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Auftanken mit Wasserstoff statt mit Benzin oder Diesel. Die Brennstoffzelle gilt als Technik der Zukunft. Wir zeigen, wie man an Kamens H2-Tankstelle, einzige Station der Region, auftankt.

Kamen

, 25.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Die wasserblaue Tankkarte verschwindet im Schlitz der Tanksäule und auf dem Display leuchtet der Satz auf: „Jetzt können Sie tanken an Zapfpunkt 1“. Es fließt aber kein Benzin oder Diesel und auch kein Strom. Hier fließt Wasserstoff.

Aber nicht sofort. Als Matthias Muermann, Chef des gleichnamigen Toyota-Autohauses, die Zapfpistole ans Auto kuppelt, drückt er erst einmal die grün leuchtende Taste. Jetzt wird über Infrarotsensoren geprüft, ob es ein Leck gibt, wie hoch die Temperatur des Wagens ist und welcher Druck benötigt wird. Danach fließt der flüssige Wasserstoff in den Fahrzeugtank, etwa drei Minuten wird das jetzt dauern für einmal Volltanken für das vollelektrische Fahren, kaum länger als an einer herkömmlichen Tankstelle.

Einmal auftanken bitte, mit Wasserstoff!

Hier wird die Zapfpistole angekuppelt. Bevor der Wasserstoff fließt, kommunizieren Auto und Zapfsäule über eine Schnittstelle, über eine Prüfung des Drucks wird sichergestellt, dass kein Leck vorhanden ist. © Stefan Milk

Auch Wasserstoff ist E-Mobilität

Der Toyota-Chef fährt eines der noch seltenen Autos, die mit der sogenannten Brennstoffzelle betrieben werden. „Auch das Wasserstoffauto fährt elektrisch - nur das Speichermedium ist anders. Es gibt keine Batterie, sondern eine Brennstoffzelle, die Strom erzeugt.“ An der ersten Wasserstofftankstelle der Region, die am Schattweg 8 im Juni 2017 eröffnet wurde, ist er meist allein. Bundesweit gibt es zurzeit etwa 500 Fahrzeuge, bis Ende des Jahres liegt die Prognose bei 1000. Der Toyota „Mirai“ ist eines von zurzeit drei Modellen, die auf dem deutschen Markt zu erwerben sind - Mercedes-Benz stellte jüngst den „GLC F-CELL“ vor und Hyundai ist mit dem „Nexo“ ebenso bereits im H2-Zeitalter. Die Entwicklung macht aber große Sprünge, wie Sybille Riepe, Sprecherin des Wasserstoff-Konsortiums „H2 Mobility“, in Berlin berichtet. Das Konsortium hat die Kamener Tankstelle Anfang 2018 von „Air Liquide“ übernommen. Auch Riepe fährt einen „Mirai“, wie sie sagt, sogar privat. „Das war eine Entscheidung in der Familie - wir haben dafür zwei Wagen verkauft und fahren jetzt nur noch diesen einen.“

Einmal auftanken bitte, mit Wasserstoff!

Der Bordcomputer zeigt die relevanten Daten an, unter anderen den Verbrauch. Er wird in Kilogramm pro 100 Kilometer berechnet. 0,7 Kilogramm pro 100 Kilometer gilt als realistischer Durchschnitt. © Stefan Milk

Fünf Kilo Wasserstoff für 500 Kilometer Reichweite

Der Tankvorgang, den Muermann gerade ausführt, ist fast abgeschlossen. Fünf Kilogramm Wasserstoff passen in den Tank. Damit kann man etwa 500 Kilometer weit fahren, bei sparsamer Fahrweise sogar noch mehr. Wie an der herkömmlichen Zapfsäule kann man über ein Display verfolgen, wieviel gerade getankt wird. Zusätzlich gibt es eine Druckanzeige. 160 Bar zeigt sie an, als der Tank mit 0,7 Kilo relativ leer war. Jetzt ist er der Tank fast voll und die Anzeige zeigt 740 Bar an. „Ist der maximale Druck erreicht, ist der Tankvorgang beendet“, so Muermann. Die Zapfpistole ist durch den Wasserstofffluss ganz kalt geworden. Aus der Zapfsäule flattert ein Beleg. 4,3 Kilogramm, 40,19 Euro.

