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Wie ist es um die Sicherheit in der Kamener Innenstadt bestellt? Wirte berichten von Gästen, die sich nach dem Kneipenbesuch lieber abholen lassen, statt allein zu gehen. Ein Faktencheck.

Kamen

, 03.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Bürgermeisterin Elke Kappen (SPD) hat als Reaktion auf eine Beschwerde von Wirten eine verstärkte Präsenz des städtischen Ordnungsdienstes sowie des externen Sicherheitsdienstes angekündigt. Die Gastronomen haben sich über Störungen beklagt, die von verschiedenen Gruppen junger Leute ausgehen, die sich rund um den Alten Markt treffen. Wiederholt kam es zu Polizeieinsätzen. Auch Anwohner haben sich beschwert.

? Wie viele Einsätze verzeichnet die Polizei?

Die Polizei ist durchschnittlich alle zwei Tage gefragt: Seit Januar gab es 62 Polizeieinsätze im Bereich Alter Markt, Bahnhofstraße und Weststraße – über diesen Bereich wird derzeit vor allem diskutiert. Die Zahl bezieht sich auf alle Einsätze, die im Zusammenhang mit typischen Meldungen und Delikten aus dem Bereich der Straßenkriminalität stehen, also Körperverletzungen, sexuelle Belästigungen, Ruhestörungen sowie ordnungsrechtliche Verstöße. „Auffällig ist, dass sich die Einsatzzahlen seit dem 1. März häufen“, sagt Hauptkommissar Thomas Röwekamp.

? Was waren die Anlässe für die Polizeieinsätze?

20 Mal wurden die Polizisten seit Januar wegen Ruhestörungen gerufen. „Allerdings gingen diese nicht immer von dem bezeichneten Klientel aus, sondern wurden zum großen Teil auch durch die ansässigen Kneipen verursacht oder durch deren Besucher“, erklärt Hauptkommissar Röwekamp. Eine Gaststätte falle besonders auf. Gemeint ist das „Unikum“ an der Bahnhofstraße.

Wegen Schlägereien war die Polizei elf Mal im Einsatz. „Auch hier handelte es sich nicht immer um handfeste Auseinandersetzungen, sondern häufig auch um verbale Streitigkeiten“, erklärt der Polizeisprecher. Wenn die Polizei kam, waren die Beteiligten oft schon weg, sodass die Beamten keine Feststellungen mehr treffen konnten.

Vier Mal waren Streitigkeiten der Anlass für Einsätze. Elf Mal ging es um Randale. „Auch hier war nicht immer ein Störer vor Ort“, sagt Röwekamp. Fünf Mal wurde die Polizei wegen „verdächtiger Personen“ gerufen. „Auch diese waren nicht immer vor Ort, bei einigen wurden bei Antreffen die Personalien festgestellt.“ Dazu kommen noch: drei Einbrüche, eine hilflose Person, ein Hausfriedensbruch, drei allgemeine Hilfeersuchen an die Polizei, zwei Raubüberfälle, eine sexuelle Belästigung.

Faktencheck: Ist es noch sicher, abends über den Kamener Marktplatz zu gehen?

Kiosk am Alten Markt bei der Eröffnung Anfang April: Der Verzehr von Alkohol ist nicht gestattet. © Marcel Drawe

