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Es muss nicht immer Windows und Microsoft sein

dzOpen Source Software

Open-Source-Software wie „Firefox“ gilt als besonders vertrauenswürdig. Jede vierte Software im Rathaus erfüllt bereits solche offenen Standards. Eine Totalumstellung wird aber abgelehnt.

Kamen

, 16.03.2019 / Lesedauer: 3 min

Der Kamener Stadtrat hat der Forderung der Bündnisgrünen eine Absage erteilt, die Computersysteme im Rathaus komplett auf Software mit offenen Standards und kostenlose Programme umzustellen. Mit den mehrheitlichen Stimmen der SPD wurde ein entsprechender Prüfauftrag der Bündnisgrünen am Donnerstag abgelehnt.

Der Hintergrund: Programme wie der Internetbrowser „Firefox“ oder das Büroprogramm „Open Office“ verfügen über frei verfügbaren Quellcode, im gegensatz zu vielen kommerziellen Programmen, die nur als Binärdatei ohne Quelltext erhältlich ist. Solche geschlossene Software birgt das Risiko, dass sie den Benutzer ausspioniert und Daten unbemerkt an Dritte versendet. Oft ist Open-Source-Software auch kostenlos erhältlich.

Freie Software ist nicht unbedingt zum Nulltarif zu haben

Die Grünen argumentierten unter anderem, dass immer mehr Kommunen europaweit auf „freie Software“ umsteigen würden. „Natürlich tun sie das - wie seit Jahren auch die Stadt Kamen. Schon allein aus Kostengründen“, erklärte Dezernent Ralf Tost. Er führte zahlreiche Beispiele dafür auf, dass die Stadt nicht bloß auf Software-Riesen wie Microsoft vertraut. „Wir setzen rund 220 Programme ein, davon rund ein Viertel Open Source“, sagte er.

Der Dezernent machte durch seinen Vortrag deutlich, dass er den Nutzen von Open-Source-Software nicht überbewerten will. Auch freie Software bzw. Open-Source-Software gebe es nicht zum Nulltarif. „Zwar spart man bei den Lizenzgebühren – dafür zahlt man verstärkt für Schulungen und Service. Bitte, denken Sie nicht an Ihre Verfahren zu Hause!“

Mehr als Windows

Freie Software

  • Zum Surfen im Internet ist der Browser Firefox vom Mozilla sehr verbreitet und verfügt über einen öffentlichen Quellcode. Dieser wird auch in der Stadtverwaltung Kamen genutzt, neben dem kommerziellen Microsoft Edge.
  • Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation - für solche Anwendungszwecke bieten sich LibreOffice und OpenOffice als Alternativen zum Office-Paket von Microsoft an.
  • Musik und Videos lassen sich mit dem VLC Media Player abspielen. Das IT-Portal Heise empfiehlt auch das Media-Center Kodi und für Musik- und Audioaufnahmen Audacity.
  • Alternativen zum Microsoft-Windows-Betriebssystem sind beispielsweise sogenannte Linux-Distributionen wie Debian oder Ubuntu.
  • Beispiele für den Einsatz von Open-Source- bzw. freier Software bei der Stadt Kamen sind eine eigene Cloud, die mit Linux und der Applikation Nextcloud betrieben wird. Der E-Mail-Verkehr läuft über Exim als Mail-Relay-Server, ebenfalls ein Linux-System. Citrix wird als Verwaltungskonsole für Terminalserver benutzt. Als Arbeitsstationen werden abgespeckte PC („Thin Clients“) auf Linux-Basis benutzt. Webserver werden mit dem Open Source Programm Apache betrieben – es sei denn, es handelt sich um Spezialanwendungen. Wo es um Landkarten geht, werde vollständig auf Open- Source-Programme gesetzt, z.B. QGis mit Karten des Regionalverbands Ruhr und Open Streetmap.

An Microsoft führt kein Weg vorbei

Die Stadtverwaltung arbeitet überwiegend mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows, aber überall, wo es sinnvoll sei, würden andere, freie Systeme zum Einsatz gebracht. „Aber wir, das sind meine zehn Kolleginnen und Kollegen aus der Datenverarbeitung, sagen auch ganz deutlich: an Microsoft Office führt derzeit kein Weg vorbei.“ Viele kommunale Fachverfahren setzten das verbreitete Bürosoftware-Paket voraus und könnten nur unter dem Windows-System betrieben werden, zum Beispiel im Finanz-, Personal-, Einwohner- und Sozialwesen.

Am Ende liegt doch ein Windows-Desktop

Als abschreckende Beispiele nannte der Dezernent Städte, die das Rad schon wieder zurückdrehen. München habe mit LiMux komplett umstellen wollen. „Derzeit gehen sie mit einem Millionenaufwand zurück zu Windows.“ Isernhagen werde gern als Kommune angeführt, die ausschließlich mit Linux arbeitet. Dort werde mit abgespeckten PC („Thin Clients“) gearbeitet. „Diese haben nur den Zweck, sich mittels Remote-Desktop-Protokoll mit einem Terminalserver zu verbinden, der dann einen Windows-Desktop zur Verfügung stellt“, so Tost.

Selbst das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik soll sich schon wieder teilweise von den offenen Standards verabschiedet haten. Das BSI habe Versuche, ein einheitliches Betriebssystem (Debian) zur Verfügung zu stellen, eingestellt. Und Freiburg zweifle an einer kontinuierlichen Weiterentwicklung des Apache Open-Office-Paketes.

Trends weisen zu mehr Herstellerunabhängigkeit

Aber auch aktuelle Trends können aus seiner Sicht zu mehr Unabhängigkeit führen. Nahezu alle Hersteller von Kommunalsoftware entwickelten ihre neuen Verfahren als Webanwendung, beispielsweise im Finanz- und Einwohnerbereich und bei der Hausverwaltung. „Andere Anbieter werden folgen. Dies macht die Clients betriebssystemunabhängig. Es ist egal, mit welchem System auf die Verfahren zugegriffen werden – es muss nur ein Webbrowser vorhanden sein.“ Und dieser kann wiederum eine freie Software sein.

Freie Software ja, aber keine Totalumstellung - so lässt sich das Plädoyer des Kämmerers zusammenfassen. Die kleine, aber schlagkräftige IT-Gruppe der Stadtverwaltung beobachte aufmerksam den Markt, nutze die Erfahrungen Dritter und arbeite an der Weiterentwicklung.

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