Einmal auftanken bitte, mit Wasserstoff!

Unterwegs im Toyota „Mirai“. „Es gibt kaum Fahrgeräusche. Das Fahren ist total enspannt“, so Matthias Muermann. „Das ist kein Auto zum Rasen, sondern zum Cruisen.“ © Stefan Milk

Keine Sorgen über steigende Benzinpreise

Sorgen machen um steigende Treibstoffpreise muss sich Muermann nicht. Der Kilopreis ist staatlich festgesetzt auf 9,5 Euro pro Kilogramm. „Das könnte künftig günstiger werden, wenn mehr Wasserstoff produziert wird“, sagt er. Noch ist der Absatz nicht hoch. Die Tankstelle, die seit Juni 2017 geöffnet ist, setzte in den sieben Monaten des Jahres 145 Kilogramm ab. Das sind 29 Tankfüllungen. Im Jahr 2018 waren es bereits 609 Kilogramm (ca. 122 Füllungen). Und in den ersten drei Monaten dieses Jahres sind es bisher 179 Kilogramm. Der bundesweite Durchschnitt einer Station betrug für 2018 117 Kilogramm im Monat. „Es gibt also stärker frequentierte Stationen, Kamen kommt aber“, so Sybille Riepe. Mittlerweile gibt es 65 Tankstellen bundesweit. Die nächsten sind in Münster und Wuppertal. „Und wir investieren weiter“, so Riepe. Geplant ist, nicht mehr solitäre Stationen wie in Kamen zu bauen, sondern die Säulen in bestehende Tankstellen zu integrieren. Wie es der Ölkonzern „Shell“ bereits an einigen Standorten umsetzt. Die bisherigen Absatzzahlen wirken zwar ernüchternd. Die Steigerung von 2017 auf 2018 lässt aber vermuten, wie stark die Technologie wächst: Während 2017 bundesweit 25.863 Kilogramm vertankt wurden, waren es 2018 bereits 64.775 Kilogramm, deutlich mehr als das doppelte.

Einmal auftanken bitte, mit Wasserstoff!

Der FCV Plus, eine Studie, die im Toyota Mega Web Showroom Odaiba in Tokyo zu sehen ist. Das Wasserstoff-Kraftpaket zeichnet sich dadurch aus, dass es auch Haus und Wohnung mit Energie versorgen kann. © Janecke

Zapfpunkt 1 ist wieder einmal frei

Die Wasserstofffahrzeuge werden ein Bestandtteil künftiger E-Mobilität sein. „Es gibt kein Gegeneinander von Elektrofahrzeugen mit Batterie und Wasserstoffautos“, so Muermann. „Das geht Hand in Hand.“ Erstere seien ideal für Kurzstrecke und innerstädtischen Lieferverkehr. Wasserstoff sei geeignet für den Lastverkehr und größere Distanzen. Dass sich E-Mobiliät so aufsplitten wird, davon ist auch Sybille Riepe überzeugt. „Egal ob Züge oder Lastwagen, da glaube ich nicht an die Batterie.“ Sie glaubt aber an die Wasserstofftechnologie und rechnet vor. „Im Jahr 2018 sind aus Windkraft 5,5 Terrawattstunden nicht eingespeist worden. Hätte man davon Wasserstoff produziert, dann wären damit 20 Milliarden Kilometer an Fahrleistung möglich gewesen.“ Bei einer durchschnittlichen Fahrleistung von 13.300 Kilometern hätte man davon 1,5 Millionen Fahrzeuge antreiben können. Noch ist man davon weit entfernt. Zapfpunkt 1 an der Kamener Tankstelle ist gerade wieder einmal frei.

40 Fahrzeuge täglich

Die H2-Tankstelle Kamen

  • 1,5 Millionen Euro sind in die erste H2-Tankstelle im Ruhrgebiet geflossen, davon 800.000 Euro an Fördermitteln durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur.
  • Künftig können dort maximal 40 Fahrzeuge täglich tanken, was eine Gesamtfüllmenge von 200 Kilogramm entspricht.
  • Ein Wasserstofffahrzeug tankt etwa fünf Kilogramm und hat dann eine Reichweite von rund 500 Kilometern.
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