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„Wenig später wurde unser Haus von einer Brandbombe getroffen“

Kriegsende vor 74 Jahren

Walter Potthast erlebte das Kriegsende als achtjähriger Junge am Gartenplatz in Kamen. In seinen Familienerinnerungen schildert er den dramatischen Tag, als die Amerikaner einmarschierten.

Kamen

von Walter Potthast

, 11.05.2019 / Lesedauer: 7 min
„Wenig später wurde unser Haus von einer Brandbombe getroffen“

Walter Potthast © Stefan Milk

Mein Gedächtnis setzt erst ein, als wir zum Gartenplatz in Kamen gezogen sind. Es gab und gibt auch heute noch den Gartenplatz 1 und 2. Die Häuser waren fast ausschließlich Beamten vorbehalten. Wir wohnten in der Hausnummer 16 am Gartenplatz 2. Da auch die Eltern meines Vaters zu uns zogen, hatten sie in der Mansarde ihren eigenen Bereich.

Zu Weihnachten 1944 Spielzeug bekommen

Deutschland steckte mitten im Zweiten Weltkrieg, viele Väter waren an der Front, und wir Kinder mussten unser Leben selbst in die Hand nehmen. Auch mein Vater war für einige Zeit in Böhmen und Mähren, in Iglau, wenn ich mich recht erinnere. Von dort hat er mir zu Weihnachten (wahrscheinlich 1944) Spielzeug, insbesondere Tiere, geschickt.

„Wenig später wurde unser Haus von einer Brandbombe getroffen“

Walter Potthast als kleines Kind mit seiner Mutter am Gartenplatz. © Stefan Milk

Es war das Weihnachtsfest, bei dem alles darauf hindeutete, dass wir keinen eigenen Weihnachtsbaum daheim bekommen würden. Mit Gerhard Reichenberg (den wir Krambambulli nannten), der sicher sechs Jahre älter war als ich und schon Grundkenntnisse beim Jungvolk (einer Jugendorganisation im Dritten Reich) gesammelt hatte, zog ich deshalb durch die Felder zum Overberger Busch, um einen Tannenbaum zu organisieren.

Als wir an die Autobahn (A 2) kamen, erinnerte ich mich, dass mir mein Vater verboten hatte, sie zu überqueren. Mein Mitstreiter redete auf mich ein, schnell über die Straße zu laufen, aber ich fand eine andere Lösung. Ein im Durchmesser etwa 80 Zentimeter großes Betonrohr unterquerte die Autobahn in einer Länge von etwa 20 Metern. Als ich glücklich, aber verschmutzt auf der anderen Seite angekommen war, mein Kumpel war schon da, mussten wir noch einen Kilometer bis zum Wald zurücklegen. Wir suchten uns zwei schöne Tannenbäume aus, fällten sie und schleppten sie in Richtung Gartenplatz.

Vom Schutzmann nicht erwischt

Auf der Autobahnbrücke an der Hammer Straße sahen wir einen Polizeibeamten, der auf einem Fahrrad in Richtung Stadtmitte fuhr, und da seine Sicht auf uns relativ frei war, befürchteten wir, dass er uns entdecken würde. In der Nähe des Gartenplatzes waren zwei Bachläufe, der Goldbach und der Silberbach. Sie verliefen durch das Feld oberirdisch und verschwanden kurz vor der Wohnbebauung unter der Erde, um dann am Mühlentorweg in die Seseke zu münden. Beide waren beim Verlassen des oberirdischen Verlaufs durch ein schweres Eisengitter versperrt, damit niemand unbefugt in das Rohr kriechen konnte. Mein Partner war stark genug, um es anzuheben, und wir ließen unsere Tannenbäume dahinter verschwinden. Dann machten wir uns aus dem Staub, damit uns der Schutzmann nicht erwischte.