Einsatzprotokoll

Was der Sicherheitsdienst unternimmt

Auszüge aus dem Einsatzprotokoll des privaten Sicherheitsdiensts, der im Auftrag der Stadt Kamen abends auf Streife ist, aus dem Bereich Alter Markt/Bahnhofstraße.
  • 4. Januar, 22.30 Uhr: Aufforderung an Jugendliche, die Musik leiser zu stellen
  • 4. April, 20.05 Uhr: Ruhestörung durch Jugendliche an der Haltestelle
  • 5. April, 20.15 Uhr: Platzverweis an vier Jugendliche wegen Ruhestörung und Alkoholkonsum
  • 21. April, 19.55 Uhr: Ermahnung wegen Verschmutzung durch Sonnenblumenkerne
  • 22. April, 20.15 Uhr: Platzverweis an 17 Jugendliche, die sich an und unter der Haltestelle aufhielten
  • 23. April,19.30 Uhr: Unterbinden des Fußballspiels durch Jugendliche auf dem Marktplatz
  • 25. April, 20.45 Uhr: Platzverweis gegenüber Jugendlichen wegen Lärmbelästigung und BTM-Konsum („Betäubungsmittel“), Zuhilfenahme der Polizei
  • 26. April, 22.25 Uhr: Ermahnung gegenüber ruhestörenden Jugendlichen, Zuhilfenahme der Polizei
  • 27. April, 22.30 Uhr: Platzverweis an Jugendliche wegen Ruhestörung, Zuhilfenahme der Polizei

? Welche Rolle spielt ein neuer Kiosk?

Wirte haben die Vermutung geäußert, dass es mehr Störungen gibt, seit der Kiosk „Kaya“ an der Ecke Marktstraße/Markt Anfang April eröffnet hat. Dort ist ein zusätzlicher Treffpunkt mit Sitzgelegenheiten vor dem Laden entstanden. Allerdings häufen sich Polizeieinsätze schon seit März, sodass ein Zusammenhang mit dem Kiosk bis dahin auszuschließen ist. Polizei und Stadt erklären, dass sie nicht beurteilen können, ob es es einen Zusammenhang zwischen dem Kiosk und der verschärften Situation gibt. „Nach unseren Recherchen ist der Kiosk allerdings nicht die Hauptquelle für die Versorgung mit Alkohol. Dieser wird eher in den umliegenden Geschäften, ob der geringeren Kosten gekauft“, sagt Polizeisprecher Thomas Röwekamp.

? Was sagt der Kiosk-Betreiber?

Kiosk-Inhaber Savas Kaya erklärt, dass er und seine Mitarbeiter zwar Alkohol verkaufen, aber der Verzehr von Alkohol im und vor dem Laden laut vorliegender Gewerbeerlaubnis nicht gestattet ist. Eine Mitverantwortung für Störungen weist er von sich. „Wir wollen nicht, dass Jugendliche besoffen werden und sich dann verkloppen“, sagt Savas Kaya. Der Inhaber kann eine Sondernutzungserlaubnis vorweisen, die ihm das Aufstellen von Tischen und Stühlen draußen erlaubt. Er hat die Möbel dennoch vorerst entfernt. Verkürzt hat der Kiosk auch seine Öffnungszeiten, die bis in die frühen Morgenstunden gingen. Das hängt offenbar mit einem Versäumnis zusammen. Der Inhaber verfüge derzeit nicht über eine baurechtliche Genehmigung, weil im Vorfeld der Eröffnung kein Antrag auf Genehmigung einer Nutzungsänderung gestellt worden sei. „Die Bauaufsichtsbehörde hat mit dem Betreiber Kontakt aufgenommen, um die aktuelle Situation zu klären“, heißt es im Rathaus. Der Inhaber sagt, er habe die Unterlagen nachgereicht und erwarte eine Genehmigung.

Faktencheck: Ist es noch sicher, abends über den Kamener Marktplatz zu gehen?

Gemeinsame Streife von Polizei und städtischem Ordnungsdienst in der Kamener Fußgängerzone (Archivfoto). © Marcel Drawe

? Worüber beschweren sich Gastronomen?

Die Wirte beklagten bei einem Gespräch mit einem Stadtmitarbeiter, der sich ein Bild von der Lage machte, unter anderem das „vermehrte Müllaufkommen sowie die Gefahren, die unter anderem durch das (nicht gestattete) Fußballspielen auf dem Marktplatz entstehen. So berichtet es die Stadtverwaltung. Gegenüber unserer Zeitung prangerten Wirte auch den Konsum illegaler Drogen und andere Straftaten an und äußerten die Angst vor Übergriffen.

? Was unternehmen Polizei und Ordnungsamt?

