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Das Amselsterben hat offenbar die Stadt erreicht. Christa und Werner Hennenkemper finden mehrere tote Vögel, die wohl vom Usutu-Virus befallen wurden. Ein Massenphänomen ist es zurzeit nicht.

Kamen

, 01.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Christa und Werner Hennenkemper haben eine kleine Oase vor der Haustür. Nicht den mit der Nagelschere getrimmten Zierrasen, sondern einen Waldgarten, in dem die heimische Tierwelt Unterschlupf findet.

Doch eine Beobachtung bereitet den Naturfreunden, die an der Unnaer Straße leben und sich im Naturschutzbund (Nabu) engagieren, Sorgen. Gleich fünf tote Amseln, die sie in ihrem Garten gefunden haben. Für Werner Hennenkemper (77) ein untrüglicher Hinweis auf das sogenannte Amselsterben. „Man kann das daran erkennen, dass die Vögel immer schwächer werden. Am Ende können sie nicht mehr fliegen.“ Ein weiterer Hinweis auf den von Mücken übertragenen Erreger, der aus den Tropen kommt und Usutu-Virus heißt: Die Vögel waren auf offenem Gelände zu finden. „Bevor sie auf natürliche Weise sterben, ziehen sie sich normalerweise zurück.“

In der Region handelt es sich um die erste größere Sichtung, wie Falko Prünte, wissenschaftlicher Mitarbeiter von der Biologischen Station in Bergkamen-Heil bestätigt. „Es ist nicht auszuschließen, dass es sich um das Virus handelt. Das Wetter passt.“ Letzte Sicherheit könnte nur eine veterinärmedizinische Untersuchung bringen. Das sei, Stand jetzt, allerdings nicht notwendig, weil es noch nicht genügend Meldungen gebe. „Für Menschen ist das Virus nicht gefährlich. Und weil eine Untersuchung kostspielig ist, steht das zurzeit in keinem Verhältnis.“ Würden sich allerdings die Beobachtungen mehren, werde man derlei Hinweisen nachgehen und Untersuchungen in Auftrag geben.

Der Naturschutzbund Deutschland hat bereits im September vergangenen Jahres ein gehäuftes Auftreten des Vogelsterbens beobachtet. Über 650 dieser Beobachtungen sind dort eingegangen. Die meisten Meldungen kranker und toter Amseln stammen aus den wärmebegünstigten Regionen Deutschlands entlang des Rheintals sowie vom Untermain und Niederrhein.

„Infizierte Tiere wirken krank und apathisch“, so schreibt Lars Lachmann, Experte für Vogelschutz, auf der verbandseigenen Website (www.nabu.de). Die durch das Virus verursachten Todesfälle würden jeweils während der Stechmückensaison von Mai bis September auftreten. Infizierte Vögel flüchteten nicht mehr und stürben meist innerhalb weniger Tage. Fast immer seien es Amseln, bei denen diese Krankheit festgestellt wird. Deshalb sei die Usutu-Epidemie auch als ‚Amselsterben‘ bekannt geworden. „Allerdings werden auch andere Vogelarten von diesem Virus befallen und können daran sterben.“ Die deutliche relative Häufigkeit der erkrankten Amseln lasse sich zum Teil durch deren absolute Häufigkeit und Nähe zum Menschen erklären, was die Wahrscheinlichkeit des Auffindens toter Amseln erhöhe. Aber eine besondere Empfindlichkeit dieser Art gegenüber dem Virus sei ebenfalls möglich.

Für Werner Hennenkemper treffen alle Symptome, die die Vogelexperten beschreiben, auf seine Funde zu. Drei Vögel hat er in Nähe seines Pavillons gefunden, zwei vor einem Sichtzaum zur Unnaer Straße. „Ein Vogel lebte zunächst noch, war aber zu schwach, um wegzufliegen.“ Meldungen hat er auch von Freunden aus dem Stadtteil Heeren-Werve erhalten.

Für den Naturfreund ist es wichtig, dass über das Virus informiert wird, damit jene, die auf tote Vögel stoßen, wissen, dass es sich um eine Krankheit handelt. Wer die Tiere in die Untersuchung geben will, beispielsweise beim Veterinäramt des Kreises Unna, sollte sie auf keinen Fall mit bloßen Händen anfassen.

Weniger Gezwitscher

Weniger Gesang in den Morgenstunden, kaum noch Vogelgezwitscher. Wegen des grassierenden Vogel-Virus? Oder wegen der großen Hitze? Mitnichten. „Es liegt daran, dass jetzt die Phase der Mauser läuft“, berichtet der Vogelexperte Falko Prünte. Diese Phase sei sehr energiezehrend. „Die Vögel singen von März bis etwa Juni zur Revierabgrenzung und zur Partnersuche. Das ist jetzt abgeschlossen.“ Jetzt, wo die Kräfte anders benötigt werden, „machen sie nicht den großen Tenor, um dann vielleicht noch den Sperber zu reizen“, sagt er. Freilich würden die Vögel zurzeit auch unter der Hitze leiden, erkennbar am Hecheln und weit aufgesperrten Schnäbeln. In den trockenen Böden seien Regenwürmer für die Vögel kaum erreichbar. Etwas mehr Gesang sei ab Spätsommer und Frühherbst zu erwarten, wenn sich die jungen Männchen einsingen würden – zur Partnersuche im kommenden Jahr.

Die im Durchschnitt steigenden Temperaturen, so führt Prünte aus, würden freilich Vogelarten begünstigen, die aus dem Süden kommen. Wie Neuntöter, Bienenfresser oder Grasmückenarten. Auch Sperlingsarten würden von der Wärme profitieren. Schwierig indes würde es für den Kiebitz, der auf trockenen Feldern kaum Brutstätten finde. „Das hat auch mit der monotonen Agrarlandschaft zu tun.“

Unter www.nabu.de/usutu können im Internet Beobachtungen toter Vögel gemeldet werden. Dort findet man auch eine Anleitung zum Verschicken toter Tiere an das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) in Hamburg oder an Veterinär-Untersuchungsämter. Der Erreger des tropischen Usutu-Virus wird durch Mücken übertragen. Für Vögel ist es tödlich, für Menschen hingegen ungefährlich. In der Regel verläuft die Erkrankung milde, äußert sich mit Fieber oder Hauterscheinungen.
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