„Wenig später wurde unser Haus von einer Brandbombe getroffen“

Walter Potthast als zehnjähriger Junge in der Falkschule. Das Foto entstand in der Nachkriegszeit. © Stefan Milk

Streiche am Gartenplatz gespielt

An der Hammer Straße stand früher eine Villa mit einem großen Garten, der mit vielen Obstbäumen bestanden war. Das Grundstück war von einem hohen Drahtzaun umgeben. Ich war vielleicht sieben Jahre, als ich in den groben Maschen etwa zwei Meter den Zaun hochkletterte, um einen reifen Apfel zu pflücken, der mich anlachte. Als der Besitzer, der mich entdeckte, seinen Schäferhund auf mich hetzte, habe ich mir die Hose vollgemacht.

Streiche haben wir Kinder vom Gartenplatz uns natürlich auch ausgedacht. Wie alle Kinder haben wir „Klingelmännchen“ gespielt oder die Klingelknöpfe gar mit Streichhölzern festgestellt. An einen Streich aber erinnere ich mich besonders. Im Haus Reck, einem Schloss im Norden Kamens, wohnte damals eine alte Frau, die uns Kindern unheimlich vorkam. Es hielt sich das Gerücht, dass sie im Turm des Schlosses wohnte. Sie wurde deshalb von uns „Turmeule von Haus Reck“ genannt. Gelegentlich ging sie in die Stadt, um einzukaufen.

Als dies mal wieder der Fall war und wir sie von Weitem kommen sahen, besorgten wir uns ein altes Portemonnaie, befestigten einen Bindfaden daran und legten es auf den Gehweg. Das andere Ende des Fadens zogen wir durch die Hecke, die unseren Garten umgab, und wir versteckten uns dahinter. Als die Frau sich bückte, um die Geldbörse aufzuheben, zogen wir an dem Faden und liefen davon. Ihr lautes Gezeter verfolgte uns.

„Wenig später wurde unser Haus von einer Brandbombe getroffen“

Soldaten der alliierten Truppen verlassen während der Landung in der Normandie im Zweiten Weltkrieg ein Landungsboot (Archivfoto vom 6. Juni 1944). © dpa

Städte wurden immer häufiger bombardiert

Die Front kam immer näher, und immer häufiger wurden die großen Städte in der Umgebung bombardiert. Man sah nachts die „Tannenbäume“ am Himmel, die die feindlichen Flugzeuge sichtbar machen sollten, Lichtkegel suchten den Himmel ab, ein englisches Flugzeug flog im Derner Feld, dort wo heute die Gärtnerei Wegmann angesiedelt ist, in eine Hochspannungsleitung und stürzte ab. Der Pilot war tot. Ein Mitglied der Flugzeugbesatzung schwebte an einem Fallschirm zur Erde.

Wir Kinder machten derweil Mutproben. Jeden Tag wurde der Mutigste ausgezeichnet. Krambambulli war unser Anführer und dachte sich immer wieder neue, zum Teil gefährliche Herausforderungen aus. Wir mussten aus einer hohen Weide springen, und wer vom höchsten Ast sprang, war der Tagessieger und bekam eine Auszeichnung.

Meine größte Mutprobe

Man muss bedenken, dass ich erst sieben Jahre alt war, als ich meine größte Mutprobe anging. Animiert von den Fallschirmspringern, die wir täglich sahen, nahm ich einen Regenschirm und wir, die Kinder vom Gartenplatz 2, gingen zum Kamener Kreuz. Die Brückenfragmente für die heutige A 1 waren schon im Rohbau erstellt. Ich wagte meinen ersten „Fallschirmsprung“. Mein „Fallschirm“ versagte natürlich seinen Dienst und schnappte über, sodass ich wie ein Stein metertief zu Boden fiel. Gott sei Dank landete ich weich und trug nur leichte Blessuren davon.

Zwischen den Häusern des Gartenplatzes, die einen rechteckigen Block bildeten, war eine Kuhle. Wintertags dienten uns die Böschungen als Schlittenabfahrten. Bei starken Regenfällen sammelte sich in der Vertiefung wegen verstopfter Abflüsse das Wasser. Für uns war es die Gelegenheit, in Badewannen Boot zu fahren.

Chemische Werke dem Erdboden gleichgemacht

Die Luftangriffe hatten in der Zwischenzeit auch unsere nächste Nachbarschaft erreicht. Die Chemischen Werke (heute Bayer) wurden dem Boden gleichgemacht, der Hammer Bahnhof wurde bombardiert, und dann hatte man auch in Kamen sein Ziel gefunden, die Autobahn.

