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Der ungewöhnliche Weg des unabhängigen „Frollein Meier“

dzAbschied von Schulleiterin

Digitalisierung, gesunde Ernährung und Bewegung, europäische Integration und Flüchtlingsklassen: Für das alles und mehr steht das Märkische Berufskolleg Unna. Und mit ihm der Name Angelika Burkholz. Jetzt geht die langjährige Schulleiterin in den Ruhestand.

Kreis Unna

, 06.07.2018 / Lesedauer: 4 min

Eigentlich“, bekennt Angelika Burkholz am Ende eines langen Gespräches mit einem Schmunzeln, „wollte ich ja Balletttänzerin werden“. Doch in einer Familie mit sieben Kindern war das Geld knapp, „es hat nur zum Sport- und Schwimmverein gereicht“. Und schließlich wurde sie etwas ganz anderes: Schulleiterin am Märkischen Berufskolleg in Unna. Nach 19 ereignisreichen Jahren wurde die 65-Jährige am Freitag in den Ruhestand verabschiedet.

Vorreiter in Digitalisierung

In „ihrer“ Schule hinterlässt sie eine große Lücke, hat sie das Berufskolleg doch in fast zwei Jahrzehnten ihres Wirkens in vielen Bereichen zum Vorreiter gemacht – Stichwort Digitalisierung, aber auch Bewegung oder gesunde Ernährung.

Dass sie ihr Weg einmal in die Leitung einer Schule mit fast 1300 Schülern führen sollte, war so nie geplant. Als zweitältestes von sieben Kindern kümmerte sich die gebürtige Wuppertalerin zunächst um ihre jüngeren Geschwister, war sie doch das älteste Mädchen in der Familie. Früh übernahm sie so Verantwortung für andere, lernte Selbstständigkeit und wünschte sich Unabhängigkeit. Um diese mit ihrem Wunsch nach eigenen Kindern vereinbaren zu können, schien der jungen Angelika Burkholz, die damals noch Meier hieß, der Lehrerberuf der richtige zu sein.

Der ungewöhnliche Weg des unabhängigen „Frollein Meier“

Landrat Michael Makiolla überreichte Angelika Burkholz bei der offiziellen Verabschiedung am Freitag in Unna einen Strauß Blumen. © UDO HENNES

Steiniger Weg für „Frollein Meier“

Doch der Weg dahin war nicht leicht. Angelika Meier, die erst viele Jahre später ihren Mann Klaus heiraten sollte, war hochschwanger, als sie das erste Staatsexamen ablegte. Dass sie unverheiratet war, missfiel dem Professor in der Prüfung so sehr, dass er sie als „Frollein Meier“ triezte und nur mit Ach und Krach bestehen ließ. Andere wurden ihr bei der Jobsuche aufgrund besserer Noten vorgezogen, doch „zum Glück“, sagt Burkholz heute, fehlten seinerzeit Lehrer an den Berufsschulen.

Start mit Friseurunterricht

Die Fachrichtung durfte sie sich freilich nicht aussuchen. Sie musste die Friseure unterrichten. Im Praktikum in einem Salon in Herne musste sie damals die Handtücher waschen und die Haare zusammenfegen. Nebenbei unterrichtete sie bereits an einer Schule in Castrop-Rauxel und legte schließlich nach zwei Jahren die theoretische Prüfung zur Friseurmeisterin bei der IHK zu Münster ab. Die Zeiten waren anstrengend für die Mutter zweier damals kleiner, heute längst erwachsener Söhne. „Aber wenn man etwas wirklich will, dann zieht man das durch. Und ich wollte unbedingt Lehrerin werden“, sagt Burkholz im Rückblick.

