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Was man über Flüchtlinge in Kamen wissen muss

dzJahresbilanz liegt vor

398 Flüchtlinge wohnen in städtischen Unterkünften in Kamen, wie aus der nun vorliegenden Jahresbilanz hervorgeht. Bürgermeisterin Elke Kappen (SPD) warnt davor, dass die Stadt auf Kosten sitzen bleibt.

Kamen

, 03.04.2019 / Lesedauer: 3 min

Im Vergleich zum Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs im Jahr 2016 bleiben die Zahlen auf niedrigem Niveau: 173 anerkannte Asylanten und 225 Ausländer, die auf eine Entscheidung warten oder geduldet werden, sind in städtischen Gemeinschaftsunterkünften in Kamen untergebracht, zusammen also 398 Menschen. Zum Vergleich: In Spitzenzeiten waren noch 619 Menschen in der Obhut der Stadt Kamen. „Die große Welle ist weg, das merken wir an den Belegungen und Zuweisungen“, sagt Bürgermeisterin Elke Kappen (SPD).

Neuzuweisungen

Ingesamt 80 Neuankömmlinge wurden der Stadt im vorigen Jahr von den übergeordneten Behörden zugewiesen. Darunter befinden sich nach den zahlenmäßig stärksten Herkunftsländern 23 Syrer, 16 Iraker, elf Türken, acht Armenier und acht Eritreer. Andreas Eichler, Gruppenleiter für Unterstützungsleistungen und Integration, beschreibt die Entwicklung so: „Im ersten Halbjahr hatten wir fast ausschließlich Familiennachzüge, im zweiten Halbjahr haben wir fast ausnahmslos abgelehnte Flüchtlinge bekommen.“ 2019 erreichten bislang 34 Flüchtlinge die Sesekestadt, darunter 14 Türken, je vier Chinesen und Iraker und drei Ukrainer. Jeweils ein neu zugewiesener Flüchtling stammt aus Guinea, Irak, Sri Lanka, Syrien, Äthiopien, Afghanistan, Somalia, Nigeria. Ein Neuankömmling ist staatenlos.

Kosten der Unterbringung

Kamen ist für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig und bekommt dafür eine Kostenerstattung von Bund und Land. Allerdings sind nicht alle Kosten abrechnungsfähig. Ausländer, die aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht abgeschoben werden, also aufenthaltsrechtlich geduldet werden, können laut Bürgermeisterin Kappen maximal drei Monate abgerechnet werden. „Da sollte es eine Regelung geben, um uns zu entlasten“, sagt sie. Die SPD-Politikerin fordert wie auch kommunale Spitzenverbände ein Entgegenkommen des Bundes bei den Kosten der Unterbringung. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte ein Modell vorgestellt, wonach Länder und Kommunen ab 2020 für jeden anerkannten Flüchtling pauschal 16.000 Euro erhalten sollen, die über jeweils fünf Jahre hinweg gestückelt ausbezahlt werden sollten. Kamen rechnet selbst mit Kosten von 1000 Euro pro Flüchtling und Monat.

Schätzungsweise 1000 Menschen, die als Flüchtlinge geblieben sind

Die Auswirkungen des Flüchtlingszuzugs auf Kamens sind schon beim Spaziergang durch die Stadt zu bemerken: Immer häufiger hört man Menschen Arabisch oder Persisch sprechen, auf dem Wochenmarkt gibt es einen Falafel-Stand, auf dem Marktplatz einen Friseur mit arabischem Werbeschild. In der 43.000-Einwohner-Stadt Kamen wohnen schätzungsweise rund 1000 Menschen, die als Flüchtlinge in jüngeren Jahren hier ankamen und geblieben sind. Genaue Zahlen präsentiert die Stadt Kamen nicht, weil sie sich bei ihrem Jahresbericht zur Situation der Flüchtlinge auf diejenigen Personenkreise beschränkt, für die sie nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und nach der Ausländer-Wohnsitzverordnung zuständig ist. Derzeit betreut die Stadt Kamen Menschen aus ungefähr 35 Nationen.

GLOSSAR

VIER SCHUTZFORMEN

Der Begriff „Flüchtling“ wird im alltäglichen Sprachgebrauch vielfach als Synonym für geflüchtete Menschen genutzt. Im Asylrecht umfasst der Begriff allerdings ausschließlich anerkannte Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention, die nach Abschluss eines Asylverfahrens den Flüchtlingsschutz erhalten. Folgende Schutzformen gibt es in der Bundesrepublik Deutschland:
  • Flüchtlingsschutz: basiert auf der Genfer Flüchtlingskonvention und greift auch bei der Verfolgung von nichtstaatlichen Akteuren ein
  • Asylberechtigung: Asylberechtigte sind politisch Verfolgte, die im Falle der Rückkehr in ihr Herkunftsland schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sein werden
  • Subsidiärer Schutz: greift, wenn weder Flüchtlingsschutz noch Asylberechtigung gewährt werden können und im Herkunftsland ernsthafter Schaden droht
  • Nationales Abschiebeverbot: Wenn die drei Schutzformen nicht greifen, kann bei Vorliegen bestimmter Gründe ein Abschiebungsverbot erteilt werden.

Expertin für orientalische Kultur berät

Flüchtlingshilfe-Organisationen wie Pro Mensch und EnTra leisten Integrationsarbeit und beraten Migranten. Und auch die Stadt Kamen bietet Hilfe an, unter anderem durch Andrea Nemeth vom Familienbüro in der Villa „FIB“ am Rathausplatz. Die Expertin für orientalische Kultur berät Familien in jeder Lebenslage. Allein seit Januar seien rund 50 Menschen zu ihr gekommen. Nemeth besucht Familien auch an ihrer Wohnadresse. Dabei kann die gebürtige Ungarin auf einen Pool von Dolmetschern zurückgreifen, zur Not verständigt sie sich mit Händen und Füßen, beispielsweise wenn es darum geht zu klären, ob ein Kind schon bei der vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchung war.

In den vier städtischen Gemeinschaftsunterkünften (Mausegatt 1/3/9 und Am Schwimmbad 6) können die Bewohner den Hausmeister und Sozialarbeiter ansprechen, wenn es Klärungsbedarf gibt. Mit 136 Menschen sind die Heime derzeit zu 50 Prozent belegt - auch im Hinblick auf die Vermeidung von Nachbarschaftskonflikten eine aus Sicht der Stadt günstige Situation.

Was man über Flüchtlinge in Kamen wissen muss

Team des städtischen Familienbüros in der Villa „FIB“ am Rathausplatz in Kamen: (v.l.) Andrea Nemeth, die auch Flüchtlinge berät, Maria Seeberger, Sigrid Tech, Nesrin Sarsar, Tanja Krumrey und Christina Brinkhoff. © Marcel Drawe

In einer früheren Version dieses Artikels fehlte in der Belegungszahl der Heime eine Ziffer. Wir haben die Angabe korrigiert.

Die „Villa FIB“ am Rathausplatz in Kamen ist Anlaufstelle für alle, die Fragen rund um das Thema Familie haben. Unter einem Dach informieren, unterstützen und beraten hier die Stadt Kamen, der Förderverein für Jugendhilfe Kamen sowie die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Städte Bergkamen und Kamen. Am Donnerstag, 4. April 2019, 11 bis 17 Uhr, ist Tag der offenen Tür.
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