Jeden Tag tönten die Sirenen. Für uns war es immer ein Ereignis, wenn Herr Knötsch auf der Werner Straße im Handbetrieb seine Sirene betätigte. Dann wurde es Zeit, im Bunker zu verschwinden, der bei „Krambambulli“ im Garten war. Die Bomben schlugen auch am Gartenplatz ein. Zwei Häuser wurden getroffen. Eines davon war völlig zerstört. In diesem Haus wohnte eine Schulkameradin von mir. Sie war während der Bombenangriffe ins Krankenhaus eingeliefert worden und starb dort, als eine Bombe es zerstörte. An ein weiteres Unglück in diesem Haus, kurz vor dessen Zerstörung, kann ich mich erinnern. Ich sah, wie eine alte Frau auf dem Balkon im ersten Stock zum Gartenplatz hin stand und sich gegen das Holzgeländer lehnte. Es war wohl morsch, denn es brach durch und die Frau stürzte auf die darunter liegenden Treppenstufen. Sie war sofort tot.

Zehn-Zentner-Bombe war durchgeschlagen

Durch das Dach eines anderen Hauses war eine 10-Zentner-Bombe bis in den Keller durchgeschlagen, lag auf einer Frau und hatte sie tödlich verletzt. Es war ein Blindgänger, der nicht explodiert war. Auch wir hatten vor unserem Haus einen Bombentrichter. Die Fliegerbombe hatte allerdings keinen größeren Schaden angerichtet. Nur ein Kleiderschrank war umgefallen. Wenig später wurde unser Haus dann von einer Brandbombe getroffen. Das ganze Treppenhaus roch nach Phosphor und der Dachboden brannte. Unter Mithilfe der Nachbarn wurde der Brand gelöscht, wobei Mutter Sefa direkt an der Brandstelle die Wassereimer ausschüttete.

„Wenig später wurde unser Haus von einer Brandbombe getroffen“

Kamen aus der Vogelperspektive auf einem Aufklärungsbild aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Deutlich sind die Bombentrichter zu erkennen. © Stadtarchiv Kamen

Bombentrichter in Gärten und Feldern

Bomben, die ihr Ziel verfehlten, rissen große Bombentrichter in Gärten und Feldern, wenn sie explodierten. Andere, die nicht explodierten, versanken im Erdreich. Da unsere Wohngegend sehr stark bombardiert wurde, sucht man noch heute nach Blindgängern.

Man hörte täglich, dass die Amerikaner bald in Kamen einmarschieren würden. Die Autobahnbrücke an der Hammer Straße war ge-sprengt worden, in der zweifelhaften Hoffnung, dass man die Panzer dadurch aufhalten könnte. Ich kann mich daran erinnern, dass man die Brückenpfeiler mit Sand angefüllt hatte. Zwei Jungen, die jenseits der Brücke wohnten, hatten sich dort hinein einen Bunker gegraben. So sehr waren wir Kinder schon mit den Gedanken an den Krieg und seine Gefahren verbunden. Eines Tages hieß es, das Loch sei eingebrochen und die Jungen darunter begraben worden. Beide sind unter den Sandmassen erstickt.

Mit Panzerfaust auf die Amerikaner gewartet

Löcher gruben sich auch die letzten deutschen Soldaten, die zur Heimatverteidigung eingesetzt waren. Ich selbst habe einen beobachtet, der sich jenseits der zerstörten Autobahnbrücke eingebuddelt hatte und mit einer Panzerfaust auf die heranrückenden Truppen wartete. Andere bauten sogenannte Panzersperren. Eine wurde am heutigen Kreisel am Anfang der Hammer Straße errichtet. Alles was sperrig war, Eisen aber auch Bäume, wurden etwas mehr als einen Meter hoch quer über die Straße gelegt. Spötter sagten damals: „Wenn die Amerikaner die Sperren sehen, lachen sie zehn Minuten und sind dann in zehn Sekunden mit ihren Panzern darüber hinweg.“ Und es war tatsächlich so.