Über Gelsenkirchen und Dortmund nach Unna

Erst bei ihrer nächsten beruflichen Station in Gelsenkirchen unterrichtete sie die Fächer, die sie in Bochum studiert hatte: Sport und Sozialpädagogik. Burkholz schrieb außerdem Lehrpläne und Richtlinien in Bewegungserziehung für das Ministerium in Düsseldorf. Die heute üblichen „Bewegungsbaustellen“ in Kitas gingen daraus hervor. Über einen Lehrauftrag an der Uni Dortmund und die Leitung der Fachschule für Motopädie, die sie später nach Unna holen sollte, gelangte sie schließlich 1999 ans Märkische Berufskolleg.

Der ungewöhnliche Weg des unabhängigen „Frollein Meier“

Eine klassische Schreibtischtäterin ist Angelika Burkholz beileibe nicht. Doch als Schulleiterin gehört Büroarbeit natürlich zwangsläufig dazu. © Marcel Drawe

Aus Dankbarkeit in die SPD eingetreten

Die Entscheidung über die Schulleitung fällte damals noch der sozialdemokratisch dominierte Kreistag – und tat dies, obwohl Burkholz kein SPD-Mitglied war. Erst später trat sie in die Partei ein, wohl auch ein wenig aus Dankbarkeit, wie sie mit Blick auf ihr Studium sagt. Schließlich habe die SPD seinerzeit das Bafög eingeführt – und ohne die finanzielle Unterstützung vom Staat hätte sie nicht studieren können.

Fast zwei Jahrzehnte hat Burkholz nun die Geschicke des Berufskollegs gelenkt – und in dieser Zeit viele Pflöcke eingeschlagen, die bleiben werden. Die Schulleiterin, seit jeher nach Unabhängigkeit strebend, adaptierte zügig das damals neue Modell „Selbstständige Schule“, das der Schule mehr Eigenständigkeit brachte und etwa erlaubte, selbst Lehrer einzustellen. Auch ein eigenes Budget war damit verbunden. Burkholz nutzte die gewonnene Freiheit etwa, um der Schule einen vergleichsweise frühen Einstieg in die Digitalisierung zu ermöglichen. Schon 2005 waren alle Klassenräume mit PC und Beamer ausgestattet, 2009 standen überall interaktive Tafeln, sogenannte Smartboards. Um die über 100 Lehrer im Kollegium mitzunehmen, etablierte sie eine Fortbildungskultur. Neuzugänge werden längst selbstverständlich und selbstständig von den „alten Hasen“ geschult.

Der ungewöhnliche Weg des unabhängigen „Frollein Meier“

Von dem ersten Preisgeld der Auszeichnung zur „Guten gesunden Schule“ schaffte das Märkische Berufskolleg 2013 Fitnessgeräte für den Schulhof an. © Udo Hennes

Bewegung und gesunde Ernährung

Weitere Meilensteine aus Burkholz‘ Amtszeit sind die Förderung von Bewegung und gesunder Ernährung, sicht- und greifbar in Form der Fitnessgeräte auf dem Schulhof und der Cafeteria von Schülern für Schüler. Nicht zu vergessen die Förderung benachteiligter Jugendlicher sowie die Beschulung von Geflüchteten in internationalen Förderklassen. Ob die Berufsschulzeit für Flüchtlinge, die die deutsche Sprache noch nicht ausreichend beherrschen, verlängert werden kann, beschäftigt Burkholz auch aktuell noch intensiv. Es laufen Gespräche mit Kreishandwerkerschaft, Jobcenter und Betrieben.

Kann jemand, der seinen Beruf so sehr liebt und lebt, denn einfach aufhören? Einfach wohl kaum. Doch Burkholz gibt zu, dass sie sich sehr darauf freue, künftig mehr Zeit zu haben. Zeit für ihre Familie inklusive Enkelkindern, Zeit für ihre Freundinnen. Und dann ist da ja auch noch der Traum von der Nordamerika-Reise mit dem Wohnmobil und dem Heli-Skiing. Mit einem Hubschrauber auf einem schneebedeckten Berg irgendwo in Kanada zum Skifahren abgesetzt zu werden – es ist ein Traum, den wohl nicht viele träumen. Der aber zur unabhängigkeits- und freiheitsliebenden Angelika Burkholz bestens passt.

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