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Schlaues Kanalnetz schont die Seseke-Zuflüsse

Lippeverband rüstet technisch auf

Neue Technik im Einzugsgebiet der Kläranlage Bönen sorgt dafür, dass Bäche in Heeren-Werve und Unna bei starkem Regen von Schmutzstößen verschont werden. Die „dynamische Kanalnetzsteuerung“ bewirkt, dass seltener verdünntes Abwasser aus vollen Kanälen überläuft und in die Seseke und ihre Zuflüsse gelangt.

Kamen

09.07.2018
Schlaues Kanalnetz schont die Seseke-Zuflüsse

Das Einzugsgebiet der Kläranlage Bönen, dazu zählt auch Heeren-Werve, hat eine technisch anspruchsvolle Neuerung bekommen. Die sogenannte Kanalnetzsteuerung soll verhindern, dass seltener verdünntes Abwasser in Gewässer abgeschlagen wird.Jochen Durchleuchter/EGLV

Erstmals hat der Lippeverband das Einzugsgebiet einer Kläranlage mit einer „dynamischen Kanalnetzsteuerung“ versehen. Dafür wurde die 2003 erbaute Kläranlage Bönen ausgewählt, zu deren Einzugsgebiet neben Bönen auch Heeren-Werve und der Norden von Unna gehört. Das neue System bewirke, dass bei Starkregen mehr Wasser in der Kläranlage gereinigt wird und weniger verdünntes Schmutzwasser – mangels Alternative – ins Gewässer ab-geleitet wird, teilte der Lippeverband mit.

Wenn es stark oder lange anhaltend regne, komme jedes kommunale Kanalnetz früher oder später an seine Grenze. Die Abwasserkanäle könnten nur eine bestimmte Menge Wasser aufnehmen, ebenso die Kläranlage, die das Abwasser reinigt. Daher werde überschüssiges Wasser zunächst in so genannten Stauraumkanälen gespeichert. Seien diese voll, müsse das Mischwasser – durch Regen verdünntes Schmutzwasser – wohl oder übel in den nächsten Bach abgeschlagen werden. „Die Folgen für die Natur halten sich meistens in Grenzen, jedoch sollten solche Ereignisse so selten wie möglich vorkommen – auch weil dadurch zahlreiche Keime ins Gewässer gelangen“, erläutert der Lippeverband.

Um im Einzugsgebiet der Kläranlagen Bönen die vorhandenen Stauraumkanäle besser auszunutzen, hat sich der Verband nach eigenen Angaben ein intelligentes System einfallen lassen: Das Abwasser kommt aus vier Teilabschnitten des Bönener Einzugsgebietes zur Kläranlage. Dabei fließt es jeweils durch einen Stauraumkanal, der das Wasser zurückstauen und notfalls ins Gewässer ableiten kann. Jeder Stauraumkanal wird automatisch so gesteuert, dass nur die Wassermenge durchgelassen wird, welche die Kläranlage auch verarbeiten kann. Hier setze die neue Kanalnetzsteuerung an, die der Lippeverband zusammen mit dem Institut für technisch-wissenschaftliche Hydrologie Hannover/Dresden (ITWH) entwickelt hat: Wenn es in den vier Teileinzugsgebiet unterschiedlich stark regnet, wissen die vier Stauraumkanäle voneinander. So merke beispielsweise der Stauraumkanal (SKU) Bönen-Werver Mark, wenn am SKU Rexebach und am SKU Randsammler-Ost wenig Wasser ankommt, weil es dort nicht regnet, und lasse entsprechend mehr Wasser durch – eben so viel, wie die Kläranlagen reinigen kann. „Andernfalls hätte hier – nach starkem Regen in einem Teileinzugsgebiet – schon verdünntes Schmutzwasser ins Gewässer abgeleitet werden müssen, obwohl die Kläranlage durchaus noch Reserven hat“, so der Verband. Die neue Steuerung macht also einerseits die Regenwasserbehandlung im Gebiet leistungsfähiger, andererseits würden die Gewässer geschont.

Der vierte SKU am Ligusterweg in Unna gehört zum Abwasserkanal Kortelbach und ist noch im Bau, er wird laut Lippeverband 2019 an das schon bestehende Steuerungssystem angeschlossen. Erstes Fazit die Betriebsabteilung: „Die ersten Ergebnisse zeigen, dass die Steuerung stabil läuft und die prognostizierte Reduzierung der Entlastungsfracht ins Gewässer erreicht werden kann.“ Unterm Strich sei der Umbau mit 200.000 Euro für Steuerungen und deren Programmierung vergleichsweise preiswert, da nirgends neu gebaut werden musste.

Mit dem sogenannten Schmutzstoß aus dem Kortelbach, der vor einigen Monaten zu einem Fischsterben geführt hatte, hat die neue Technik übrigens nichts zu tun: Der Vorfall von damals war ein ungewolltes Überlaufen von leicht verdünntem Abwasser durch einen verlegten Rechen am provisorischen Übergang zwischen dem Schmutzwasser führenden Kortelbach und dem Abwasserkanal Heerener Mühlbach. Die dynamische Kanalnetzsteuerung dagegen verhindert zu häufige Abschläge von stark verdünntem nicht klärpflichtigen Mischwasser aus der Kanalisation ins Gewässer. Der Kortelbach-Kanal wird im Frühjahr 2019 fertig, in einem Jahr ist dann die provisorische Überleitung Geschichte.

Der Lippeverband hat als öffentlich-rechtliches Wasserwirtschaftsunternehmen verschiedene Aufgaben und betreibt zum Beispiel die Kläranlagen in Bönen und Kamen. Zu den Aufgaben zählen die Abwasserentsorgung und -reinigung, der Hochwasserschutz durch Deiche und Pumpwerke und die Gewässerunterhaltung und -entwicklung. Der Lippeverband kümmert sich in enger Abstimmung mit dem Land NRW um die Renaturierung der Lippe – so wie auch die Seseke bereits naturnah umgebaut wurde. Die Stadt Kamen ist eine von 157 Mitglidern.