Zur Person

Der Zeitzeuge

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs jährt sich im September zum 80. Mal. Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die aus eigenem Erleben aus der Kriegszeit erzählen können. Walter Potthast wurde 1937 in Menden geboren. Nach der Mittleren Reife wurde er Industriekaufmann. Ab 1963 arbeitete er in der Kreisverwaltung bis zu seiner Pensionierung 1996. Privat engagierte und engagiert er sich u.a. im Sport und im Sozialen und ist auch künstlerisch tätig. Potthast wohnt mit seiner Frau in der Kamener Innenstadt und hat zwei Kinder und sechs Enkel. Am 10. April 1945 marschierten die Amerikaner in Kamen ein, als sich der Ring um den Ruhrkessel immer enger schloss. Damit war für die Bürger, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter die Zeit des Nationalsozialismus vorbei. Der Luftkrieg forderte in Kamen die meisten Opfer. Ein schwerer Luftangriff am 24. Februar 1945 kostete 199 Menschen das Leben. Bis heute werden Blindgänger gefunden. Walter Potthast wohnte damals am Gartenplatz.

Die ersten dunkelhäutigen Menschen gesehen

Ich war bei uns im Garten an der Hammer Straße, als die Amerikaner kamen, mit schweren Panzern, die mir fremd waren, flankiert von dunkelhäutigen Soldaten, die ersten andersfarbigen Menschen, die ich zu sehen bekam. Sie trugen Gewehre in den Händen, die sie zum Boden gerichtet hatten. Auf den Panzern saßen Soldaten, die ebenfalls Gewehre in den Händen hielten. Fußsoldaten, die folgten, gingen in die Gärten und Häuser und suchten nach versteckten deutschen Soldaten. Ab und zu fiel ein Schuss. Auch bei uns im Stall wurden Hühner erschossen. Aus vielen Häusern flatterten weiße Fahnen als Zeichen, dass man sich ergeben hatte und niemanden versteckte, besonders aus den Häusern derjenigen, die vorher ausgesprochen linientreu waren.

Autobahn behelfsmäßig befahrbar gemacht

Nach wenigen Tagen hatte sich der Schrecken gelegt und es kehrte wieder „Normalität“ ein. Behelfsmäßig wurde die Autobahn wieder fahrtüchtig gemacht. Für uns war es die Gelegenheit, dort ab und zu wieder hinzugehen. Manchmal hatten wir Glück, dass gerade eine Kolonne mit nachrückenden amerikanischen Soldaten Rast machte. Wir wurden von ihnen reichlich mit Sachen beschenkt, die uns fremd waren, insbesondere Schokolade, Kekse und Tütchensuppen. Mein Großvater, der etwa um 1880 für einige Jahre in Amerika die doppelte Buchführung in Milwaukee erlernt und nach seiner Rückkehr beim Neuwalzwerk in Menden-Bösperde eingeführt hat, brachte mir wichtige Sätze auf Englisch bei. Der Wichtigste lautete: Do you have some tobacco for my grandfather? Aber ich hatte mit dieser Bitte keinen Erfolg.

Zerschossene Panzer standen herum

Für uns war das Spielen gefährlicher geworden. Zerschossene Panzer standen herum, oft fand man Munition, die nicht explodiert war, Zündschnüren, Panzerfäuste, Gewehrmunition, alles lag herum. Wir Kinder hatten natürlich wenig Ahnung von der Gefährlichkeit und sahen es als neues Spielzeug. Wir bastelten uns selbst Raketen, indem wir das Schießpulver aus den Patronenhülsen entfernten und in Aluminiumhülsen verpackten. Eine Zündschnur wurde dazu gegeben und die Konstruktion am oberen Ende verschlossen. Die Lunte wurde angesteckt und ab ging die Rakete. Bei solch gefährlichen Spielen hat sich mancher schwer verletzt, Augen oder Arme verloren oder gar sein Leben.

In diese Zeit der Wirren fiel meine Einschulung in die Falkschule. Jedenfalls war in der unruhigen Zeit an einen geregelten Unterricht nicht zu denken.

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