst immer besser kennen. Das ist ein Prozess“, sagt sie. Wie bei einem Puzzle, zu dem immer weitere Teile hinzugefügt werden.

Gabe zunutze gemacht

Und Kempf hat sich ihre Hochsensibilität zunutze gemacht. 15 Jahre lang war sie als Teamleiterin im Kommunikationsbereich tätig – mit Personal- und Budgetverantwortung. Der Job bedeutete permanenten Stress, der sich auch auf das Privatleben auswirkte. „Ich bin nur so durch das Leben gerannt“, erinnert sich Kempf.

Parallel dazu beschäftigte sie sich aber immer mit der Hochsensibilität, spezialisierte ihr Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen, las Bücher, belegte entsprechende Seminare. Vor vier Jahren zog sie dann die Reißleine und eröffnete eine Praxis als Heilpraktikerin für Psychotherapie in Werl. Ihre Berufung, wie sie sagt. Seitdem arbeitet sie mit Menschen, die Begleitung, positive Impulse und Energie brauchen. Auch viele Hochsensible gehören zu ihren Patienten. „Da ich selbst hochsensibel bin, kann ich mich sehr gut in sie hineinfühlen“, betont die 51-Jährige.

Was für Kempf eine Gabe ist, empfinden andere Hochsensible allerdings als Fluch. Weil sie Sinneseindrücke viel ausgeprägter und ungefilterter wahrnehmen, sind sie schneller erschöpft als normalsensible Menschen, fühlen sich überfordert. Bei manchen kommen auch körperliche Symptome wie Übelkeit, Magenbeschwerden oder Kreislaufprobleme hinzu. Die Betroffenen ziehen sich zurück, flüchten nicht selten in die Einsamkeit.

Viele ziehen sich zurück

So wie zum Beispiel ein Bekannter von Kempf. Er ist hochsensibel und hat im Laufe der Jahre eine besondere Sensibilität für Gerüche entwickelt. Schon bei der geringsten Wahrnehmung von Parfüm oder Deo reagiert er empfindlich. Sein Weg war der komplette Rückzug.

Auch Andrea Kempf musste erst lernen, mit ihrer Hochsensibilität umzugehen. Und auch heute noch gibt es Situationen, in denen sie sich zurückzieht, Zeit für sich braucht. Zum Beispiel, wenn sie bei einer Feier auf viele Menschen trifft, im Hintergrund am besten noch ein Radio dudelt. „Dann ziehe ich mich kurz zurück, lege mich für eine halbe Stunde hin. Und danach ist alles wieder gut“, erklärt die 51-Jährige.

Auch in der Natur, beim Musizieren und „komischerweise beim Aufräumen“ kommt sie zur Ruhe. „Das hilft mir, wenn ich bei irgendeiner Sache Klarheit brauche“, betont Kempf. Ihre Praxis dient der 51-Jährigen ebenfalls als Rückzugsort.

An die große Glocke hängt Kempf ihre Hochsensibilität nicht: „Die meisten Menschen in meinem Umfeld wissen auch gar nicht, dass ich eine besondere Gabe habe.“ Sie wolle sich auch nicht dahinter verstecken oder ihre Hochsensibilität als Ausrede benutzen. Nur im Kreise ihrer besten Freundinnen, die ebenfalls hochsensibel sind, geht sie ganz offen mit dem Thema um. „Es tut mir auch einfach gut, mich mit ihnen auszutauschen, ohne bewertet zu werden“, betont die Unnaerin.

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