Die Ordnungsbehörden vereinbarten bei einem kurzfristig von Bürgermeisterin Kappen anberaumten Treffen am vorigen Freitag ein gemeinsames Vorgehen. Mit dabei waren der Bezirkspolizist Frank Ellerkmann sowie Sonja Wundrock, Leiterin des Bezirks- und Schwerpunktdienstes Kamen und stellvertretende Leiterin der Polizeiwache. Ordnungsdienst und Polizei wollen häufiger gemeinsam auf Streife gehen. Die Stadt will mit ihrem Ordnungsdienst sowie dem privaten Sicherheitsdienst verstärkt Präsenz zeigen. „Darüber hinaus werden in dem betroffenen Bereich Streetworker das Gespräch mit den Jugendlichen suchen.“

Faktencheck: Ist es noch sicher, abends über den Kamener Marktplatz zu gehen?

Bushaltestelle auf dem Alten Markt in Kamen: Platzverweise für Ruhestörer. © Carsten Fischer

? Fallen bestimmte Personengruppen auf, zum Beispiel Migranten?

Die Stadtverwaltung stellt die Situation so dar: „In den vergangenen Wochen haben sich rund um den Alten Markt Jugendliche und Heranwachsende getroffen, die zum Teil auch Alkohol getrunken haben sollen. In diesem Zuge ist es zu Ruhestörungen gekommen, zum Teil auch zu Körperverletzungsdelikten, wie die Polizei bestätigt. Beschwerden hierüber liegen sowohl von Anwohnern als auch von Gastronomen vor.“ Die Störungen gingen sowohl von Deutschen als auch von Migranten aus. Ein Beispiel: Der Kamener (24), der eine Frau auf der Weststraße sexuell belästigt haben soll, indem er sein Geschlechtsteil entblößte und „Ficki Ficki“ rief, hat einen indischen Pass. Massenhafte Übergriffe von Migranten auf Frauen, wie in der Silvesternacht 2015 in Köln, gibt die Polizeistatistik nicht her.

? Können Frauen sich abends allein in die Stadt trauen?

Das hängt von der persönlichen Einschätzung und der individuellen Bewertung aktueller Vorfälle ab. Heike Ross, Vorsitzende des Sozialverbands Kamen, schreibt bei Facebook: „Es wird immer schlimmer in Kamen, als Frau brauchst du dich gar nicht mehr am Abend sehen lassen.“ Die Kriminalstatistik 2018 weist Kamen indessen nicht als Brennpunkt aus. 784 angezeigte Fälle von Straßenkriminalität wurden verzeichnet, ein Rückgang um 7,9 Prozent. Kamen ist demnach also sicherer geworden. Die Gesamtzahl mag hoch klingen, aber mitgezählt wird hier beispielsweise auch Sachbeschädigung, Vandalismus und Betrug, nicht nur Gewalttaten, Überfälle, Diebstähle, sexuelle Übergriffe. Zur Veranschaulichung: In den Zahlen stecken vier Fälle von Handtaschenraub und 18 Raubüberfälle. 20 Sexualdelikte wurden erfasst (allerdings hier auch Fälle häuslicher Gewalt mitgezählt). Viele Frauen sind unabhängig von Statistiken oder aktuellen Entwicklungen jedenfalls vorsichtig unterwegs. Und was sagt die Bürgermeisterin? Die Antwort klingt nicht wie Werbung für Kamen: Schon vor 30 Jahren sei sie nachts nicht allein durch die Stadt gegangen. Das habe sie in der Regel nicht getan weder in Kamen noch anderswo, und das habe mit Vorsicht zu tun und nicht mit der Situation in Kamen. „Selbstverständlich gehe ich abends alleine durch unsere Stadt, häufig von der Aula, aber auch zum Markt oder auf dem Weg zu Freunden.“

Dieser Artikel wurde gegenüber einer früheren Version um ein ausführlicheres Zitat der Bürgermeisterin ergänzt, um klarzustellen, dass sie zwar abends, aber in der Regel nicht nachts allein durch die Stadt geht.
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